"News of the World" Zeitungsspitze soll Spitzelpraktiken befürwortet haben

In der Affäre um die illegalen Abhörpraktiken der eingestellten Boulevardzeitung "News of the World" gerät das ehemalige Spitzenpersonal des Blatts unter Druck: Ein ehemaliger Mitarbeiter schreibt in einem Brief, die Chefs hätten die Spitzelmethoden befürwortet.

Ex-Chefredakteur Coulson: Brief belastet ehemalige Spitze der "News of the World"
Reuters

Ex-Chefredakteur Coulson: Brief belastet ehemalige Spitze der "News of the World"


London - Die Führungsriege der eingestellten britischen Zeitung "News of the World" hat nach Angaben eines früheren Mitarbeiters von den illegalen Abhörpraktiken ihrer Journalisten gewusst. Das Bespitzeln von Telefonen zur Beschaffung brisanter Informationen sei in den täglichen Redaktionssitzungen ausführlich diskutiert worden, schreibt der Journalist Clive Goodman in einem Brief, der am Dienstag in London veröffentlicht wurde.

Dem "Guardian" zufolge verfasste Goodman das Schreiben vor vier Jahren, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war. Er hatte wegen der Abhörpraktiken der Zeitung eine Haftstrafe verbüßt und seinen Job bei "News of the World" verloren. In seinem Brief erklärt der Reporter, er habe "mit voller Unterstützung" der Führung gehandelt. Außerdem hätten der damalige Chefredakteur Andy Coulson und der Leiter der Rechtsabteilung der Zeitung, Tom Crone, ihm versprochen, er könne wieder einen Job bei der Zeitung bekommen, wenn er nicht das Blatt oder andere Mitarbeiter in dem Verfahren belaste.

Coulson war als Chefredakteur von "News of the World" zurückgetreten, nachdem Goodman und ein Privatdetektiv in der Abhöraffäre inhaftiert worden waren. Danach arbeitete Coulson als Pressechef von Premierminister David Cameron. Wegen anhaltender Vorwürfe, dass Journalisten von "News of the World" systematisch Politiker und andere abhörten, gab er den Posten im Januar auf. Er beteuerte aber stets, nichts von den Abhörpraktiken gewusst zu haben.

Der Brief lässt Camerons Entscheidung für Coulson in einem neuen Licht erscheinen. Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Ed Miliband, sagte am Dienstag: "Der Premierminister hat nichts getan und in die andere Richtung geschaut angesichts von Vorwürfen, dass er jemanden, der mit strafrechtlichen Vorwürfen konfrontiert ist, in die Downing Street gebracht hat."

Der Brief erhöht auch den Druck auf James Murdoch, den Sohn des Medienunternehmers Rupert Murdoch, zu dessen Imperium News Corp. auch die "News of the World" gehörte. Murdoch junior wird vorgeworfen, vor dem Parlamentsausschuss nicht die volle Wahrheit gesagt zu haben. Er hatte behauptet, vor Ende 2010 nichts von den Abhörmethoden gewusst zu haben.

aal/dapd/dpa/AFP



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