New York vor Hurrikan "Irene" Nur weg vom Wasser

Teile New Yorks sind auf der Flucht vor "Irene". Die Stadtteile nahe des Hudson River wurden zu Evakuierungszonen erklärt, 370.000 Menschen sollen ihre Wohnungen verlassen und in Notunterkünften oder bei Freunden unterkommen - auch SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz ist betroffen.


Die Nachricht kommt zur Mittagspause und sie ist ein Schock. Evakuierung! Die erste in der Geschichte New Yorks, so verkündet es Bürgermeister Michael Bloomberg live im Fernsehen. Ich kann es erst nicht glauben, obwohl wir schon seit Tagen darüber gesprochen hatten, meine Frau und ich, die Nachbarn, die Kollegen im SPIEGEL-Büro. Doch es schien so irreal, theoretisch möglich aber trotzdem irgendwie eine hypothetische Katastrophe, so wie man in einer Kneipenrunde nach drei Bier diskutiert wie es mit Amerika weiterginge, wenn Sarah Palin Präsidentin wäre.

Unsere Wohnung liegt in einem Hochhaus direkt am Hudson River, an der Südspitze Manhattans in Battery Park City. Und wie sich nun herausstellt mitten in der Evakuierungszone A. Uns ergeht es damit genauso wie 370.000 weiteren New Yorkern: Bis Samstag um 17 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit müssen wir unsere Wohnung verlassen haben.

Bis vor ein paar Tagen wussten wir nicht einmal, dass es Hurrikan-Evakuierungszonen gibt. Die meisten unserer Bekannten hatten gelacht, als wir sie Anfang der Woche auf die ersten Meldungen ansprachen, dass der Wirbelsturm es bis nach New York schaffen könnte. Der zieht doch höchstens weit draußen auf dem Meer vorbei, sagten sie, "das ist hier immer so".

Fotostrecke

20  Bilder
"Irene": Der Hurrikan trifft die US-Ostküste
Noch am Freitagabend hatten Freunde ihre für heute geplante Dachterrassen-Party einfach in eine Hurrikan-Party umwandeln wollen. Der Italiener um die Ecke hatte damit geworben, dass es zwar vielleicht windig werde, dafür aber die Drinks ausnahmsweise billiger seien als die in Manhattan üblichen acht Dollar für ein Bier.

Doch ich war seit Tagen besorgt, vor fast 20 Jahren hatte ich schon einmal einen Hurrikan erlebt, in Miami damals. Palmen flogen Meter weit durch die Luft, wir verkrochen uns im Keller. Mit einem deutschen Wintersturm hatte das nichts zu tun. Und ich hatte jetzt das Gefühl, die New Yorker nehmen die Lage nicht ernst genug: Zynisch und von Natur aus schwer zu beeindrucken, dazu noch abgebrüht von all den im US-Fernsehen hochgehypten vermeintlich drohenden Wetterkatastrophen, die dann doch keine wurden.

Aber die Lage änderte sich, als es plötzlich hieß, die U-Bahn werde ab 12 Uhr mittags nicht mehr fahren, in der ganzen Stadt nicht. "Das ist wohl ein Witz", hatte meine Frau noch gesagt, als die Meldung kam. Warum sollte man den Nahverkehr acht Stunden bevor "Irene" kommt einstellen? Und überhaupt: Das hatte es zuletzt nach dem 11. September gegeben. So ernst kann die Lage doch nicht sein. Aber der Bürgermeister meint es ernst: "Es geht um Leben und Tod."

In den Aufzügen unseres Hauses herrscht wenige Stunden vor Ablauf der Evakuierungszeit Hochbetrieb. Über tausend Menschen leben hier in rund 330 Wohnungen auf 27 Stockwerken. Die Stimmung schwankt zwischen Anspannung und bewusst vorgetragener Gelassenheit. Draußen vor der Tür sammeln sich die gelben Taxis, um die Menschen tiefer in die Stadt zu bringen, weg vom Wasser. Doch zum Glück sind viele schon Freitagnacht aufgebrochen, vor allem die Familien. Wie unsere Nachbarn sind sie mit den Kindern aufs Land gefahren.

"Glaubt ihr, es wird gefährlich?"

Andere ignorieren die Evakuierungsanweisungen und bleiben einfach, wie das asiatische Pärchen aus dem 26. Stock, das wir im Aufzug nach unten getroffen haben. "Glaubt ihr, es wird gefährlich?", haben sie uns gefragt und sahen dabei ganz unglücklich aus. Wir haben mit den Schultern gezuckt und geantwortet: "Better safe than sorry."

