Niederlande Die versteckten Kinder von Ruinerwold

In den Niederlanden soll eine Familie neun Jahre lang auf einem abgeschiedenen Hof eingesperrt gewesen sein. Doch je länger sich die Ermittler mit dem Fall befassen, desto mehr Fragen tauchen auf. Eine Spurensuche.

Der abgeschiedene Hof in Ruinerwold: Freiheitsberaubung? Geldwäsche?
Wilbert Bijzitter/EPA-EFE/REX

Der abgeschiedene Hof in Ruinerwold: Freiheitsberaubung? Geldwäsche?

Von und , Ruinerwold


Vincent de Gooijer kann noch immer nicht fassen, was vor seiner Haustür passiert sein soll. "Das ist so verrückt." Der 46-jährige Niederländer schiebt seine Mülltonne an den Straßenrand und blickt auf das Gehöft, das etwa hundert Meter entfernt liegt. Sicherheitsleute haben die Zufahrt mit Flatterband abgesperrt. Nur Polizisten dürfen hier weiter.

Buitenhuizerweg 14, Ruinerwold, Provinz Drenthe. Seit Montag ist diese Adresse im Nordosten der Niederlande ein Tatort, der bis weit über die Grenzen des Landes hinaus Aufsehen erregt. Der 58-jährige Österreicher Josef B. soll hier, in einem abseits gelegenen Teil eines 4000-Einwohner-Dorfes, neun Jahre lang eine Familie eingesperrt haben - abgeschieden von der Außenwelt, ohne soziale Kontakte.

Freiheitsberaubung? Missbrauch? Geldwäsche?

Josef B. sitzt in Untersuchungshaft, die Ermittler werfen ihm Freiheitsberaubung vor. Am Donnerstag bestätigte ein Richter den Haftbefehl. Am Abend teilte die Polizei mit, auch der 67-jährige angebliche Vater Gerrit Jan van D. sei festgenommen worden. Neben Freiheitsberaubung werfen ihm die Ermittler auch vor, den sechs Kindern unter anderem Arztbesuche verweigert zu haben. Weiterer Vorwurf: Geldwäsche. Am Buitenhuizerweg habe man "eine große Menge Bargeld" gefunden, sagte eine Polizeisprecherin.

Was genau auf dem Hof hinter den Hecken passierte, ist noch immer weitgehend unklar. In welchem Verhältnis stand B. zu der Familie? Ist der Vater Gerrit Jan van D. Täter oder Opfer oder beides? Lebten die sechs Kinder wirklich neun Jahre lang auf dem Hof, ohne das Grundstück verlassen zu können?

"Die Kinder sind nicht registriert"

"Wir haben noch keine Geschichte", sagt eine Polizeisprecherin. Erst behutsam habe man begonnen, die Kinder zu befragen. Dass es sich um eine Familie handele, sei bisher nicht belegbar. "Sie sagen das, aber die Kinder sind nicht registriert."

Der Nachbar Vincent de Gooijer sagt, der Österreicher Josef B. sei stets wortkarg gewesen. Im Buitenhuizerweg, der kilometerweit an Wiesen und Äckern entlangführt, pflege man eine "enge Gemeinschaft". Nur B. sei außen vor gewesen. "Hallo" habe er gesagt, mehr nicht. Jeder Versuch, Kontakt aufzunehmen, sei gescheitert. Den Angaben des Nachbarn zufolge lebte der Verdächtige nicht auf dem Hof. "Er kam morgens oder mittags und fuhr weg, bevor es dunkel wurde."

Nachbar Vincent de Gooijer: "Ich glaube nicht, dass jemand dort gefangen gehalten wurde"
Ansgar Siemens/ DER SPIEGEL

Nachbar Vincent de Gooijer: "Ich glaube nicht, dass jemand dort gefangen gehalten wurde"

Josef B., der Tischler von Beruf sein soll, habe das Anwesen renoviert, seit er es 2010 angemietet hatte. Andere Personen, sagt de Gooijer, habe er nie gesehen. "Ich glaube nicht, dass jemand dort gefangen gehalten wurde." Es sei nicht schwer zu fliehen, nirgendwo gebe es schwere Hindernisse.

Geht es um eine Sekte?

Eine Polizeisprecherin sagte, man müsse klären, ob die Personen gegen ihren Willen dagewesen seien. Und sie gibt zu bedenken, dass es auch psychischen Zwang gegeben haben könnte, der die Menschen auf dem Hof hätte halten können.

