Nias nach dem Beben Angst vor Atlantis

Kann eine große Insel von einem Tag auf den anderen einfach vom Meer verschluckt werden? Genau das befürchten die Bewohner der indonesischen Insel Nias. Nachdem die Erde zweimal gebebt hat, verlassen sie in Scharen ihre Heimat.

Aus Gunung Sitoli berichtet


Nias nach dem Beben: Unter den Trümmern werden tausende Tote vermutet
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Nias nach dem Beben: Unter den Trümmern werden tausende Tote vermutet

Nach dem Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag und dem schweren Erdbeben Anfang dieser Woche geht auf Nias die Angst vor einer dritten Katastrophe um. Heute gab es noch ein schwächeres Nachbeben der Stärke 5,8. Jeden Tag entschließen sich deshalb Hunderte, der Insel vorerst den Rücken zu kehren. Auf den Fähren nach Sumatra im Hafen der Inselhauptstadt Gunung Sitoli drängen sich die Menschen mit Sack und Pack.

Wer nicht flieht, trifft andere Vorsorge: Nach Sonnenuntergang ziehen viele Familien die Hänge hinauf, um dort unter blauen Zeltplanen zu übernachten. Oberhalb des Fussballplatzes haben zum Beispiel rund ein Dutzend Familien ihr vorläufiges Lager aufgeschlagen. "Sie fürchten eine neue Flutwelle", sagt der Journalist Ohiao Hatara, der in der Nachbarschaft wohnt.

Weniger ängstliche Gemüter mahnen derweil klärende Worte der Regierung an, um den Leuten die Angst zu nehmen. "Sie muss die Menschen besser über die Möglichkeit von Nachbeben und Flutwellen informieren", sagt der Arzt Alphinus Kambodji.

418 Tote hat das Erdbeben vom Montag nach offiziellen Angaben gefordert. Die Uno schätzt die Opferzahl hingegen auf 1300. Helfer fürchten, dass sie auf 2000 bis 3000 steigen könnte. Etliche Dörfer wurden noch nicht erreicht, da Brücken und Straßen zerstört sind. Die Bewohner harren ohne Lebensmittel und Medikamente aus.

Immer mehr internationale Rettungsmannschaften schlagen auf der Insel ihre Zelte auf. Auf dem kleinen Flughafen herrscht hektischer Betrieb. Ungarn laden ihre Rettungshunde aus. In der Ankunftshalle versorgen französische und japanische Mediziner Verletzte.

Der Fussballplatz in der Stadt ist nun Hubschrauber-Landeplatz. Japanische Helfer landen in einem russischen Helikopter. Regelmäßig fliegen Chinook-Frachthubschrauber der singapurianischen Armee ein.

Inzwischen haben Helikopter damit begonnen, Ärzte und Helfer der Organisation "Feuerwehrleute ohne Grenzen" in die Dörfer transportieren. Sie sollen dort Menschen bergen, versorgen und Schwerverletzte nach Gunung Sitoli bringen.

Von dem Erdbeben getroffen wurde eine der ärmsten Regionen Indonesiens. Viele Bewohner von Nias (übersetzt: "Das Land der Menschen") versuchen, in anderen Teilen Indonesiens Arbeit zu finden. Die meisten der 700.000 Einwohner sind Christen.

Auf der schmalen Ortseinfahrt von Gunung Sitoli stauen sich Laster mit Hilfsgütern. Sie müssen sich um tiefe Risse in den Straßen winden. Bagger haben damit begonnen, Ruinen völlig einzureissen. Viele Straßenzüge sind völlig zerstört.

Der Tod ist knapp eine Woche nach der Katastrophe noch immer allgegenwärtig. Soldaten bergen nach wie vor Verschüttete aus den Trümmern. Vor einem Haus stehen drei primitive Särge, eine Frau streicht laut weinend mit der Hand über das helle Holz.

In der Sudirman-Straße 123 warten Syahrimal und sein Schwager An Tanjung auf Helfer. Sie stehen auf dem zusammengefallenen Wellblech-Dach des Hauses, das einmal Wohnung und Gemischtwarenladen war. Übrig geblieben davon sind nur ein paar Balken und Steine.

Darunter, irgendwo, sind Syahrimals 30-jährige Frau Basniar und sein fünf Monate alter Sohn Amad verschüttet. "Da hinten riecht es. Da müssen sie sein", sagt er. Ein Bulldozer der indonesischen Armee ruckelt an der Ruine vorbei. "Die helfen immer zuerst den Reichen, den Chinesen", klagt Syarimahl. "Warum müssen wir so lange warten, bis wir unsere Toten sehen können?"

"In Indonesien redet man immer viel, aber es dauert lange, bis etwas geschieht. Sie haben zu wenig Ausrüstung", sagt die Zahnärztin Teresia Sokinleong, die mit ihrem Bruder Unterschlupf in dem von deutschen Priestern geführten Kapuziner-Kloster oberhalb der Stadt gefunden hat.

Ihr Bruder, ein Ladenbesitzer, hat Frau, Tochter, Schwiegertochter und Enkel verloren. Nun steht er verloren im Kerzenlicht. "Ich habe ihm gesagt, das Leben muss weiter gehen. Du musst in die Zukunft sehen", sagt seine Schwester traurig.

Schwester Erminolda aus Bad Waldsee, die seit 15 Jahren auf Nias lebt, berichtet derweil aufgeregt, wie ein elfjähriger Junge nach drei Tagen lebend aus den Trümmern geborgen wurde. "Es ist ihm gar nichts passiert. Wie hat er das nur geschafft? Er hat immer nur gebetet und geschlafen."

Noch sind die meisten Geschäfte in Gunung Sitoli geschlossen. Obdachlos gewordene Bewohner übernachten in Zelten. Vor den Tankstellen stehen lange Schlangen von Motorradfahrern. Die Strommasten sind geknickt, nachts flackern Kerzen in den Häusern.

Die "Telcom"-Zentrale hat allerdings Strom. Vor dem Gebäude hocken bis spät abends Menschen, um die Batterien ihrer Handys aufzuladen. In dem kleinen Raum drängen sich Menschen, um Verwandte und Freunde anzurufen. Lange darf das Gespräch allerdings nicht dauern: "Fünf Minuten" steht auf dem Zettel an der Tür.



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