Nivel-Prozess "Nach der Tat Blut von den Armen gewischt"

Am letzten Tag der Beweisaufnahme wurde das brutale Verbrechen an dem französischen Polizisten Daniel Nivel nochmals dramatisch gegenwärtig. Nach monatelangem Schweigen brach auch der letzte Angeklagte sein Schweigen.


Die Vorfälle an jenem verhängnisvollen 21. Juni 1998 kosteten den französischen Gendarmen Daniel Nivel am Rande der Fußball-Weltmeisterschaft in Lens fast das Leben.

Daniel Nivel
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Daniel Nivel

Die Position der Verteidigung der vier angeklagten Hooligans Andre Zawacki, Frank Renger, Tobias Reifschläger und Christopher Rauch wurde erneut geschwächt. Der Vorwurf des versuchten Mordes wird aber voraussichtlich nur bei Zawacki aufrechterhalten, die anderen müssen mit einer Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung rechnen. Die Staatsanwaltschaft hält ihre Plädoyers am 25. Oktober, die Verteidigung am 28. Oktober. Das Urteil will der Vorsitzende Richter Rudolf Esders am 5. November sprechen.

Der Angeklagte Christopher Rauch sagt aus. Im Hintergrund Tobias Arno Reifschläger
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Der Angeklagte Christopher Rauch sagt aus. Im Hintergrund Tobias Arno Reifschläger

Der 30. Verhandlungstag wurde zum Tag der Entschuldigungsversuche, auch Christopher Rauch brach sein Schweigen: "Ich habe bisher geschwiegen. Ich war Hooligan, seit Daniel Nivel schwer verletzt wurde, habe ich viel nachgedacht. Ich bin überzeugt, dass mein Verhalten falsch war, aber ich erkläre, dass ich niemals rechtsradikal war. Ich habe Nivel nicht geschlagen, war immer sechs bis sieben Meter von ihm entfernt. Was mit Nivel konkret geschehen ist, kann ich nicht sagen. Ich erfuhr von seinen schrecklichen Verletzungen erst durch die Medien und durch den Prozess." Am Ende seiner Ausführungen versagte Rauch die Stimme.

Richter Rudolf Esders verlas am 30. Verhandlungstag im Saal 101 Vernehmungsprotokolle der Belastungszeugen Nicolas P. aus Frankreich, Adrian Robert B. aus England und Jovan L. aus Jugoslawien. Nicolas P. hatte im Juni aus Angst um sein Leben auf seine angekündigten Aussagen vor dem Essener Schwurgericht verzichtet. Auf versuchten Mord steht lebenslänglich, auf schwere Körperverletzung bis zu zehn Jahre Haft.

Die Zeugen schildern die Vorfälle am 21. Juni, als deutsche Hooligans Daniel Nivel fast zu Tode geprügelt hatten. P., der im Juni in Essen fürchten musste, von dem österreichischen Hooligan-Fotografen Walter S. als Tatbeteiligter identifiziert zu werden, schildert Tobias Reifschläger als "den deutschen Hooligan, der den am Boden liegenden Polizisten mit grosser Wucht in den Nacken getreten hat". Auch Andre Zawacki wird als Tatbeteiligter identifiziert, er habe sich "nach der Tat Blut von den Armen gewischt und sein T-Shirt gewechselt", um seine Identifikation zu erschweren.

Auch Frank Renger und Christopher Rauch werden von den Zeugen "zu der ersten Überfallgruppe der deutschen Hooligans" gerechnet: "Sie müssen unter Drogen gestanden haben, sie waren so gewalttätig, wie man es sonst nur von Tieren kennt. Selbst im Weglaufen haben sie nochmals zugetreten." Christopher Rauch wird als derjenige geschildert, der mit einem Schild auf den am Boden liegenden Polizisten eingeprügelt haben soll.

Nachdem Renger und Reifschläger schon zum Auftakt des aufsehenerregenden Prozesses im April 1999 ein Teilgeständnis abgelegt hatten, hatte Andre Zawacki am 29. Verhandlungstag nachgezogen und ebenfalls seine Tatbeteiligung gestanden. "Ich habe zugeschlagen, aber nur einmal, mit einer Rotweinflasche", ließ Zawacki durch seinen Anwalt Wolfgang Weckmüller verlesen. Zuvor war der Gelsenkirchener "zu 98,5 Prozent" von einem Mitarbeiter des Gelsenkirchener Fan-Projekts als der Mann identifiziert worden, der mit einem Gewehraufsatz auf den am Boden liegenden Nivel eingeschlagen habe. Am Montag brach auch Rauch sein Schweigen: "Wenn ich das alles hinter mir habe, will ich mich nur noch um meine Frau und den Betrieb meines Vaters kümmern." Rauch hatte während der U-Haft im Juli geheiratet.

Christoph Fischer



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