Medien berichten, die Familie habe auf dem Hof auf eine Art Ende der Zeit gewartet. Einige der Kinder würden glauben, es gebe außer ihnen keine anderen Menschen auf der Welt. Von einer Sekte ist die Rede.

Die Polizei schließt das nicht aus. Es werde untersucht, ob "eine bestimmte Lebens- oder Glaubensüberzeugung" zu der Lebenssituation der Jugendlichen geführt habe. Zumindest der Vater soll Mitglied einer Sekte gewesen sein. Ein Sprecher der sogenannten Vereinigungskirche des selbst ernannten und bereits verstorbenen koreanischen "Messias" Sun Myung Moon bestätigte, dass der Mann vor Jahren Mitglied gewesen sei. Doch die Polizei betont auch, man ermittle noch.

Ein Unbekannter, der um Hilfe bittet

Chris Westerbeek betreibt die Kneipe De Kastelein im Zentrum von Ruinerwold. Der 27-Jährige ist der Mann, der den Fall ins Rollen brachte. Von Donnerstag bis Sonntag hat der Laden bis drei Uhr nachts auf, zu später Stunde versammeln sich die Gäste bei Schummerlicht am Tresen. Jeder kennt hier jeden, das ist die Regel.

Kneipenbesitzer Chris Westerbeek: "Er hat gesagt, er brauche Hilfe"
Ansgar Siemens/ DER SPIEGEL

Kneipenbesitzer Chris Westerbeek: "Er hat gesagt, er brauche Hilfe"

Jan van D. kannte hier keiner. Am vorigen Sonntag tauchte der mutmaßlich 25-Jährige innerhalb kurzer Zeit zum dritten Mal auf, wie Westerbeek dem SPIEGEL bestätigte. Verwirrt habe der Mann gewirkt und verwahrlost. "Er hat gesagt, er brauche Hilfe." Westerbeek alarmierte die Polizei.

Als die Beamten wenig später den Bauernhof durchsuchten, entdeckten sie die sechs mutmaßlichen Angehörigen von Jan van D. in einem Raum im Erdgeschoss, darunter auch den Vater Gerrit Jan van D.. Und sie trafen auch auf Josef B. Er habe "nicht kooperieren wollen", deshalb habe man ihn festgenommen.

Ein leeres Ladengeschäft für Holzspielzeug

Am Mittwoch durchsuchte die Polizei zudem ein Ladengeschäft in der Kleinstadt Zwartsluis, etwa 16 Kilometer von dem Bauernhaus entfernt. Hier, in der Kerkstraat 6, hatte Gerrit Jan van D. im Jahr 2004 ein Unternehmen angemeldet, wie Auszüge aus dem niederländischen Handelsregister zeigen.

Die Firma Natural Homes verkaufte Lehm- und Holzprodukte, aber auch Möbel und Holzspielzeug. Ein Video aus dem Jahr 2006, das dem SPIEGEL vorliegt, zeigt den Laden. Draußen wehen zwei Flaggen im Wind, im Inneren sieht man Regale mit Lehmziegeln, Farbtöpfen und Mustern für Holzplatten.

Wenige Monate nach Gerrit Jan van D. meldete 2005 auch Josef B. eine Firma im Nachbarort Meppel an, mit einem Namen, der fast identisch ist - B. hängte an das "Natural Homes" einfach seinen eigenen Nachnamen an. Der Unternehmenszweck: unter anderem die Herstellung von Möbeln und Holzspielzeug. Es hat den Anschein, dass beide Männer bis in das Jahr 2008 zusammenarbeiteten - dann wurden kurz hintereinander beide Firmen geschlossen.

Das Ladengeschäft in der Kerkstraat verlottert seither, auch wenn an der Fassade noch immer der Schriftzug "Natural Homes" steht. In einem Fenster im ersten Stock steht noch ein Holzschaukelpferd.

"Wegen Krankheit der Ehefrau geschlossen"

Petra Westra betreibt gegenüber seit Jahrzehnten ein Friseurgeschäft. Sie erinnert sich an Gerrit Jan van D. als einen "sehr ruhigen" Menschen, der mindestens vier kleine Kinder gehabt habe. "Er sprach nicht mit den Nachbarn." Irgendwann habe im Schaufenster ein Zettel gehangen: "Wegen Krankheit der Ehefrau geschlossen." Danach habe der Laden nicht mehr geöffnet.

