Norwegens Öltaucher Abwärts

Sie waren die "Cowboys der Nordsee". In großen Tiefen arbeiteten die Taucher vor Norwegens Küste an Bohrinseln und Pipelines. Ohne sie hätte das Land seinen Ölreichtum nicht erschließen können. Der Job hat ihre Gesundheit ruiniert, manche bezahlten ihren Mut mit dem Leben. Doch das Königreich hat seine Helden vergessen
Von Oliver Driesen und Mathias Bothor

Das Haus ist im Rohbau seit Jahren, wie eingefroren. Wärme dringt nur aus der Garage, wo der Caravan steht, ein Lebensraum auf Rädern. Auf seinem Dach stehen ein Dutzend Sportpokale, auf Kisten kauern Spielzeugmonster, überall wachsen Berge aus Plunder und Papier. Über die wacht der Papagei Mosche, einäugig wie der legendäre israelische Außenminister Moshe Dayan. So wohnt, mit seinem 13-jährigen Sohn Tor und seiner Frau Merete, der Taucher Tom Engh. Der Mann, der an einem Novembertag des Jahres 1977 in 45 Meter Wassertiefe den Stolz des Staates Norwegen rettete, mehrere Menschenleben und den Gegenwert von gut 450 Millionen US-Dollar. Tom Engh, 57, ehemaliger norwegischer Meister im Schwimmen, ausgebildet als Taucher der Kriegsmarine, lebt wie in einer Muschelschale vor den Toren der Hauptstadt am Oslofjord. Verarmt, doch nicht vereinsamt. Verzweifelt? Manchmal.

1977 war die Bohrplattform "Cormorant A" mit ihrer neuartigen Betonbauweise die größte Innovation der aufstrebenden Ölindustrie Norwegens. Die Plattform der Condeep-Baureihe wurde auf ihrem Weg in die offene Nordsee, wo sie verankert werden sollte, Drucktests an ihren Verstrebungen unter Wasser unterzogen. Engh war nicht von Dollar in die Ölbranche gelockt worden, wie Taucher aus vielen Ländern damals. Den späteren Feuerwehrtaucher hatte die Regierung gedrängt, mit den im Ölbusiness der Nordsee dominierenden Amerikanern zusammenzuarbeiten, denn Norwegen brauchte jeden Fachmann beim Aufbau seiner neuen, strategisch wichtigen Milliardenindustrie. An diesem Tag war Engh schon zurück aus der See und hatte Dienst an der Winde für die Taucherglocke, als plötzlich Salzwasser aus dem 157 Meter hohen Turm der Plattform schoss.

In 45 Meter Wassertiefe hatten andere Taucher versehentlich zwei Ventile in einer Säule geöffnet, die nicht wieder geschlossen werden konnten. Durch den Druck des Eigengewichts speiste die 380000 Tonnen schwere "Cormorant A" eine gigantische Wasserfontäne, unter der sich die Konstruktion zu neigen begann. Schon wurde evakuiert, alle Schiffe im Umkreis gingen auf Sicherheitsdistanz. Doch der Tauchsupervisor an Deck der "Cormorant A", dem Engh wie einem Bruder vertraute, schickte ihn als seinen besten Mann nach unten - mit einem irrwitzigen, dem einzig aussichtsreichen Plan: die 40 und 30 Zentimeter großen Löcher, die mit gewaltigem Unterdruck alles in weitem Umkreis in sich hineinsogen, mit Metallplatten abzudecken. Ohne Tauchglocke, ohne Reserveflasche, nur mit dem Nötigsten, schnell, schnell.

Unten verlor Engh als Erstes seine Lampe, die in eins der Löcher gerissen wurde. "Nun war es vollständig dunkel. Es gab nur die Strömung und diesen unglaublichen Lärm, den das Wasser machte. Sehr tief, sehr beunruhigend. So etwas hatte ich nie zuvor gehört. Ich höre diesen Ton seitdem jeden Tag, selbst jetzt, wenn wir sprechen." Der Taucher näherte sich dem größeren Loch von unten her. "Ich hielt diese Metallplatte über meinem Kopf und wurde hochgesogen. Wäre sie nicht im ersten Anlauf drauf gewesen, wäre ich zu Spaghetti verarbeitet worden." Doch das Wunder geschah, zwei Mal. Tom Engh stoppte die Fontäne bei einem Neigungswinkel der Plattform von elf Grad. Bei 13 Grad wäre sie gekentert, eine halbe Milliarde Dollar versunken. Wie er wieder nach oben kam, weiß Engh bis heute nicht.