Manche haben nur einen Rucksack dabei, andere scheinen ihren halben Hausrat mitnehmen zu wollen, fast alle haben Lebensmittel für mehrere Tage eingepackt. Wir selbst haben zwei Taschen gepackt mit Pässen, Laptops, Kleidung für ein paar Nächte. Dazu meine Lieblings-Hemden und das beste Kleid meiner Frau. Man weiß ja nie. Was, wenn der Wind die Fenster eindrückt und stundenlang der Regen in unsere Wohnung peitscht und alles ruiniert? Was, wenn unsere Nachbarn gegenüber nicht die schweren Blumenkübel vom Balkon räumen, die ich heute morgen noch dort habe stehen sehen, und sie ausgerechnet zu uns hinein katapultiert werden? Hochhausfenster kann man nicht verbarrikadieren.

Die Experten im Fernsehen empfehlen, die Vorhänge vorzuziehen, damit das Glas von zersplitterten Scheiben wenigstens ein bisschen aufgehalten wird. Doch ansonsten gibt es weder von der Haus- noch von der Stadtverwaltung Hilfestellungen oder Verhaltensregeln, keine Tipps, die irgendwie helfen. Außer: Gehen sie nicht vor die Tür.

Draußen vor der Tür ist es erschreckend ruhig. Der Fluss und dahinter die Bucht von New York sind weit und leer. Normalerweise herrscht hier reger Schiffsverkehr, gleich nebenan ist die Hauptanlegestelle der Fähren aus New Jersey, die sonst im Minutentakt immer neue Ladungen von Bankern ausspucken. Zur Wall Street sind es zu Fuß von hier nur ein paar Minuten, der Weg führt vorbei an Ground Zero. Vor fast genau zehn Jahren hatten sich hierhin, vor unser Haus, Tausende auf der Flucht vor den zusammenbrechenden Türmen gerettet.

Wie stabil ist das Stromnetz?

Es weht kein Lüftchen, die Luft ist schwer und schwül, der Himmel dunkel und grau. Ab und an fällt heftiger Regen. Die nahe Freiheitsstatue im New Yorker Hafen ist in dem Dunst nur noch schwer zu erkennen.

Im Haus nebenan vernageln sie die Fenster im Erdgeschoss. Wenn der Sturm kommt, wird der Wind wohl das Wasser der Upper New York Bay in den Hudson River drücken und das ganze Viertel fluten. So jedenfalls fürchten es die Experten und es klingt zumindest wahrscheinlich: Der Hudson River schwappt schon zu normalen Zeiten nur knapp einen Meter unterhalb der Uferbegrenzung.

Sollte es so kommen, können wir unter Umständen über Tage nicht in unsere Wohnung zurück, denn wenn einmal die Keller unter Wasser stehen, werden auch die Aufzüge nicht funktionieren. Und in New York sind sie mit Reparaturen schon zu normalen Zeiten nicht die schnellsten.

In der Stadt verteilt gibt es 91 Evakuierungszentren, meistens Schulturnhallen oder Gemeindezentren. Für uns ist eine Highschool im nahe gelegenen Soho vorgesehen. Der Bürgermeister hat allerdings empfohlen zu Freunden oder Verwandten zu gehen.

Auch wir hätten bei Freunden unterkommen können, aber ich brauche eine sichere Stromversorgung, um auch auf dem Höhepunkt des Sturms ins Internet zu kommen und Texte in die Redaktionszentrale nach Hamburg schicken zu können. Das New Yorker Stromnetz ist ohnehin nicht das stabilste und die Behörden warnen ausdrücklich vor eventuell tagelang andauernden Ausfällen. Deswegen gehen wir in ein Hotel am Time Square, das gleich mehrere Notstromgeneratoren hat und auch während des großen New Yorker Blackouts von 2003 mit Elektrizität versorgt war.

Alles wirkt so ruhig

Zunächst müssen wir noch unser Auto holen. Es steht auf New Yorks größtem öffentlichen Parkplatz, rund 20 Minuten zu Fuß von unserer Wohnung. Der Fußmarsch macht mir normalerweise nichts aus, denn so umgehen wir die absurden Preise für Tiefgaragen in Manhattan: Bei uns im Haus oder in umliegenden Parkhäusern das Auto unterzustellen kostet 700 Dollar im Monat. Dann lieber Fußmarsch. Nur ist unser Parkplatz jetzt dummerweise ein Pier mitten im Hudson River. Nicht der beste Ort während eines Hurrikans.

