Niger Präsident hält sein hungerndes Volk für wohlgenährt

Für Nigers Präsident Mamadou Tandja sind die Berichte über die Hungersnot in dem afrikanischen Land nur "Propaganda". Die Menschen seien vielmehr "wohlgenährt", behauptet der Staatschef. Hilfsorganisationen sind entsetzt.

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Hungerndes Kind in Niger: Elend im zweitärmsten Land der Welt
DPA

Hungerndes Kind in Niger: Elend im zweitärmsten Land der Welt

Hamburg - Auf Kritik reagiert Mamadou Tandja nicht zimperlich. Als eine Reporterin der staatlichen Sahel-Zeitung mit mehreren Artikeln über die sich anbahnende Hungerkatastrophe in dem afrikanischen Land berichtete, ließ sie der nigrische Präsident feuern. Demonstranten, die in der Hauptstadt Niamey die Regierung zur Hilfe drängten, wurde mitgeteilt, es sei "töricht", wenn der Staat jetzt kostenlos Nahrungsmittel verteile.

Mit Äußerungen in einem Interview hat Tandja aber jetzt die Hilfsorganisationen brüskiert, die seit Wochen versuchen, das Elend in seinem Land zu lindern. "Die Bevölkerung von Niger sieht wohlgenährt aus", sagte er dem britischen Sender BBC. Die Berichte über die Hungersnot in dem afrikanischen Staat seien "falsche Propaganda". Die Uno und andere Organisationen würden in Wirklichkeit politische und wirtschaftliche Ziele verfolgen, behauptete der Politiker. "Solche Organisationen kommen nur durch Betrug an Finanzmittel", sagte Tandja.

Die Aussagen des nigrischen Staatsoberhaupt stehen in krassem Widerspruch zu Berichten und TV-Bildern, die in diesem Sommer auf die Hungersnot in dem westafrikanischen Staat hinwiesen. Nach Uno-Angaben hungern 3,6 Millionen Menschen in Niger. Rund 800.000 Kinder unter fünf Jahren seien dringend auf Nahrungsmittel angewiesen. Am stärksten betroffen sind die südlichen Provinzen Tahoua, Maradi und Zinder.

Präsident Tandja: "Propaganda"
AP

Präsident Tandja: "Propaganda"

Doch Tandja hält die Berichte über das Elend für übertrieben. Die Lebensmittelknappheit sei nicht ungewöhnlich für sein Land. Zudem sei die gesamte Sahel-Zone und nicht nur Niger betroffen. Grund für den Versorgungsengpass sind für Tandja die Heuschrecken-Invasion des vergangenen Jahres und Ernteausfälle. Wenn es wirklich so schlimm in Niger sei, würden "die Bewohner in andere Länder fliehen, sich am Rand von großen Städten niederlassen und auf den Straßen betteln. All das ist aber nicht der Fall", behauptet Tandja in dem Interview.

Eine Schuld an der Hungersnot in Niger weist der Präsident von sich. Im Gegenteil: Seine Regierung habe vielmehr die Lebensmittelpreise im vergangenen Jahr subventioniert, um sie für die Bevölkerung erschwinglich zu machen.

"Die Lage ist dramatisch, Menschen sterben"

Hilfsorganisationen sind über die Äußerungen Tandjas entsetzt. "Das ist geradezu zynisch", sagte Marion Aberle von der Deutschen Welthungerhilfe SPIEGEL ONLINE. "Die Lebensmittel in Niger reichen auf keinen Fall bis zur nächsten Ernte aus", stellt sie klar. Niger ist das zweitärmste Land der Welt. Es sei die Aufgabe der Regierung, "genügend Lebensmittelreserven" für die Bevölkerung aufzubauen. Das sei in Niger offenbar nicht geschehen.

Ähnlich reagierte auch Hanna Schmuck, Krisenmanagerin beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). "Wir haben keine wirtschaftlichen Interessen", stellt sie klar. "Wir müssen die Lebensmittel selber kaufen." Die Lage in Niger sei auf jeden Fall "dramatisch. Die Menschen sterben. In diesem Jahr ist die Situation dort besonders schlimm." Auch stimme Tandjas Behauptung nicht, dass die Bevölkerung das Land nicht verlasse. "Die Leute wandern aus, zum Beispiel nach Nigeria."

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Tandja, 66, wurde im Jahre 1999 zum Präsidenten gewählt - im dritten Versuch. Damals war er schon ein pensionierter Oberst. Eine Meuterei seiner Soldaten brachte ihn vor drei Jahren fast ums Amt. Aber sie wurde niedergeschlagen. Tandja selbst sind solche Aufstände nicht fremd: 1974 beteiligte er sich am Putsch des Generals Seyni Kountche gegen den damaligen Präsidenten Diori Hamani und wurde Innenminister. Im Mai 1990 war er auch für die blutige Niederschlagung einer Tuareg-Demonstration verantwortlich, bei der 63 Menschen getötet wurden.

Als demokratisch wieder gewählter Präsident wird Tandja jedoch von westlichen Politikern hofiert. Er bekam im vergangenen Monat sogar eine Audienz bei George W. Bush, brachte die Hungersnot in seinem Land gegenüber dem US-Präsidenten aber nicht zur Sprache. Beim G-8-Gipfel im schottischen Gleneagles wurden Niger die Schulden erlassen. Aber auch dort wurde nicht vor der Not in dem Staat gewarnt.

Angst vor der Regenzeit

Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, forderte heute eine bessere Versorgung der hungernden Menschen in Niger. Die Diakonie Katastrophenhilfe stockte ihre Unterstützung auf 200.000 Euro auf. Mit Beginn der Regenzeit in wenigen Wochen verschärfe sich die Gefahr für die rund 192.000 akut unterernährten Kinder. Zwar bringe die internationale Hilfe spürbare Erleichterung für die Bevölkerung, mit Beginn der Regenzeit erhöhe sich aber das Krankheitsrisiko.

Die Hilfsorganisation befürchten eine Wiederholung der Krise, wenn parallel zur Nothilfe nicht auch die tiefer liegenden Ursachen bekämpft würden. Daher müssten der Ernährungszustand der Bevölkerung und die Versorgung der ärmsten Menschen dringend verbessert werden, forderte Unicef.

Das Uno-Welternährungsprogramm (WFP) brachte unterdessen die erste Hilfslieferung in den Südwesten von Niger. Die Lieferung aus Getreide, Öl und anderen Nahrungsmitteln traf am Montag in der Ortschaft Tolkobey ein. In den kommenden zwei Monaten sollen weitere Hilfen auf den Weg gebracht werden.



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