Der Nachweis ergiebiger Ölfelder in der Nordsee ab 1965 und ihre Ausbeutung haben Norwegen zum viertreichsten Land der Welt gemacht. Heute stammen 16 Prozent des norwegischen Sozialprodukts aus der Öl- und Gasförderung. Norwegen ist der zweitgrößte Ölexporteur nach Saudi-Arabien. 73000 Beschäftigte oder drei Prozent aller Jobs in Norwegen hängen davon ab. Doch die ersten beiden Jahrzehnte der Erdölproduktion, die Ära des Wilden Nordens ohne Erfahrung und Sicherheitsstandards, ohne Regulierungen und Kontrollen, sind wie aus den Annalen gestrichen: die Ära der Pioniertaucher in der Ölindustrie.

Am Tag nach der Rettung der "Cormorant A" wurde die Tauchcrew vom Management auf Jahre in alle Winde zerstreut, zu Einsätzen auf verschiedenen Erdteilen. Sowohl Industrie als auch Staat legten Engh und seinen Kollegen nahe, dass dieses Ereignis niemals stattgefunden habe. Eine Lokalzeitung brachte eine Notiz über ein technisches Problem. Für den Supervisor allerdings gab es eine Anerkennung: 1400 Flaschen geschmuggelten Whiskys. Tom Engh, von allen Kollegen getrennt, hat keine davon gesehen.

Etwa 400 Taucher waren zwischen 1965 und 1980 in der Nordsee am Werk. Sie arbeiteten ohne Limits, ohne gewerkschaftliche Vertretung, oft ohne ausreichende Ausbildung. Sie wagten mit zusammengeschusterter Ausrüstung, was zivile Taucher nie zuvor gewagt hatten. Sie verlegten Pipelines selbst in 360 Meter Tiefe. Erst im September hat die Regierung nach mehr als 35 Jahren Tiefseetauchen in der Nordsee angeordnet, dass Taucher nicht mehr als 180 Meter hinunter dürfen. Heute, wo es noch eine Handvoll Aktiver gibt. Die Hysterie, die Unfälle und Beinahekatastrophen der frühen Jahre scheint die Nordsee verschluckt zu haben.

Tom Engh atmete 1978 Talkumpulver aus dem Luftschlauch einer Taucherglocke ein, der fahrlässig mit dem Pulver gereinigt worden war. Er überlebte es, irgendwie. Heute ist Engh als 80 Prozent hirngeschädigt anerkannt. Damals diagnostizierte ein Arzt Seekrankheit. An die Dinge, die vor fünf Minuten geschahen, kann Engh sich oft nicht erinnern. Sein Leben bestand jahrelang aus Schmerz und Depression, seine erste Frau verließ ihn mit der gemeinsamen Tochter. Ein normales Schicksal für Öltaucher.

Auch Guy Tassier verlor Frau und Kind, weil sie es nicht mehr aushielten. Der Franzose aus Paris kam schon 1970, mit 25 Jahren, nach Norwegen. Er war einer der ersten sechs Öltaucher in der Nordsee, er arbeitete auf der ersten Gewinn bringenden Plattform, der "Ocean Viking". Doch nach mehreren schweren Unfällen war seine Karriere schon 1978 zu Ende. Tassier war verschlissen vom Job als Ausbilder im Tieftauchen, körperlich und seelisch. Das Management hasste nichts mehr als Arbeitspausen, ein in verlorenen Dollar bemessener Zeitraum. "Sie haben mich als Versuchskaninchen benutzt", glaubt der Taucher. "Wir hatten jedes Mal andere Dekompressionstabellen, andere Tauchzeiten. Ich sollte mal dies ausprobieren, mal das." Das Gemisch für den Druck in großer Tiefe, 16 Prozent Sauerstoff und 84 Prozent Helium, das die Stimme zu einem Mickymauspiepsen verfremdet, wurde beinahe zur normalen Atemluft des Franzosen.

Lesen Sie in Teil 2: "Tieftauchen ist eine tödliche Sache - für Gehirn und Nervensystem", sagt Tassier.

