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Notorisch geil

Noch nie war die Fuchsjagd zu Pferde in England so populär wie heute: Über 50000 Berittene rücken in dieser Saison aus. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Es war einer jener englischen Herbsttage, feucht und erdschwer, wie sie die Ärzte von Leicestershire lieben. Wieder einmal jagte die Quorn Hunt über die abgemähten Felder, und wieder einmal hallte die Grafschaft wider vom dumpfen Knacken brechender Knochen.

Auf der Strecke blieben: 1 Lendenwirbel, 1 Knöchel, 1 Schienbein, 2 Schlüsselbeine und 1 Fuchs - doch der dürfte weniger gelitten haben als die 82 Reiter, die an diesem ersten Freitag im November hinter ihm her waren: »Zu Beginn der Saison«, so Lady Ward, »sind die Ausfälle naturgemäß immer etwas größer. »

Bis zu ihrem Ende im Mai nächsten Jahres wird die »hunting season« rund 20000 Füchse das Leben und 12000 Engländer (zumindest vorübergehend) die Gesundheit kosten - macht pro totem Fuchs durchschnittlich 0,6 Reiter mit Brüchen und Zerrungen, dazu kommen das eine und andere Auge, einige Hirnquetschungen sowie die übliche Handvoll Querschnittlähmungen.

Vielleicht werden es auch ein paar mehr - die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, ganz zu schweigen von denen der Schwerkraft, sprechen jedenfalls dafür. Denn noch nie, nicht einmal im jagdbegeisterten 19. Jahrhundert, waren so viele Engländer hinter dem Fuchs her wie heute: Rund 50000 sind es inzwischen, dazu mehr als dreimal so viele »footsies« (Füßler), jagdbesessene Zuschauer, die den Reiterkavalkaden zu Fuß oder per Automobil über Landstraßen und Feldwege zu folgen versuchen.

»Der Sport«, resümiert die Expertin Caroline Blackwood, »ist populärer als jemals zuvor.« Ihr jüngst erschienenes Buch über die Fuchsjagd wurde innerhalb weniger Wochen zum Seller _(Caroline Blackwood: »in the Pink«. ) _(Bloomsbury Publishing, London; 168 ) _(Seiten; 11.95 Pfund. )

. Es ist fast so gefragt wie »Baileys« Hunting Directory«, der offizielle Terminkalender Jagdreiter, der in dieser Saison so umfangreich ist wie noch nie.

An die zehntausendmal werden sich die 216 Jagdgemeinschaften ("hunts") mit ihren 400 Hundemeuten ("packs") vor Dorfgasthöfen oder auf dem freien Feld zur Hatz versammeln ("the meet"). Im Sattel wird dort erst ein Glas Champagner oder Sherry geleert ("stirrup cup"), dann geht''s los über Gräben, Gatter und Wege - vorneweg der Fuchs, so sich einer findet, gehetzt von den kläffenden Hunden und der nachfolgenden Reiterschar, deren Gesichter schnell die Farbe von überreifen Maulbeeren annehmen (was auch am häufigen Gebrauch der »hip flask« liegt, des silbernen Flachmanns, den der Reitersmann in der Brusttasche seines scharlachroten Rocks trägt).

Ehrgeiz eines jeden Reiters ist es, jenen glorreichen Augenblick mitzuerleben, da sich der Lebenszweck des Fuchses erfüllt und dieser von den »hounds« zerrissen wird. Dann spricht der Jäger von einem »good day« und trabt nach Hause, erfüllt von dem Bewußtsein, einmal mehr ein wertvolles Stück englischer Lebensart verteidigt zu haben.

Denn nach wie vor gilt die Fuchsjagd als der »Gentleman Sport« schlechthin, obwohl heutzutage immer mehr Menschen im Feld mitreiten, die ein Gentleman früher nicht einmal gegrüßt hätte - Rechtsanwälte, Ärzte, Journalisten und ähnliches mittelständisches Gesocks, das sich willig diesem ebenso teuren wie schmerzhaften Exerzitium gesellschaftlichen Aufstiegs unterzieht.

Dabei hat die Jagd auf »Good old wily Reynard«, wie der Engländer den schlauen Reineke nennt, eine vergleichsweise kurze Tradition. Bis Oliver Cromwell im 17. Jahrhundert die Jagd und das Königtum abschaffte, wurden in England nur Hirsche gehetzjagt; nach der Restauration galt das jagdliche Interesse von König und Hof dann vornehmlich dem Hasen - doch der erwies sich als schlechter Sportsmann. Durch sein ewiges Hakenschlagen machte er lange Geradeaus-Galoppaden unmöglich, weshalb er schnell aus der Geschichte der edlen Hetzjagd wieder verschwand.

Unter dem Regnum der Königin Viktoria wurde »fox hunting« zum bevorzugten Zeitvertreib der gehobenen Schichten. Erstmals nahmen zu jener Zeit auch die Frauen die Jagd nach Reynard auf - einem Beispiel folgend, das die österreichische Kaiserin Sissi gesetzt hatte.

