Wiederaufbau von Notre-Dame "Bitte keine Plastik-Wasserspeier aus dem 3D-Drucker"

Erhält Notre-Dame bei einem Wiederaufbau einen originalgetreuen Dachstuhl - oder eine praktische Lösung aus Metall? Der Wiener Dombaumeister Wolfgang Zehetner erklärt die Vor- und Nachteile beider Varianten.

Francois Mori/ AP

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Zehetner, wie gut kennen Sie Notre-Dame?

Wolfgang Zehetner: Ziemlich gut. Im vergangenen Jahr waren wir vom Stephansdom mit Notre-Dame an einem Projekt beteiligt: Wir haben unsere Portale kunsthistorisch verglichen und analysiert. Dadurch weiß ich, dass es sehr gute, auch dreidimensionale Pläne von Notre-Dame vor dem Brand gibt, die einen Wiederaufbau, zumindest am Computerbildschirm, erleichtern können.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie denn einen Wiederaufbau in fünf Jahren, wie Präsident Macron angekündigt hat, für realistisch? Kollegen von Ihnen haben daran Zweifel angemeldet.

Zehetner: Ich halte das für sehr ambitioniert. Und zwar nicht, weil ich denke, dass die Kosten zu hoch sein dürften - mit den momentanen Spendenzusagen sollte das klappen - sondern weil ich mir nicht vorstellen kann, dass man in dieser Zeit wirklich alle Schäden, die entstanden sind, beheben kann. Dafür wird man eher Jahrzehnte brauchen - vor allem, wenn man Notre-Dame originalgetreu wiederaufbauen will.

SPIEGEL ONLINE: Originalgetreu - was heißt das konkret?

Zehetner: Das heißt, dass auch die feingliedrigen Teile der Kirche wieder aus Steinblöcken gehauen werden müssen - und zwar von Handwerkern. Diese Techniken sind zum Teil über 700 Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Können das heute nicht Maschinen leisten?

Zehetner: Heutzutage kann man sich natürlich beim Fräsen vom Computer helfen lassen. Aber die Fertigstellung bleibt beim Handwerker. Das macht ja auch einen Reiz bei originalgotischen Bauwerken wie Notre-Dame aus: dass in jedem Detail auch ein bisschen die Handschrift des Künstlers drinsteckt. Das erfordert Know-how und Fingerspitzengefühl. Man kann sich so etwas nicht mal eben in einem Schnellkurs aneignen. Und Handwerker, die das können, gibt es nicht viele - in ganz Europa vielleicht einige hundert.

Im Video: So wurde der Brand im Inneren von Notre-Dame bekämpft

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SPIEGEL ONLINE: Stößt ein originalgetreuer Wiederaufbau also durch Fachkräftemangel an seine Grenzen?

Zehetner: Ja, das ist ein Hauptproblem. Wir leben in einer Zeit, in der man gern mal sagt: "Naja, wenn die Finanzierung steht, läuft der Rest schon." Aber so einfach wird das in dem Fall nicht.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, es finden sich genügend kundige Handwerker: Woher beschafft man das Material für so einen originalgetreuen Wiederaufbau?

Zehetner: Das ist auch nicht so einfach. Normalerweise versucht man, Stein aus der Umgebung zu nehmen, der beim ursprünglichen Bau schon verwendet wurde. Nur denke ich, dass die Steinbrüche, die dieses Material geliefert haben, heute ausgeschöpft oder ausgebeutet oder zugebaut sind: Da stehen im Großraum Paris heute vielleicht Hochhäuser drauf. Deshalb würde ich es im Fall von Notre-Dame schon für legitim halten, den von Geologen analysierten, passendsten Stein zu beschaffen, etwa aus Indien oder Brasilien.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur der Stein, sondern auch das Holz ist gerade ein Thema: Ein französischer Experte sagte, das Dach könne nicht mehr so aufgebaut werden wie vor dem Brand. Es gebe in unseren Regionen keine Bäume von der Größe wie die, die im 13. Jahrhundert gefällt wurden.

Zehetner: Das vermute ich auch. Baumstämme von der Qualität, die so ein Dachstuhl haben sollte, wird man in Mitteleuropa kaum auftreiben können. Man könnte stattdessen natürlich Tropen- oder Teakholz nehmen - und würde sich damit natürlich vom Originalgetreuen verabschieden.

SPIEGEL ONLINE: Wäre der originalgetreue Weg aus Ihrer Sicht überhaupt der richtige?

Zehetner: Mein persönlicher Wunsch wäre schon, dieses mittelalterliche Vorbild für viele Kathedralen, dieses Monument der gotischen Architektur, eine Ikone, möglichst originalgetreu wiederherzustellen - statt dort einen Plastik-Wasserspeier aus dem 3D-Drucker hinzusetzen.

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Grafiken: So breiteten sich die Flammen in Notre-Dame aus

SPIEGEL ONLINE: Das hölzerne Dach des Stephansdoms brannte 1945 vollständig ab, es wurde durch ein Stahlkonstrukt ersetzt. Ein Vorbild für Notre-Dame?

Zehetner: Ja, auch weil das Stahldach sich bei uns gut bewährt hat. Nur muss man sagen: Das wurde unmittelbar nach dem Krieg gemacht, da hatten die Ingenieure wahrscheinlich mehr zu sagen als die Denkmalpfleger, weil es schnell gehen musste. Aber das ist zumindest technisch eine sehr gute Lösung - und nicht so aufwendig wie die originalgetreue Variante.

SPIEGEL ONLINE: Technisch sehr gut, ästhetisch und kulturgeschichtlich eher ausreichend?