Nach seinem Ausscheiden litt Tassier an schweren Depressionen, die sich mit einer unerklärlichen Aggressivität abwechselten. Nicht nur wandte sich seine Familie von ihm ab, nicht nur erklärten Ärzte ihn zum Hypochonder, auch Tassier selbst verstand sich nicht mehr. "Wir hatten damals keine Ahnung, wie gefährlich das ständige Tieftauchen langfristig für unsere Gesundheit war. Erst mit der Zeit fanden wir heraus, dass es eine tödliche Sache ist - für Gehirn und Nervensystem." Schwarz auf weiß bekam es Tassier, nach jahrelanger Odyssee, durch den Arbeitsmediziner Harald Nyland von der Universitätsklinik Bergen. Der Experte bescheinigte dem Taucher, dass er an einer Schädigung des zentralen Nervensystems litt, verursacht durch die Belastungen seines Berufs. Das Gutachten diente sogar als Grundlage für eine bescheidene staatliche Invalidenrente.

Für die Medien ist Nyland nicht zu sprechen. Zu viele ähnlich gelagerte Streitfälle mit Behörden oder der Ölindustrie stehen zur Entscheidung an, Präzedenzfälle können hohe Entschädigungszahlungen und Übernahmen der Behandlungskosten bedeuten. Befragen lässt sich aber sein Vorgesetzter, Einar Thorsen, der den vermuteten Grund für die Wortkargheit bestätigt. "Natürlich gibt es einen starken Druck von vielen Seiten. Aber wir können uns nicht auf diese Diskussion einlassen. Wir können nur objektive Daten liefern." Was Thorsen immerhin einräumt: "Insgesamt haben die Taucher mehr Gesundheitsbeschwerden und krankhafte Symptome des Nervensystems und der Lunge als der Bevölkerungsdurchschnitt." Doch noch fehlten internationale Studien, die diese Symptome zweifelsfrei auf den Tauchstress zurückführen.

Guy Tassier, der allein in einer Sozialwohnung in Norwegens Ölhauptstadt Stavanger lebt, ist von Cortison aufgedunsen und von mehreren Selbstmordversuchen gezeichnet. Er leidet unter Panikattacken und verlässt die Wohnung so selten wie möglich. Alle Bilder, Dokumente und Gegenstände, die ans Tauchen erinnerten, hat er verbrannt. Schon das Erzählen lässt dem immer noch kräftigen Mann die Tränen über die Wangen laufen. "Ich habe einmal einen toten Kameraden vom Meeresgrund heraufbringen müssen. Tauchen war wie Krieg. Jedes Mal wusstest du nicht, ob du lebendig wiederkommst."

Wenige können den Kriegsvergleich so zu Recht anstellen wie der Amerikaner Gary Cronin, der in Vietnam beim Elitekommando der Navy Seals diente. Cronin verkörperte perfekt den Typ des abgebrühten Risikosuchers, des stahlharten Einzelgängers unter Wasser. "Ich bin programmiert worden durch mein Training, gefährliche Jobs zu tun", sagt der 55-Jährige, wenn er beim Bier grüblerisch wird. "Ich war noch etwas durch den Wind aus der Zeit in Vietnam. Tauchen war ein Weg, davon loszukommen - indem ich mich dort unten versteckte."

Doch auch Cronin musste dem Alltag eines Öltauchers und Ausbilders schließlich Tribut zollen. Auch er erlitt schwere Unfälle, verursacht durch schlampige Wartung, schlechte Kommunikation und die Profitgier der Bosse.

Aus Vietnam entkommen, war der Kampftaucher im Wilden Norden gelandet, der ebenfalls Kanonenfutter benötigte. "Ich habe Leute in Bars angeheuert: Du siehst aus wie ein starker Typ, willst du einen Job? Die hatten bis dahin nicht mal Flossen gesehen. Ich machte auch aus ihnen Taucher." Angst und Geld waren "das Salz in der Suppe". Acht Monate im Jahr war Cronin auf See, die restliche Zeit brachte er den Lohn mit vollen Händen durch. "1977 verdiente ich 110000 Dollar, damals eine Menge Geld. Davon habe ich 75000 in drei Monaten verbraten, mit Weltreisen und Besäufnissen." So lebte er bis 1994, als er wegen des Alkohols keinen Job mehr in der Nordsee fand. Ein paar Jahre noch tauchte Cronin, unter anderem in Asien, dann spielten Körper und Nerven endgültig nicht mehr mit - nach insgesamt viereinhalb Jahren Lebenszeit in Druckkabinen oder auf dem Meeresgrund.

