"Zwarte Piet" in den Niederlanden Bodyguards für den Nikolaus

In den Niederlanden tobt der Streit über den "Zwarte Piet". Ist der Helfer des Nikolaus mit dem schwarzen Gesicht rassistisch? Gegner und Befürworter demonstrieren, in Gouda mussten bewaffnete Undercover-Agenten einen Umzug schützen.

DPA

Von , Amsterdam


Als Sankt Nikolaus Ende November in Gouda einzog, folgten ihm nicht nur Tausende Familien, sondern auch bewaffnete Undercover-Agenten, verkleidet als Nikolaus-Helfer. Das schreiben zumindest niederländische Zeitungen. Die Bodyguards sollten Sankt Nikolaus vor Übergriffen beim Umzug schützen und ein Zusammentreffen von Gegnern und Befürwortern verhindern. Denn in diesem Jahr ist ein Streit um den Rauschebartträger eskaliert.

In den Niederlanden wird Sankt Nikolaus von Helfern mit schwarzen Gesichtern begleitet, den "Zwarte Piet". Traditionalisten betrachten den Brauch als harmloses Kinderfest. Kritiker dagegen finden die Tradition rassistisch. Inzwischen geht es nicht mehr nur um die Schwarzen Pieten, sondern um das Selbstverständnis eines ganzen Landes.

"Es ist eine Maske, die nichts mit Hautfarbe zu tun hat"

Die Debatte schwelte in den vergangenen Jahren schon, nun verlieren einige die Vernunft. Bei einem der Umzüge schlug ein Mann einem 15-jährigen Mädchen ins Gesicht, weil es sich als "Zwarte Piet" verkleidet hatte. Bei der Nikolaus-Ankunft in Gouda wurden neunzig Demonstranten beider Seiten festgenommen. Sowohl gegen Kritiker als auch gegen Befürworter gab es Todesdrohungen. Die Frage spaltet das Land. Wie viel Prozent der Bevölkerung für oder gegen die Tradition sind, ist allerdings noch unerforscht.

Kritiker finden, "Zwarte Piet" - der bis zu diesem Jahr noch goldene Ohrringe trug - erinnere an die Zeit des Kolonialismus und stelle Sklaven dar. Sie fühlen sich an "Blackface" erinnert, eine Darstellung schwarzer Menschen im 19. Jahrhundert. In Fernsehsendungen wurden die Pieten außerdem häufig mit merkwürdig-hohen Stimmen dargestellt.

Traditionalisten in den Niederlanden dagegen sagen, die Kritiker würden die Geschichte falsch interpretieren. "Zwarte Piet" gebe es schon seit Jahrhunderten, erklärt Marc Gilling, der Vorsitzende der "Pietengilde", der Zunft der schwarzen Nikolaus-Helfer. "Es ist eine Maske, die nichts mit Hautfarbe zu tun hat." Stattdessen gehe es um die Kontraste zwischen Sommer und Winter, Tag und Nacht. "Deshalb ist der Bischof hell und hat dunkle Helfer", sagt Gilling.

Er verstehe, dass sich manche Menschen verletzt fühlten. "Höchstwahrscheinlich wird sich daran aber nichts ändern, wenn der 'Zwarte Piet' nicht mehr schwarz ist - weil es um etwas tieferliegendes geht."

Tatsächlich, sagen Forscher, wird die Debatte so emotional geführt, weil sie das Selbstverständnis des Landes ins Wanken bringt. Die Niederlande galten lange als eines der tolerantesten, offensten und liberalsten Länder der Welt. Es war das weltweit erste Land, das 2000 die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubte; es gehört zu den Ländern mit den größten Erfolgen bei der Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Und es wurde lange als Vorbild bei der Integration von Minderheiten gesehen.

Bunte Gesichter

Dieses Image aber hat Dellen bekommen. "Die Entwicklungen in der Vergangenheit haben gezeigt, dass dieses Selbstbild nicht mehr haltbar ist", sagt Gregor Walz, Wissenschaftler beim Anti-Diskriminierungsbüro "Radar".

