New Yorks Mafia Die Sopranos leben

Eine neue Massenanklage zeigt: New Yorks totgesagte Mafia ist putzmunter. Die Mobster morden und prügeln, erpressen, bestechen, betrügen, waschen Geld und handeln mit Drogen wie in alten Tagen. Einer der Capos soll seine Henker sogar aus dem Knast heraus steuern - über seinen Anwalt.

Von , New York


New York - Auch Mafiosi setzen Fett an. Als Liborio Bellomo alias "Barney" 1997 hinter Gitter wanderte, war er ein durchtrainierter, angsteinflößender Kerl; auf einem frühen FBI-Foto schaut er trotzig in die Kamera, als wolle er sagen: "Wartet nur ab." Das jüngste Bild dagegen zeigt einen korpulenten, gemütlichen Herrn mit grauen Schläfen, Hamsterbacken und Lesebrille in einem übergroßen, lila Sweatshirt. So schön ist das Gefängnisleben.

Der legendäre Boss Vincent Gigante (1997): Im Bademantel durch Manhattan
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Der legendäre Boss Vincent Gigante (1997): Im Bademantel durch Manhattan

Was nicht heißen will, dass "Barney" Bellomo weniger gefährlich ist als früher. Im Gegenteil: Die New Yorker Staatsanwaltschaft hat den heute 49-jährigen Ex-Paten der Genovese-Mafiadynastie, der eigentlich bald wieder freikommen sollte, jetzt unter anderem wegen heimtückischen Mordes aus der Gefängniszelle heraus erneut angeklagt. Mit Hilfe seines Rechtsanwalts habe Bellomo jahrelang weiter mit seinen Schergen draußen kommuniziert und so auch die Beseitigung eines missliebigen Kompagnons inszeniert.

Der Auftragsmord-Vorwurf gegen Bellomo ist der Höhepunkt einer nagelneuen, 77 Seiten starken Anklage gegen die Genovese-Bande, die Oberstaatsanwalt Michael Garcia dieser Tage am New Yorker Bezirksgericht Süd einbrachte. Allein die Namensliste der 33 Beschuldigten mit ihren diversen, mafiösen Doppel-, Tarn- und Spitznamen erstreckt sich über fast eineinhalb Seiten. Das Dokument selbst, mit insgesamt 42 Anklagepunkten, liest sich streckenweise so unterhaltsam wie das Drehbuch einer ganzen "Sopranos"-Staffel - und beweist, dass die lange totgesagte New Yorker Mafia auch heute noch höchstaktiv ist.

Ende eines Mord-Moratoriums

Drei Jahre lang haben Garcia und sein Team in Manhattan an dieser Anklage gearbeitet. Doch erst die Kooperation mit Bellomos Anwalt Peter Peluso brachte die Stränge zusammen. Peluso habe gestanden und sich - gezwungenermaßen, versteht sich - bereit erklärt, gegen seinen eigenen Mandanten auszusagen, sagte Garcia. Der Mafia-Anwalt ist seitdem mit amtlicher Hilfe abgetaucht - vermutlich in einem Zeugenschutzprogramm der US-Marshalls, damit ihm nicht das gleiche Schicksal blüht wie dem armen Kompagnon, bei dessen Mord er behilflich gewesen sein soll.

Ralph Coppola hieß der und war selbst kein unbeschriebenes Blatt. Als mächtiger "Capo" - ein Bezirks-Unterboss der Genoveses - war Coppola in den neunziger Jahren dafür zuständig, die Gewerkschaften auf Manhattans West Side unter der Knute der Mobster zu halten. Außerdem erschwindelte er von 1990 bis 1994 rund 1,2 Millionen Dollar von einem Verband für Herrenbekleidung, davon mindestens 300.000 Dolllar aufs eigene Konto. Als ihn das FBI mit der Beweislage konfrontierte, knickte er schnell ein und gestand. Doch dann, Mitte September 1998, verschwand er spurlos - nur Wochen, bevor der damals 38-Jährige zu 24 bis 30 Monaten Haft verurteilt werden sollte.

Coppola, so hieß es in Justizkreisen, sei wegen eines "Aktes der Respektlosigkeit" gegenüber Bellomo "exekutiert" worden, der damals trotz seiner Inhaftierung der amtierende Genovese-Boss war. Die Insider-Website Ganglang News berichtete, Bellomo habe spitzgekriegt, dass Coppola in die eigene Tasche gewirtschaftet habe, und ihn dafür aus der Haft heraus mit dem Tode bestraft. Mit dem Mord Coppolas habe die Mafia ein fünfjähriges Moratorium für "Hinrichtungen" eigener Leute wieder beendet.