Gegen die Angst, die nächtlichen Schweißausbrüche, die Schmerzen und die Wut schluckt Gary Cronin Pillen, viele Pillen, "und eine Menge anderes Zeug". Am liebsten ist er allein in Oslo mit seiner polnischen Frau, die ihn versorgt. Die Fotos seiner Einheit in Vietnam, die Ehrenurkunden, die Auszeichnungen und die Belobigung für den Versuch, einen kleinen Jungen vor dem Ertrinken zu bewahren, konservieren einen Rest Stolz. Wie Tom Engh und Guy Tassier lebt Cronin nicht vollkommen hoffnungslos. Sie alle schöpfen Kraft daraus, ihre Geschichte zu erzählen - um eines Tages Gerechtigkeit zu erfahren.

Dabei haben die vergessenen Helden einen unerwarteten Verbündeten gefunden. Ole Hagesether ist der Bischof von Bergen, ein Oberhaupt der lutherischen Staatskirche. Hagesethers Diözese ist zugleich für die Norweger im Ausland und auf See zuständig. Daran gemessen ist sein Gotteshaus, das er als "Kinderkirche" führt, geradezu niedlich. Als die Nordseetaucher an alle Würdenträger des Landes um Beistand schrieben, antwortete der Bischof ihnen mit einem Brief, in dem er für sie zu beten versprach. Die Reaktion der harten Jungs rührte Hagesether. "Das haben sie allen weitererzählt. Es ist ihnen wichtig, weil ich zum Establishment gehöre, zu den Leuten, die mit dem König speisen." Der Bischof hat viele von ihnen besucht und kennt die Sehnsüchte der einstigen "Nordsee-Cowboys". Zwar sei Geld ein Thema, viele Taucher bräuchten es dringend. "Aber es ist noch mehr eine Frage der Würde und des Respekts. Die Taucher sehen sich selbst als stark, aber im Moment sind sie gezwungen, auf Ämtern um Unterstützung zu betteln. Das ist sehr demütigend."

Rolf Engebretsen bettelt nicht. Mit seinen 54 Jahren trägt er einen Pferdeschwanz, fährt einen Chevrolet-Van mit roten Ledersitzen aus den achtziger Jahren und lebt mit Partnerin und Sohn am Stadtrand von Stavanger. Ein Häuschen am Wasser: Das klingt nach der Idylle eines alternden Rockmusikers, doch Engebretsen ist pleite und hat Schulden. "Sogar das Geld für den Sprit habe ich gepumpt." Alles, was sich flüssig machen ließ, steckte er in den Kampf gegen die Lobby und das Schicksal, ein Pioniertaucher der Ölindustrie gewesen zu sein. Wie Tassier, Cronin und Engh leidet auch Rolf Engebretsen unter dem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Für jedes Alltagsdetail muss er sich Listen machen und sie penibel abhaken, um sein Leben zu meistern.

Lesen Sie in Teil 3: "Es hieß immer nur: Los, Junge, runter!"

Es war im Winter 1974 und Engebretsen mit gerade 22 Jahren in Topform, als er von der Barkasse "Orca" aus tauchte, um Pipelines vor Norwegens Küste zu verlegen. Die mit einer Kappe versiegelten Endstücke der Leitungen mussten vom Meeresgrund aus 130 Meter Tiefe - Sporttaucher gehen selten tiefer als 40 Meter - in flachem Winkel angehoben werden. Von Bord aus wurden sie dann für die Erweiterungsarbeiten vorbereitet. Die dicken Stahlkabel zum Anheben sollte ein einzelner Taucher in der schwarzen Kälte unter den Rohren hindurchführen - Engebretsens Job.

Die enge Taucherglocke teilte er mit einem wesentlich älteren Tender, dem Sicherungsmann, aus Schweden. Ein "bounce dive" stand an. Dabei geht der Taucher an der Oberfläche in die Glocke und unter normalem Druck hinunter zur Arbeitsebene. Dort erst wird das Ventil geöffnet und die Glocke auf Umgebungsdruck gebracht - der so genannte Blowdown. Bei 130 Meter Tiefe herrschen 14 Atmosphären - ein Vielfaches des Drucks in Autoreifen. Keine Gefahr, wenn die Glocke dicht hält.

Das Problem war nur: So gut wie nichts an Bord der "Orca" wurde gewartet und instand gehalten. "Dafür war keine Zeit. Es hieß immer nur: Los, Junge, runter!" Dafür sorgte der Supervisor auf der Barkasse, ein Amerikaner, Angestellter des Subunternehmens, das die Pipeline legte.

Während des Blowdowns bemerkte Engebretsen entsetzt, wie zwischen den Scheiben der Seitentürschleuse eine Wasserlinie hochstieg. Doch der Supervisor oben ordnete an, noch ein paar Meter tiefer zu gehen. "Und bang! Die Seitentür kam durch den Wasserdruck reingeschossen."

