Nordeuropa Orkan peitscht Flutwelle gegen deutsche Küste

Hafenanlagen überschwemmt, Fährdienste eingestellt, Hochwasserwarnung für Hamburg: Die erste schwere Sturmflut des Herbstes hat Deutschland erreicht. Die britische Küste kam dank Evakuierung und Eil-Sicherungsaktionen glimpflich davon.


London - Im Osten Englands wurden Hunderte Menschen in Sicherheit gebracht. "Es gibt bislang keine Berichte von überschwemmten Häusern", sagte der Sprecher der britischen Umweltbehörde, Stewart Brennan, heute, nachdem die Pegelstände um acht Uhr Ortszeit ihren Höchststand erreicht hatten. Gestern Abend hatte die britische Umweltbehörde noch vor "extremer Gefahr für Leben und Eigentum" in den Grafschaften Norfolk, Suffolk, Kent und Essex gewarnt.

Polizisten und Behördenmitarbeiter gingen in der Nacht zu heute in den betroffenen Gegenden von Haus zu Haus und forderten die Bewohner auf, sich in Sicherheit zu bringen. In Schulen wurden Notunterkünfte errichtet.

Am schlimmsten betroffen von der Flut war die Stadt Great Yarmouth in Norfolk. Nach Polizeiangaben verbrachten rund 500 Menschen die Nacht zu heute in Notunterkünften. Andere blieben in ihren Häusern, zogen aber in die oberen Stockwerke.

Premierminister Gordon Brown kündigte nach einer Sitzung des Krisenstabs Cobra am Morgen in London Hilfe für die betroffenen Gemeinden an. Das Themse-Sperrwerk, das den Wasserpegel des durch die Hauptstadt fließenden Stroms kontrolliert, wurde geschlossen.

Nach England und den Niederlanden hat die schwere Sturmflut unterdessen auch die deutsche Nordseeküste erreicht. Auf der Insel Borkum sei die Flut am Vormittag 2,48 Meter höher aufgelaufen als normal, sagte eine Sprecherin des Niedersächsischen Küstenschutzes. In Emden lag der Wasserstand 3,29 Meter höher als im Flut-Durchschnitt. In Hamburg sagte das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) für den Nachmittag bis zu dreieinhalb Meter erhöhte Wasserstände voraus.

Die Polizei Borkum meldete keine Personenschäden, lediglich eine "Milchbude" sei am Strand von den Wellen zerstört worden. Der Wind habe orkanartige Böen mit bis zu 11 Beaufort erreicht, das sind Geschwindigkeiten von rund 100 Stundenkilometern. Helgoland, die einzige deutsche Hochseeinsel, wurde um 11.26 Uhr vom Hochwasser getroffen. Eine Baustelle auf einer der Insel vorgelagerten Badedüne war bereits am Vorabend geräumt worden. Schäden waren nach Angaben der Tourismusdirektion zunächst nicht zu verzeichnen.

In Emden wurden die Hafenanlagen zum Teil überschwemmt. Die Passagiere der Borkum-Fähre konnten das Schiff nicht verlassen. "So etwas habe ich ja noch nie gesehen", erschraken Passanten in Emden angesichts der Wassermassen, die in den Hafen liefen. Schilder standen in den Fluten, das Wasser drückte gegen den kleinen Bahnhof am Hafen. "Gar nicht so schlimm", sagten jedoch Feuerwehrleute, als gegen Mittag die Pegel wieder sanken.

In Schleswig-Holstein wurde laut Lagedienst am Morgen der Fährverkehr zu den nordfriesischen Inseln und Halligen eingestellt. Auch die Fähren zwischen Sylt und Dänemark fuhren nicht mehr. In Bremerhaven ordnete das Schulamt an, den Unterricht aufgrund der Unwetterwarnung für die Klassen eins bis zehn nach der dritten Stunde zu beenden.

Für Hamburg wurde für den Nachmittag ein Wasserstand von bis zu 3,50 Meter über dem normalen Hochwasser erwartet. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) hatte für den gesamten Elbe- und Weserbereich sowie den Jadebusen Wasserstände bis zu drei Meter über dem mittleren Hochwasser voraus. In Ost- und Nordfriesland sei mit 2 bis 2,5 Metern zu rechen.

Die Flut erreichte auch die Küste Norwegens. Wie der Rundfunk in Oslo berichtete, wurde die Produktion auf den Ölplattformen eingestellt, um sie bei Gefahr sofort evakuieren zu können.

In den Niederlanden verursachten die Stürme über der Nordsee in der Nacht wider Erwarten keine Schäden. Zum ersten Mal waren alle Sperrwerke im ganzen Land geschlossen worden, darunter das neue Sperrwerk vor dem Hafen von Rotterdam. Erstmals waren auch alle Deichüberwachungsdienste an der gesamten Küste gleichzeitig in Alarmbereitschaft.

Die Zufahrt zum Hafen von Rotterdam, dem größten Hafen Europas, soll bis heute Nachmittag gesperrt bleiben. Dort erreichte der Pegel der Nordsee einen Stand von 2,84 Meter über Normalnull. Im Norden der Niederlande wurde mit 3,43 der Höchststand erreicht. Ein Drittel des niederländischen Staatsgebietes liegt unterhalb des Meeresspiegels. Auf dieser Fläche leben zwei Drittel der Bevölkerung.

jjc/jdl/AFP/AP



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