Die fanatische Reiterin war während ihres Englandbesuchs schier nicht mehr aus dem Damensattel zu bekommen; das war schon schockierend genug. Als sie sich dann auch noch ihrem Mitreiter Bay Middleton, einem charmanten Offizier von den 12th Lancers, in tätiger Liebe ergab, erlebte die viktorianische Ära einen ihrer großen Skandale.

Fortan jedoch betrachteten die Mädchen aus gutem Hause, die bis dahin sittig zwischen Stickarbeit und Klavierspiel auf den vom Vater ausgewählten Gatten gewartet hatten, die Fuchsjagd als eine Art Heiratsmarkt - eine Gelegenheit bei der sie die Männer ihres Gutdünkens ungestört und ausgiebig mit ihren Reiz- und Reitkünsten betören konnten. Damals nahm das bittere Männerwort seiner. Ursprung: »Du jagst hinter ihnen her, bis sie dich fangen.«

Schon früh schieden sich die weniger prestigeträchtigen Hunts von den vornehmen, zu denen etwa die Quorn und die Beaufort gehören - letztere genannt nach dem gleichnamigen Herzogsgeschlecht, das Englands notorischsten Fuchsjäger hervorgebracht hat: den zehnten Duke of Beaufort, der während der ihm beschiedenen 83 Jahre nichts anderes tat, als im Durchschnitt sechsmal in der Woche zu jagen.

Sogar im Grab ließ ihn die Jagd nicht los: Fanatische Tierschützer versuchten im Winter 1984, seinen Leichnam auszugraben und den Kopf wohlverpackt an Princess Anne zu schicken - bisheriger Höhepunkt einer Kampagne gegen die Fuchsjagd, die den Reitersleuten immer mehr zu schaffen macht.

Schuld daran ist die wachsende Zahl von sogenannten Saboteuren ("Sabs"), die Jagdgesellschaften ebenso hartnäckig verfolgen wie diese den Fuchs. »Stop the Kill«, lautet der Kampfruf dieser Anti-Hunt-Aktivisten, die freilich nur zu häufig anstelle des Fuchses bluten müssen. Oft werden sie bei dem Versuch, den Hunden mittels Sprays den Geruchssinn zu nehmen, ordentlich in den Stert gebissen. bisweilen zieht ihnen einer der Jäger die Gerte durchs Gesicht - aus Reitersicht keineswegs eine strafwürdige Tat: »Das ist, als würde man seine Frau schlagen, also eine reine Privatsache«, so der Master der Essex Union Hunt, der Vor-Reiter des ganzen Vereins.

Wes Geisteszustands die Master (of the Foxhounds) sind und von welcher Gesinnung viele ihrer Mitreiter, das hat der britische Psychologe Hans Eysenck schon vor Jahren ergründet: Sie sind gegen Farbige, Pazifisten und alles Liberale, für Gott, Kirche, Familie und außerehelichen Geschlechtsverkehr- wie das? It''s tradition! Seit Sissis Zeiten gehört nichts so sehr zur englischen Fuchsjagd, Pferd und Hund natürlich ausgenommen, wie das »knocky-knockybusiness«.

Denn nirgendwo und nirgendwann sonst, erläutert Jagd-Expertin Blackwood, sei »der Ehebruch so einfach und bequem« zu bewerkstelligen: Während des Jagdgetümmels kann keiner einen bestimmten Reiter im Auge behalten ("Er könnte zehn Meilen voraus sein oder schon im Krankenhaus"), weswegen sich zum Seitensprung Entschlossene ohne Schwierigkeiten zum Vollzug treffen können - vorzugsweise »im Heu eines der unzähligen leeren Pferdeanhänger« (Blackwood).

Wie bunt darinnen das Treiben sein kann, verdeutlicht die Abscheu, die den wertkonservativen englischen Publizisten Paul Johnson unlängst bei einem Jagdbesuch überkam: »Die Jagdreiter sind notorisch geil«, donnerte er, »und während der Saison ist die Abendluft erfüllt vom Gestöhne der Ehebrecher.« Folgerichtig plädieren die Fuchsjagd-Master auch für Verhütung und Abtreibung.

Mit derselben Nonchalance betrachten sie die Todsünde der Selbstentleibung - logisch, meint die Autorin Blackwood, schließlich seien jedes Hindernis und jeder Graben »quasi eine Einladung zum Selbstmord«. Besonders hoch ist die Ausfallquote bei der Quorn Hunt, in deren Feld Prince Charles häufig mitreitet: »Man hat das Gefühl«, sagte er einmal nach einem bösen Sturz, »als übe die Mehrheit der Reiter immer noch für einen von Wellingtons Kriegszügen.«

Der Mann sollte einmal bei einer Jagd in Irland mitreiten, wo die Pferde direkt vom Acker zu kommen scheinen und die Reiter direkt vom Pub. »Die ganze Zeit mußte ich daran denken«, so der Lord Longford über seine ("erste und letzte") Jagd in Irland, »welch hohen Prozentsatz von Rollstuhlfahrern wir im Oberhaus haben.«

Caroline Blackwood: »in the Pink«. Bloomsbury Publishing, London;168 Seiten; 11.95 Pfund.

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