In 120 Meter Tiefe füllte sich die Glocke rasend schnell mit Wasser. Beiden Männern platzten die Trommelfelle. Sie bluteten aus den Ohren. Dennoch schafften sie es, die Panik zu bezwingen, ihre Masken aufzusetzen und die Tür notdürftig zu reparieren, um möglichst wieder Normaldruck in der Glocke herzustellen. Mit einem Alarmaufstieg gelangten sie bis auf 80 Meter in einer Minute. Natürlich war der Amerikaner oben außer sich vor Wut. Doch Engebretsens Martyrium war noch nicht vorbei.

Die Glocke wurde an Bord gehievt, noch immer herrschten rund acht Atmosphären in der Glocke. Normalerweise dauert es anderthalb Tage, die Insassen vollständig zu dekomprimieren. Doch jemand öffnete unachtsam die Auslassventile der Glocke, obwohl die Taucher noch nicht durch die Druckschleuse in die Dekompressionskammer umgestiegen sind: In nur 45 Sekunden wurden die beiden Insassen von 80 Meter auf Oberflächendruck gebracht. Ein unfreiwilliger Weltrekord, meint Engebretsen.

Die beiden Taucher überlebten die folgende Explosion der Gasbläschen in ihrem Blut nur, weil Engebretsen vor dem endgültigen Zusammenbruch aus der Glocke sprang. Die Kollegen draußen brauchten eine Weile, um zu glauben, was sie sahen, und schleppten den inzwischen Kollabierten, der ihnen wie ein Gespenst erschien, für eine geregelte Dekompression in die Kammer. "Das war meine erste Hirnschädigung", weiß Engebretsen heute. Am Tag darauf schickte man ihn wieder nach unten.

Engebretsen war auch der Supervisor, der die 1400 Flaschen geschmuggelten Whiskys bekam - zum Dank dafür, dass sein damaliger Schützling Tom Engh die Ölplattform "Cormorant A" gerettet hatte. "Die Manager sagten: ,Guter Job, Jungs!' Und sie gaben mir einen Containerschlüssel. ,Macht damit, was ihr wollt. Wir sind ein paar Tage weg', hieß es." Engebretsen hat den Whisky nie getrunken. "

1993, als man ihm wegen einer Rückenverletzung schließlich die Tauchlizenz entzog, gründete er mit Tom Engh die NSDA, die Nordseetaucher-Vereinigung. Es geht ihnen nicht vor allem um Pensionen, medizinische Hilfe und Entschädigungen für die Tauchpioniere, das auch. Aber am wichtigsten ist ihnen Respekt. "Wir waren die, die diesem Land zu seinem Öl verholfen haben. 1973, als ich 21 war, stand Ministerpräsident Trygve Bratteli auf der ersten Ekofisk-Bohrinsel vier Meter von mir entfernt und sagte zu uns: ,Ohne eure Pionierarbeit wäre das nicht möglich geworden. Wir werden euch das nie vergessen.'" Und dann, sagt Engebretsen, habe die Regierung die nächsten Jahrzehnte mit dem Ignorieren und Vertuschen der Zustände unter Wasser verbracht.

Seinen Pferdeschwanz will er tragen, "bis ich mit dieser Sache durch bin". Die NSDA hat 235 Nordseetaucher namentlich ermittelt. Bis heute überlebt haben 141. Es gab 18 Selbstmorde. Engebretsen hält, wie viele in der NSDA, mit sieben, acht Tauchern telefonischen Krisenkontakt, um weitere Suizide zu verhindern. Und er geht weite Wege. Vor zwei Jahren war er mit Tom Engh sogar beim König. "Es ist nichts passiert."

Doch die NSDA macht weiter Wirbel, nicht ohne Erfolg. Parlamentsdebatten über Entschädigung und Anerkennung laufen. Der Staat, auf Öl gebaut, scheint seine Tiefseepioniere endlich doch wahrnehmen zu wollen. Engebretsen blickt, wie Wikinger geblickt haben mögen: entschlossen. "Ich gebe niemals auf. Ich kriege sie. Mit Tom an meiner Seite: kein Problem! Es braucht nur seine Zeit." Er glaubt unerschütterlich an diesen Sieg.

Die Anstecknadel der NSDA ziert eine Tauchermaske, dazu die lateinischen Worte "De profundis". So beginnt in der Bibel Psalm 130. "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir."

Aus dem "Mare"-Heft "Öl", April/Mai 2004