Nicaragua Indianerstamm von kollektiver Hysterie befallen

Sie fiebern, halluzinieren und bedrohen ihre Mitmenschen: In einem indianischen Dorf im Norden Nicaraguas scheint der Wahnsinn ausgebrochen zu sein. Örtliche Behörden entsandten jetzt eine Gruppe von Fachärzten in die abgelegene Siedlung, um dem seltsamen Phänomen auf die Spur zu kommen.


Managua - Wie das Gesundheitsministerium mitteilte, sind die 20 Ärzte, Krankenschwestern, Psychiater und Psychologen bereits am Freitag nach Wiwili, rund 170 Kilometer nördlich von Managua, aufgebrochen. Und damit nicht genug: Neben den zahlreichen Schulmedizinern habe man auch einen traditionellen Heiler aufgefordert, sich der Expedition anzuschließen, hieß es.

Die Bewohner von Wiwili und mehrere junge Erwachsene im benachbarten Dorf Walakistan litten unter dem so genannten kollektiven Wahn, einem Krankheitsbild, das in der Sprache der Mískitoindianer "Grisis Siknis" genannt wird. Dabei handelt es sich um ein bisher so gut wie nicht erforschtes Syndrom, das 1881 zum ersten Mal beobachtet wurde und seitdem Hunderte von Ureinwohnern heimgesucht hat. Zu den bekannten Symptomen gehören hohes Fieber, Bauch- und Kopfschmerzen, Übelkeit, Wutausbrüche und zielloses Herumlaufen. Bis heute behandeln Ärzte die bisweilen mit Halluzinationen einhergehende Krankheit in erster Linie mit krampflösenden Mitteln und Antidepressiva. Traditionelle Heiler bereiten einen speziellen Trank zu und vollziehen religiöse und magische Riten.

Während die Ureinwohner glauben, das ursprünglich "Pauka Prukan" genannte Syndrom sei Ausdruck eines Kampfes zwischen guten und bösen Geistern, gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Krankheit vor allem durch Fehlernährung und andere psychosoziale Faktoren hervorgerufen werde.



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