Notfalltelefon zur Love Parade Kein Anschluss unter dieser Nummer

Warteschleife statt Hilfe am Telefon: Fast 600.000 Mal wurde die Love-Parade-Hotline nach der Katastrophe gewählt, gerade mal 5200 Anrufer kamen durch - der Rest musste weiter bangen. Einige Angehörige waren so verzweifelt, dass sie selbst nach Duisburg fuhren, um ihre Kinder zu suchen.

REUTERS

Von , Duisburg


Im Nieselregen schrubben Reinigungskräfte die aufgesprühten Silhouetten von 16 toten Ravern weg. 24 Stunden zuvor waren sie am Fuß der winzigen Treppe und vor der riesigen Plakatwand an der Rampe zum Love-Parade-Gelände gestorben. Drei weitere Personen erlagen in Krankenhäusern ihren Verletzungen, mehr als 340 wurden verletzt.

Die Katastrophe erreicht langsam das Bewusstsein der Duisburger. Standen am Sonntagmorgen noch kleinere Grüppchen neugieriger und nachdenklicher Menschen vor beiden Tunneleingängen, sind es am Abend Hunderte. Schweigend und weinend halten sie inne, zünden Kerzen an, beten laut das "Vater unser", während die Reinigungsfahrzeuge mit großen Bürsten die Betonröhren entlangwischen.

Ein Seelsorger geht auf die Passanten zu, hält Ausschau, bietet seine Hilfe an. Ein Angebot der Polizei - vielleicht auch, um die Pleite mit der Hotline für Angehörige auszugleichen. Kurz nach dem Unglück hatte die Stadtverwaltung eine Notfallnummer eingerichtet für Verwandte, Bekannte und Freunde von Love-Parade-Teilnehmern.

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Duisburg: Katastrophe bei der Love Parade
Doch die Stadt war offenbar überfordert mit der Aufgabe. Den Behörden zufolge wurde die Hotline 570.000 Mal angewählt, aber nur 5200 Gespräche wurden angenommen. Mehrere Love-Parade-Besucher sagten SPIEGEL ONLINE, dass sie selbst, aber auch ihre Angehörigen, über die eingerichtete Nummer niemanden erreicht hätten - entweder war sie besetzt oder man hing in der Warteschleife fest. Laut Behördenangaben waren die Telefone zeitweise mit 22 Mitarbeitern besetzt. Genaueres über die Hotline und die Gründe für die schlechte Erreichbarkeit wollte die Stadt nicht mitteilen.

Martin Sattler, 24, aus München erzählte, seine Schwester habe stundenlang versucht, einen Ansprechpartner zu bekommen - ohne Erfolg. Kai Hansen, 25, aus Hannover berichtete, er habe immer wieder die Nummer gewählt, weil er im Chaos seine Freunde verloren hatte. "Vier Stunden lang dachte ich, die seien unter den Opfern, weil ich bei der Hotline nicht durchkam. Wir hatten ja keine Ahnung, wie viele Tote und Verletzte es gab."

Sara Lehners Eltern aus Münster setzten sich sogar in ihrer Verzweiflung ins Auto, parkten ihren Wagen an der Autobahn und marschierten mit Verwandten das Gelände ab. Als das Mobilfunknetz wieder funktionierte, telefonierten sie sich schließlich mit ihrer Tochter zusammen. "Durch die Suche verging wenigstens die Warterei, man hatte das Gefühl, man tut was", sagte Saras Mutter.

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Pressekonferenz zur Love Parade: Viele Fragen, kaum Antworten
Am Samstag um 17.14 Uhr soll der Alarm ausgelöst worden sein. Um 17.30 Uhr wurden Seelsorger zum Tatort gerufen. Den Einsatz leitete Joachim Müller-Lange, Landespfarrer für Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland. Er betreute schon Betroffene des Zugunglücks von Eschede und Angehörige von Tsunami-Opfern.

"Wir wussten nur, dass die Menschen seelische Betreuung brauchen, und stießen mitten in die Chaosphase", sagt Müller-Lange SPIEGEL ONLINE. Die Rettungslager seien nicht für die Versorgung vorbereitet und vollkommen überfüllt gewesen. Der 55-Jährige entschied vor Ort, alle verfügbaren Mitarbeiter zusammenzutrommeln: Rund 100 Seelsorger und psychosoziale Kräfte eilten daraufhin zum Einsatz.

Sie kümmerten sich um diejenigen, die gerade einen Angehörigen verloren hatten oder nichts über das Schicksal ihrer Begleiter wussten - und um die Ersthelfer, die erfolglose Reanimierungsversuche unternehmen mussten. Und sie betreuten die Besucher, die der Massenpanik entkommen waren - dafür aber über Leichen und Verletzte trampelten.

Viele dieser Raver waren erschüttert über ihren eigenen Überlebenswillen, der sie so weit getrieben hatte. "Viele nehmen das als moralisch verwerflich wahr, dabei haben sie das nicht wirklich gewollt", sagt Müller-Lange. Die Erkenntnis, einem Impuls erlegen zu sein, der die eigene Rücksicht aushebelt, verursache oft Schuldgefühle und Gewissenskonflikte. "Nicht nur Bilder brennen sich ein, auch Schreie und das Gefühl, über eine hilflose Person gelaufen zu sein, sie buchstäblich mit Füßen getreten zu haben."

Ein Reflex, der viele Love-Parade-Besucher noch einholen und sich zu einem potentiell heftigen, traumatisierenden Erlebnis entwickeln könne. Oft festige sich das Erlebte erst Tage, Wochen später, sagt der Seelsorger. Man frage sich, was habe ich dort erlebt? Was habe ich getan? Hätte ich doch helfen können?

"Mehr Anrufe als erwartet"

Die rund 100 Seelsorger versorgten aber auch erschöpfte Rettungskräfte und vor allem Raver, die einfach erschüttert waren von dem, was sie hatten ansehen müssen. Sie hätten "die besten Chancen", sich von den Erfahrungen zu erholen. Auch wenn es Jahre dauern könne, bis Zeugen die Katastrophe verarbeitet hätten, sagt Müller-Lange. Seiner Erfahrung nach gehöre dazu, dass sich Betroffene nur von denjenigen verstanden fühlten, die Ähnliches erlebt hätten.

An der Bewertung des umstrittenen Sicherheitskonzepts will sich der erfahrene Seelsorger Müller-Lange nicht beteiligen. Er sagt nur: "Diese Diskussion erhöht die Belastung der Angehörigen. Sie brauchen eine Antwort und eine Verantwortlichkeit - auch um Schadensersatzansprüche zu erheben. Es gibt ja einen Grund, warum diese Panik ausgelöst wurde."

Inzwischen hat die Polizei Essen das Notfalltelefon übernommen. "Es gab durch das Unglück doch mehr Anrufe als erwartet", sagt Tanja Horn von der Essener Polizei. Dort liegen die Listen mit den Namen der identifizierten Toten und registrierten Verletzten, die erfragt werden können.

"Wenn Kollegen erkennen, die Anrufer benötigen seelsorgerische Betreuung, kümmern sie sich auch darum."

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Seite 1
Hovac 25.07.2010
1. traurig
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
lawinchen, 25.07.2010
2. Rhetorische Frage
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
xkultx 25.07.2010
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
waffenstillstand 25.07.2010
4.
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
gisu 25.07.2010
5. Schuld haben
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
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