Die Debatte um "Zwarte Piet" stehe für eine tiefer liegende Entwicklung, meint Walz. Rassismus und Diskriminierung waren bisher individuelle Erfahrungen. Nun sei es abstrakter und verborgener und treffe ganze Gruppen, erklärt Walz. "Zwarte Piet" verletze niemanden persönlich - sondern eher eine ganze Gruppe.

Die Diskussion um die Nikolaus-Tradition ist nur ein Beispiel. In der vergangenen Woche rief Geert Wilders "Partei für die Freiheit" (PVV) dazu auf, alle Moscheen zu schließen. "Wir wollen die Niederlande de-islamisieren", sagte der Abgeordnete Machiel de Graaf im Parlament. Die PVV und ihr Parteichef Wilders haben in der Vergangenheit bereits gegen den Islam und Einwanderer ausgeholt.

In derselben Woche bezichtigte das türkische Außenministerium die niederländische Regierung "rassistischer Politik". Im vergangenen Jahr veröffentlichte Amnesty International einen Bericht, wonach die niederländische Polizei durch "ethnic profiling" Personen mit ausländischem Aussehen kontrolliere - "nicht, weil sie etwas getan hätten, sondern wegen ihres Aussehens".

Einzelpersonen könnten sich darüber beschweren, sagt Diskriminierungsforscher Walz. "Struktureller Rassismus aber ist schwierig in einzelnen Meldungen zu fassen." Um tatsächlich etwas zu verändern, müsse ein Mentalitätswandel in der Gesellschaft her.

Diese Veränderungen aber brauchen Zeit. Doch auch die "Zwarte Piet"-Tradition scheint sich bereits langsam zu verändern. In diesem Jahr schminken sich einige Kinder nicht mehr schwarz, sondern bunt - als Symbol für eine bunte, multikulturelle Gesellschaft.

insgesamt 22 Beiträge
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tobyrd72 05.12.2014
1. Eine Maske kann nicht rassistisch sein.
Nur der Mensch hinter der Maske.
Loddarithmus 05.12.2014
2. Wehe, ...
... ich sehe beim nächsten Fastnachtsumzug Kinder, die als Indianer verkleidet sind! Dann hagelt es aber Rassismusanzeigen noch und noch. Und die Schwarzafrikaner, die weiß angetüncht sind (wir kennen doch alle diese Bilder), sollten auch mal in sich gehen. Und überhaupt - stammt nicht die gesamte Menschheit aus Afrika und war mal dunkelhäutig? Sorgen haben die Leute!
dunnhaupt 05.12.2014
3. Missverstandener Rassismus
Die alte Tradition ist nicht rassistisch an sich. Es ist gerade erst die Reaktion der heutigen Menschen dagegen, die wirklich rassistisch ist.
wolffm 05.12.2014
4. Ich fühle mich auch diskriminiert
Ich als älterer Teil der Geselschaft fühle mich auch diskriminiert, weil dieser alte Trottel, der jedes Jahr die Geschenke verteilt immer als alter Mann dargestellt wird.
geando 05.12.2014
5.
Es ist ganz klar damit zu rechnen, das in multikulturellen Gesellschaften viele Traditionen keinen Platz mehr haben werden. Das Risiko jemanden auszuschliessen oder zu diskriminieren wird natürlicherweise immer grösser je pluralistischer eine Gesellschaft wird. Die Lösung wird sein, alte Traditionen aufzugeben oder aufzuweichen. Identitätsstiftende Handlungen oder Ansichten bestimmter Gruppierungen werden immer andere Gruppen ausschliessen und sind daher abzuschaffen. Was nach diesem Kulturmassaker übrigbleibt ist dann der schale Einheitsbrei des Weltbürgertums (international Style). Dann lieber doch die Flucht in den hemmungslosen Individualismus? Wenn das der Fortschritt ist, zahlen wir einen hohen Preis.
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