Nordkorea Kims Kurier

Wie finanziert Nordkorea eigentlich sein Nuklearprogramm? Unter anderem mit Auto-, Waffen- und Drogengeschäften, behauptet ein Überläufer: Kim Jong Un nutze diplomatische Vertretungen als kriminelle Profit-Center.
Kim Jong Un: Betreibt Nordkorea diplomatische Vertretungen als kriminelle Profit-Center?

Kim Jong Un: Betreibt Nordkorea diplomatische Vertretungen als kriminelle Profit-Center?

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Mit elf Jahren wusste Han Jin Myung bereits, dass er einmal Diplomat im Dienst der Kim-Dynastie werden würde. Seit dieser Zeit paukte der Spross einer parteitreuen Familie Französisch an Eliteschulen in Pjöngjang. Er träumte von einer glanzvollen Karriere. Am Ende sah er sich als einer von vielen Geldbeschaffern für die jüngste Atommacht missbraucht.

Dieser Tage wachsen die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel gerade wieder. Vermehrt wird spekuliert, dass Diktator Kim Jong Un die Welt mit einem weiteren Nukleartest provozieren könnte. Als ein möglicher nächster Termin dafür gilt Dienstag, der 25. April. An diesem Tag jährt sich zum 85. Mal die Gründung von Nordkoreas Volksarmee.

Es wäre bereits der sechste Test. Und es dürfte noch lange nicht der letzte sein, denn der Norden verfügt offenbar über reichlich Nachschub an Geld, um sein Nuklearprogramm zu finanzieren. Dabei nutzt er ein Netz von Botschaften, Handelshäusern und Hacker-Basen, das er im Ausland aufgebaut hat.

Die meisten Stützpunkte unterhält das Kim-Regime laut Han im benachbarten China, weil sie dort nur schwer von westlichen Sanktionen getroffen werden können. "Viele Leute behaupten, China sei in der Lage, Nordkorea zu kontrollieren", sagt der Ex-Diplomat. "Das Umgekehrte ist der Fall: Nordkorea kontrolliert China."

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Han hat sich im Hinterzimmer eines Restaurants in Seoul verabredet, hier kann er ungestört reden. Er ist 43 Jahre alt, mit seiner großen Hornbrille und der wuseligen Frisur sieht er aus wie ein Künstler. Vor etwa zwei Jahren floh er aus der nordkoreanischen Botschaft in Vietnam und lief zu Südkorea über.

"Nordkoreas Botschaften im Ausland müssen sich selbst finanzieren", berichtet Han. In Hanoi hätten er und seine Kollegen beispielsweise mit Autos und Zulassungskennzeichen gehandelt. "Als Diplomaten konnten wir die Fahrzeuge steuerfrei erwerben, diese verkauften wir dann mit Gewinn weiter." Die Botschaft verfüge über einen Fuhrpark von 40 Autos. Würden diese Fahrzeuge regelmäßig verkauft und wiederverkauft, könne man allein damit ansehnliche Gewinne machen.

Die Geschäftsaktivitäten der nordkoreanischen Botschaften unterschieden sich je nach Gastland. Geradezu vorbildlich wirtschafte die Botschaft in Berlin, die in der Glinkastraße im Ostteil der Stadt liegt. Ein Teil des weiträumigen Areals hätten die Nordkoreaner vermietet, sie finanziere sich selbst. Auch die nordkoreanische Botschaft in der Demokratischen Republik Kongo floriert laut Han als Profit-Center.

Einen Teil seiner geschäftlichen Einnahmen in Vietnam durfte er für sich selbst behalten, sagt Han. Sein Grundgehalt, das er vom Regime bezog, betrug 320 Euro im Monat. Das klingt nach wenig, aber es war ein Vielfaches dessen, was er zuvor als Beamter des Außenministeriums in Pjöngjang verdient hatte.

Der Kfz-Handel gehöre zu den eher harmlosen Verdienstquellen des Regimes. Lukrativer sei laut Han der Schmuggel von Drogen - vorzugsweise von Chrystal Meth - sowie Waffen und Falschgeld. Die Blüten würden in Pyongsong, einer Stadt nahe Pjöngjang, gedruckt, sagt Han. Für den Drogenhandel sei das sogenannte Büro Nr. 99 in Pjöngjang zuständig.