Auf den Straßen ist viel weniger Verkehr als an einem normalen Samstag, obwohl die U-Bahnen gleich nicht mehr in Betrieb sind. Die sechs Kilometer lange Fahrt bis zum Time Square dauert nur zehn Minuten, viel schneller als sonst. Wahrscheinlich haben sich viele New Yorker schon auf das Chaos eingestellt und sind gleich zu Hause geblieben. Manche Geschäfte sind bereits zu. Alles wirkt so ruhig.

Zum wiederholten Male kommen uns Zweifel. Hätten wir einfach bleiben sollen? Ist doch alles nur Panikmache, von den Wetter-TV-Stationen, die sich hohe Einschaltquoten versprechen? Von Bloomberg, der überreagiert, weil er mit allen Mitteln eine ähnliche Blamage verhindern will wie vergangenen Winter, als New York von einem Blizzard über Tage lahmgelegt wurde, weil die Stadt nicht vorbereitet war?

In spätestens 24 Stunden werden wir es wissen.

insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
claudscha 27.08.2011
1. Fenster verstärken?
Hallo, nur eine kleine Anmerkung zum Foto 3 Ihrer Fotoserie: Der Mann verstärkt mit dem Klebeband nicht die Fenster, das wäre mit solchem Band wohl kaum möglich. Er klebt ein "X" auf jede Scheibe, weil es im Volksmund heißt, dass die Scheibe, sollte sie kaputt gehen, dann in größere Stücke bricht und damit zu viele kleine Splitter vermieden werden, die für böse Verletzungen sorgen könnten. Diese Theorie wurde zwar widerlegt, jedoch machen das einige Hurrikan-Erfahrene immer noch.
rroth 27.08.2011
2. Good Luck
Vielen Dank für diesen Lagebericht
Beobachter008 27.08.2011
3. Better safe than sorry...
... genau die richtige Devise, damit es Washington, New York etc. nicht so ergeht wie damals New Orleans. Lieber einmal zu viel evakuiert. Vielen Dank für den hervorragenden Lagebericht und alles Gute für die nächsten Tage.
StefanZ. 27.08.2011
4. Gute Übung für zukünftige wirkliche Ernstfälle
Zitat von sysopTeile New Yorks sind auf der Flucht vor "Irene". Die Stadtteile nahe des Hudson River wurden zu Evakuierungszonen erklärt, 370.000 Menschen sollen ihre Wohnungen verlassen und in Notunterkünften oder bei Freunden unterkommen - auch SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz ist betroffen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,782898,00.html
Die Stadtverwaltung hat dieses Mal tatsächlich auf Nummer extra vorsichtig gesetzt. Man könnte sagen eine gute Mischung aus demokratischem Fürsorge-Ansatz, um sicher zu stellen dass nicht die Ärmsten uninformiert und ohne Unterkünfte zur Aufnahme bei einem eventuell tatsächlich großen Hurrikan die Zeche mit ihrem Leben zahlen. Mit der typisch republikanischen Einstellung ordnet dann der Bürgermeister Bloomberg Zwangsevakuierungen an, stellt es dann allerdings den mündigen Bürgern frei diese zu ignorieren. Er holt sich natürlich die Gelder für den Krisenaufwand von der Bundesregierung ab. Der tatsächliche Sturm mit wie jetzt schon bekannt lang andauerndem starken Regen und mäßiger Windstärke wird wohl vor allem ein Problem für die jämmerliche Kanalisation und viele Straßenzüge vor allem mitten in Queens etc überspülen, da wo die nicht ganz so Reichen wohnen. Diejenigen die sich Apartments in den Hochhäusern in und um Manhattan leisten können dürften die allerwenigsten Probleme bekommen. Von Ausnahmen abgesehen macht hier die Evakuierung keinen Sinn – im Extremfall gibt es immer noch Treppenhäuser, und eine Wanne voll Wasser überbrückt manchen Engpass. Spare mir das selbst auch.
Der Pragmatist 27.08.2011
5. Korrupte Stadtverwaltung
Zitat von Beobachter008... genau die richtige Devise, damit es Washington, New York etc. nicht so ergeht wie damals New Orleans. Lieber einmal zu viel evakuiert. Vielen Dank für den hervorragenden Lagebericht und alles Gute für die nächsten Tage.
Die Einwohner von New Orleans wurden 2005 aufgeforderrt, die Stadt zu verlassen, nur haben sie es nicht getan. Die korrupte Stadtverwaltung hat lieber tausende von Bussen in den Fluten versinken lassen anstatt damit die Leute aus der Stadt zu fahren. Pragmatist
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.