"Eine Frage der öffentlichen Sicherheit"

Die jetzige Anklage lässt sich über die Umstände der Ermordung Coppolas - dessen Leiche nie gefunden wurde - nicht weiter im Detail aus. Garcia sagte vor Journalisten nur, Anwalt Peluso habe gestanden, den Mordauftrag seines Klienten Bellomo an die Genovese-Henker weitergereicht zu haben.

Doch der Fall Coppola bestreitet auch nur einen kleinen, wiewohl dramatischen Teil der Anklage. Garcia knöpft sich neben Bellomo, der derzeit in einem Bundesgefängnis in Florida einsitzt, noch 31 weitere Mafia-Konsorten vor, deren Namen allesamt aus der "Pate"-Trilogie stammen könnten: John "der Panzerknacker" Ardito, Ralph "der Leichenbestatter" Balsamo, Vincent "Vinny" Russo, Albert "Allie Boy" Tranquillo, Claudio "der Barbier" Caponigro, Raymond "die Spinne" Delarosa.

Wer dachte, New Yorks Mafia sei zerschlagen, der wird hier eines Besseren belehrt. Die Genoveses blieben "die produktivste, machtvollste" der fünf alten New Yorker Mafia-Familien, sagte New Yorks FBI-Vizedirektor Mark Mershon. Man habe deshalb jetzt zugeschlagen, da die "Gewalt und Bösartigkeit" des Mobs sich auf den Straßen wieder neu ausbreite. "Diese Anklage ist auch eine Frage der öffentlichen Sicherheit", sagte Mershon.

Leichenbestatters Nebenverdienst

Besagte Herrschaften sind der Justiz zufolge in all die üblichen Gaunereien verwickelt, in die Mafiosi nun mal gerne verwickelt sind: "Akte der Gewalt, inklusive Mord", Verschwörung, Erpressung, Gewerkschaftsbestechung, Rechtsbehinderung, Geldwäsche, Drogenhandel, Kreditbetrug, illegales Glücksspiel. Ihr Wirkungskreis habe bis in die Bronx, East Harlem und den Vorortsbezirk Westchester gereicht, in dem auch der frühere Präsident Bill Clinton nebst Gattin Hillary lebt.

Die alte Struktur des Genovese-Clans bleibt nach Angaben der Justiz nach wie vor erhalten, obwohl der legendäre Boss Vincent Gigante schon 1992 ins Gefängnis wanderte und sein Nachfolger Bellomo vier Jahre später. Gigante war berühmt dafür, eine Geisteskrankheit vorzuspielen und im Bademantel durch die Straße Manhattans zu schlendern, um die Fahnder über seine Rolle zu täuschen. Er starb im Dezember 2005 hinter Gittern, im Alter von 77 Jahren.

Doch die nächste Generation ist längst herangewachsen. Um ihre Männer in Schach zu halten, sei den Genoveses jedes Mittel Recht. So hätten "Panzerknacker" Ardito und "Leichenbestatter" Balsamo einen ihrer Kumpane handgreiflich dazu "überredet", in einem Verfahren nicht gegen sie auszusagen. Bei dieser Aktion sei dem Opfer "von einem anderen Mitglied der Genovese-Familie ein Teil des Ohrs abgebissen" worden.

Kokain und Dopingmittel für Bodybuilder

Der "Leichenbestatter" hat seinen Namen nicht von ungefähr. Balsamo unterhält ein Beerdigungsinstitut in der Bronx, in dem viele der Mafia-Treffen stattfanden. Nebenher habe er einen schwunghaften Handel mit Kokain und Dopingmitteln für Bodybuilder betrieben, der allein in fünf Monaten rund eine Million Dollar erbracht habe. Sein Komplize Michael ("der Brocken") Londonio kam schon im Dezember in einem Feuergefecht mit zwei Polizisten um.

29 der Angeklagten wurden vorige Woche bereits festgenommen. FBI-Mann Mershon nannte die Anklage einen schweren Schlag gegen die Mafia. Doch das hatten sie auch schon bei der Verhaftung Bellomos gesagt. Außerdem dürfen sich Dutzende Mafiosi, die derzeit noch eingekerkert sind, auf baldige Freilassung freuen, da sie ihre Strafe abgesessen haben.

Ein internes FBI-Memo, das der "New York Post" zugespielt wurde, warnt davor, dass bis Ende dieses Jahres 80 "Goodfellas" wieder freikommen würden. Insgesamt bezifferte das Memo die Zahl der derzeit aktiven Mafiosi und ihrer "Associates" in New York auf rund 11.000.



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