Nivel-Prozess Langer Schatten einer kurzen Schlägerei

Fünf Jahre nach den blutigen Ausschreitungen deutscher Hooligans bei der Fußball-WM in Frankreich sind die Ermittlungen noch immer nicht abgeschlossen. Seit heute muss sich ein 28-jähriger Hooligan in Bochum vor Gericht verantworten. Er soll auf den bereits am Boden liegenden Polizisten Daniel Nivel eingetreten haben.


 Blutender Nivel: "Vielleicht war ich schockiert, vielleicht nicht."
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Blutender Nivel: "Vielleicht war ich schockiert, vielleicht nicht."



Bochum - Der Angeklagte zuckt mit den Schultern, als er gefragt wird, warum er bis zum Abtransport dabei blieb, obwohl er doch vom Anblick des blutenden Daniel Nivel so schockiert gewesen sei. "Vielleicht war ich schockiert, vielleicht nicht." Fest steht, dass Daniel Nivel bei dem Angriff mehrerer deutscher Hooligans an diesem 13. Juli 1998 lebensgefährlich verletzt wurde: Er lag sechs Wochen im Koma und ist heute schwer behindert.

Welchen Anteil der Angeklagte daran hat, blieb am ersten Prozesstag genauso unklar wie sein "Vielleicht, vielleicht nicht." Einerseits betonte der Arbeiter, er habe Mitleid mit dem attackierten Polizisten gehabt. Dafür spricht ein Foto, auf dem er mit ausgebreiteten Armen zu sehen ist - als wolle er die anderen Hooligans von der Tat abhalten. Anderseits wird er von Augenzeugen schwer belastet. Ihren Angaben zufolge soll er auf Nivel eingetreten haben, als dieser bereits am Boden lag.

 Polizist Daniel Nivel, Ehefrau Laurette: Sechs Wochen Koma, lebenslange Folgeschäden
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Polizist Daniel Nivel, Ehefrau Laurette: Sechs Wochen Koma, lebenslange Folgeschäden

Doch der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, die ihm zwar keine Tötungsabsicht aber gemeinschaftliche Körperverletzung und schweren Landfriedensbruch vorwirft. Mitleid habe er mit dem blutenden Polizisten gehabt, einen der Schläger weggeschubst und "Aufhören" gerufen.

Gleichzeitig leugnet er nicht, mit den anderen Hooligans auf die Polizisten losgestürmt und auch in anderen Situationen weniger friedliebend gewesen zu sein. Er gab vor Gericht zu, während der WM mit Stühlen auf Polizisten geworfen und ein brasilianisches Kamerateam angegriffen zu haben. Hierbei soll er einen Kameramann geschlagen haben, der danach acht Tage lang arbeitsunfähig war.

Der Bochumer war zum WM-Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Jugoslawien nach Lens gereist. Als er vor Ort keine Eintrittskarte mehr ergattern konnte, versuchte er mit anderen Hooligans, die Polizeisperren zum Stadion zu durchbrechen. "Die Stimmung war ziemlich mies und aufgeheizt", sagte der Bochumer den Richtern zur Begründung. Auch nach den Krawallen in Lens war der 28-Jährige laut Anklage noch mehrmals in Schlägereien nach Fußballspielen verwickelt. Inzwischen will er sich jedoch komplett aus der Hooligan-Szene verabschiedet haben.

Nach seiner Festnahme hatte der Vater einer achtjährigen Tochter elf Tage lang in Untersuchungshaft gesessen. Dass es erst jetzt zum Prozess kommt, hängt nach Auskunft des Bochumer Landgerichts in erster Linie mit den aufwendigen Ermittlungen und den langwierigen Verfahren gegen andere Hooligans zusammen. In Bochum sollen die Akten erst im vergangenen Jahr eingetroffen sein.

Bereits 1999 waren vor dem Essener Landgericht vier andere Hooligans zu Haftstrafen zwischen dreieinhalb und zehn Jahren verurteilt worden. Ein weiterer deutscher Schläger wurde 2001 in Frankreich zu fünf Jahren Haft verurteilt. Mit einem Urteil im Bochumer Prozess wird am Donnerstag gerechnet.



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