Friseurin Petra Westra: "Er sprach nicht mit den Nachbarn"
Ansgar Siemens/ DER SPIEGEL

Friseurin Petra Westra: "Er sprach nicht mit den Nachbarn"

Josef B. blieb auch nach der Schließung in der Möbelbranche. 2009 gründete er in Meppel einen neuen Einmannbetrieb, nur wenige Meter von seinem alten Firmenstandort entfernt. Hier baute er laut Handelsregister neben Möbeln auch Kajaks.

Zehn Jahre vergehen. Noch ist nicht geklärt, was in dieser Zeit geschehen ist. Wann etwa zog die angebliche Familie van D. auf den Bauernhof von Josef B.?

Gefangen - aber mit Zugang zum Internet?

Erst im Mai 2019 taucht plötzlich der Name eines der mutmaßlichen Söhne im Internet auf. Es ist Jan van D., der 25-Jährige, der vier Monate später die Polizei alarmieren wird. Der junge Mann - oder jemand aus seinem Umfeld - legt offenbar diverse Profile in sozialen Medien an, auf Twitter, Instagram und Facebook sowie dem Karrierenetzwerk LinkedIn.

Fotos zeigen ihn in einem Raum vor einem Laptop, im Schneidersitz im Gras. Im Gespräch mit dem SPIEGEL erkennt Kneipenwirt Westerbeek den jungen Jan van D. auf den Fotos wieder. Die Polizei will dazu keine Stellungnahme abgeben. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes.

Der Nutzer Jan van D. hat alle seine Posts erst im Juni 2019 und den Monaten danach verfasst. Dabei hat er auch eine Funktion von Facebook genutzt, mit der sich Einträge zurückdatieren lassen. Er schreibt Einträge für das Jahr 2010 und früher. So entsteht der falsche Eindruck, van D. habe genau in jener Zeit eine Facebook-Pause eingelegt, als die angebliche Familie verschwunden war.

Es bleibt wie so Vieles in diesem Fall ein Rätsel.

Warum der junge Mann nicht über das Internet Hilfe geholt hat, wo er doch offenbar Social-Media-Profile anlegen und Blumenfotos posten konnte? Was hat es mit den Firmen auf sich, für die er laut seinem Facebook-Profil gearbeitet haben will?

Heizöfen aus der Türkei, Aufträge an Freelancer

Jan van D. gibt an, die Facebook-Seiten der Unternehmen Creconat und Arikazan Nederland zu managen. Diese Namen führen im niederländischen Handelsregister wiederum zurück zu einer einzigen Firma: der Native Creative Economy, angemeldet auf Josef B., mit derselben Adresse wie dessen Möbelwerkstatt. Gegründet wurde Native Creative Economy erst im Juni 2019, im selben Zeitraum also, in dem Jan van D.s Onlineprofile angelegt wurden.

Unter dem Label Arikazan vertreibt die Firma laut eigener Website Heizöfen. Tatsächlich gibt es eine türkische Firma Arikazan, die eben diese Heizöfen herstellt. Auf SPIEGEL-Nachfrage bestätigt das türkische Unternehmen, dass man "seit einiger Zeit" mit den Niederländern zusammenarbeite.

Der Nutzer Jan van D. vergab auch Aufträge auf dem Internetportal freelancer.com. Dort können freiberufliche Grafiker, Designer und Fotografen aus aller Welt ihre Dienste anbieten. Ein Nutzer mit dem Usernamen von Jan van D. bestellte dort ein Logo und diverse Stockfotos - für den Webauftritt und die Facebook-Seite von Arikazan Nederland.

Wie aber passt der Import von türkischen Heizkesseln zum Warten auf das Ende der Zeit? Wieso kauft man einen Logoentwurf eines US-amerikanischen Grafikers und glaubt gleichzeitig, es handele sich bei einem selbst um einen der letzten Menschen auf der Welt? Steckt hinter dem Account möglicherweise gar nicht Jan van D.?

Die Polizei hat eine 30-köpfige Sonderkommission eingerichtet, die sich auch mit diesen Fragen beschäftigen muss. "Wir führen eine gründliche Untersuchung durch, um viele dieser Fragen beantworten zu können, die auch wir uns stellen", schreibt die Behörde in einer Pressemitteilung.

Mitarbeit: Roman Höfner, Nicola Naber

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