"Die Leute vom Büro Nr. 99 benutzten uns Diplomaten nur, wenn sie unsere Sprachkenntnisse benötigten", sagt er. Zwischen den einzelnen Institutionen des Regimes - Partei, Militär, Außenministerium, Geheimdienst, Polizei - tobe ein ständiger und harter Konkurrenzkampf um gewinnträchtige Geschäftszweige. Kims Auslandsvertretungen spielten eine Schlüsselrolle, um die Finanz- und Wirtschaftssanktionen zu umgehen, die wegen des Nuklearprogramms gegen Diktator Kim verhängt wurden.

"Das Regime überweist praktisch keine Gelder über internationale Banken", sagt Han, "sie werden direkt zwischen den Botschaften transferiert." Diesen Verkehr könne von außen niemand kontrollieren. Er selbst habe sich aber nur einmal als Kurier betätigt; im Diplomatengepäck habe er 40.000 Euro transportieren müssen.

Die Gelder, die das Regime im Ausland beschaffe, würden vor Ort oft umgehend wieder investiert, um Waren und Dienstleistungen zu beschaffen. Jeder Nordkoreaner, der im Ausland arbeitet, sei verpflichtet, dem Vaterland sogenannte Loyalitätsgelder abzuführen. Das gelte auch für nordkoreanische Computerspezialisten, die sich vom Ausland aus in die Netzwerke von Banken hacken und dort angeblich Millionen US-Dollar erbeuten.

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Wie Kim Seungjoo, ein Experte für IT-Sicherheit von der Korea-Universität in Seoul, herausgefunden hat, bestehen die Hackerteams aus vier bis fünf meist jungen Leuten. Sie werden schon als Schüler an Computern in Pjöngjang trainiert, später operieren sie vorwiegend von Europa und China aus. "Diese Leute sind hochgradig motiviert", sagt Kim, "denn wenn sie die Vorgaben aus Pjöngjang treu erfüllen, brauchen sie nicht nach Nordkorea zurückzukehren und dürfen dauerhaft im Ausland bleiben."

Dagegen graue es vielen Diplomaten vor dem Tag, an dem sie nach Pjöngjang zurückbeordert werden. Auch der Botschaftsangehörige Han bangte zunehmend um seine Sicherheit: Er hatte sich mit seinen Kollegen in der Botschaft in Hanoi zerstritten - er fühlte sich um seinen Anteil an den Gewinnen aus dem Autohandel betrogen. Am Ende floh er in die nahe Botschaft von Südkorea.

Nun lebt Han in Seoul. Doch befreit fühlt er sich hier nicht. Ständig denkt er an seine Familie, die er in Pjöngjang zurückließ. In Nordkorea herrscht Sippenhaftung. Ein anderer nordkoreanischer Ex-Diplomat, der später nach Südkorea überlief, soll Han berichtet haben, es wäre besser für ihn, wenn er über das Schicksal seiner Familie nicht Bescheid wisse. Als Han von seinem zwölfjährigen Sohn spricht, stockt seine Stimme, er kämpft mit den Tränen.

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Im kapitalistischen Süden fühlt Han sich wie ein Fremder. Es ergeht ihm wie vielen Überläufern, die in ihrer neuen Heimat nicht zurechtkommen und sich nicht verstanden fühlen. Bis vor Kurzem arbeitete Han als Nordkoreaexperte im Strategie-Institut des südkoreanischen Geheimdienstes. Dort hat er indes gekündigt, weil er sich nicht angemessen behandelt fühlte. Seither schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch.

"In Nordkorea war ich Diplomat, ich gehörte zur Elite", sagt Han. "Doch was soll ich hier auf Dauer machen?"

Han denkt bereits daran, Südkorea wieder zu verlassen. Er würde gerne in Frankreich leben. Zwar kennt er das Land nicht. Aber dort könnte er immerhin wieder die Fremdsprache sprechen, die er seit seiner Kindheit gelernt hat.

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