Zehetner: Ganz so streng würde ich das nicht ausdrücken. Es ist so: Notre-Dame bildet ein kollektives Gedächtnis. Der Dachstuhl der Kathedrale ist verloren. Wenn so ein Bauteil nun komplett weg ist, ist es deshalb aus meiner Sicht legitim, als Ersatz eine zeitgemäße Konstruktion zu wählen, die dem Gebäude auf lange Sicht Vorteile bringt, etwa geringeres Gewicht und trotzdem höhere Stabilität.

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Wiederaufbau von Notre-Dame: "Bitte keine Plastik-Wasserspeier"

SPIEGEL ONLINE: Wäre eine Stahlkonstruktion auch sicherer?

Zehetner: Nicht unbedingt. Bei Holz kann man im Brandfall recht gut abschätzen, wie lange es braucht, bis das wegbrennt, und kann daraus ableiten, wie viel Zeit man hat, um zum Beispiel die Leute zu retten. Stahl hingegen, der so stark erhitzt wird, brennt nicht, kann aber in Sekundenschnelle einknicken, weil er dann weich wird. Es ist also nicht so, dass Stahl vor allen Gefahren schützen würde.



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hru 23.04.2019
1. Brandlast
Ich finde es ja erstaunlich, wie kritisch die Experten dem Stahldachstuhl gegenüber stehen. Klar ist Stahl auch nicht feuerfest, weniger sogar als moderne Holzumleimer. Aber das Holz des Dachstuhls war ja nicht nur Opfer sondern auch Täter - nämlich die Hauptbrandlast. Was soll denn unterhalb des Stahldachstuhls brennen? Das Steingewölbe? Bis zur nächsten Brandlast sind es viele Meter nämlich das Gestühl im Kirchenschiff und andere Möbel und Kunstwerke. Aber erstens brennen Möbel nicht so leicht und zweitens ist es einfach viel weniger Material.
Müllerin von der Au 23.04.2019
2. Das Original ist hin
Natürlich kann man zum Wiederaufbau aktuelle Werkstoffe einsetzen. Alles andere wäre Fälschung. Nicht mehr und nicht weniger. Da tut's genauso gut ein Dachstuhl aus Metall. Oder sogar ein Blechdach.
KlausP22 23.04.2019
3. Warum nicht vor allem Nichtbrennbare Materialien verwenden?
Den Dachstuhl wieder aus unzähligen Eichenstämmen (oder anderen Sorten) aufzubauen wäre doch Schwachsinn. Man sieht das Innere doch eh höchstens auf einer Besichtigungstour. Sichtbare Teile kann man ja so kaschieren, dass sie wie aus Holz wirken. Und wie sollte denn eine Stahlkonstruktion schmelzen, wenn man beim Wiederaufbau ganz einfach so weit wie möglich auf brennbare Materialien verzichtet? Oben im Dachstuhl sollte das doch problemlos möglich sein.
Augustusrex 23.04.2019
4. Stahl wird weich,
wenn er stark erhitzt wird. Das ist natürlich bekannt. Wenn aber das, was gebrannt hat, nämlich das Holz, gar nicht vorhanden ist, wird es schon schwierig, diese Situation herbeizuführen. Jedenfalls ist es z.B. so, dass der Dresdner Zwinger und das Leipziger Alte Rathaus bei Sanierungen Anfang des 20. Jahrhunderts eiserne Dachstühle erhielten. Und nach Aussage von Fachleuten war dies bei beiden Gebäuden ausschlaggebend dafür, dass sie die Flächenbombardements des 2. Weltkrieges mit relativ überschaubaren Schäden überstanden. Ich denke jedenfalls, ein eiserner Dachstuhl würde der Schönheit von Notre Dame keinen Abbruch tun. Und was die Steine angeht: Wenn man die nach den dreidimensionalen Plänen computergestützt aus Steinblöcken fräsen könnte, dann würde man die Eigenheiten der alten Steinmetze auch mit kopieren und somit erhalten. Warum also nicht, wenn es geht und hilft.
Newspeak 23.04.2019
5. ...
Es gibt auch noch einen dritten Weg. Man baut bewusst ein modernes Dach, aber so, dass es nicht das alte oberflaechlich nachahmt und nur aus einem anderen Material besteht, sondern so, dass es absolut anders ist, im Stil. Man denke an die Kuppel des Berliner Reichstags. Immer noch eine Kuppel, aber ganz anders als die fruehere Version, und nach vielen Bedenken zu Beginn mittlerweile beliebt und ein charakteristisches Merkmal. Weil man Historie als etwas verstanden hat, was man nicht nur einfach bewahren muss, sondern auch an die veraenderten Gegebenheiten, die nun einmal durch eine solche Brandkatastrophe entstehen, anpassen. Wenn man originalgetreuer sein will, spricht uebrigens nichts gegen den Einsatz von 3D Druckern/Fraesen. Wenn man die alten Steine vermessen hat, und schon Computermodelle existieren, kann man damit auch die erwaehnten handwerklichen Feinheiten reproduzieren, und zwar exakt so, wie sie waren, und nicht durch einen modernen Handwerker interpretiert. Man muss halt einfach mal ein wenig offen sein, und nicht alles gleich ablehnen, nur weil es neu ist. Die Handwerker, die im 14. Jahrhundert die Kathedralen gebaut haben, haben sich naemlich auch an ihrer Zeit orientiert, und die neuesten Methoden angewandt, und nicht einfach die Antike wiederholt. Schliesslich, man sieht daran sehr schoen den kulturellen Unterschied zwischen dem Westen und dem fernen Osten. In Japan werden Tempel ueber die Jahrhunderte immer wieder renoviert, und altes Holz durch neues Holz ausgetauscht. Denn es geht nicht um das Holz an sich, sondern seine Funktion im Tempel, den man trotzdem noch fuer original haelt. Man kann das auch mit dem menschlichen Koerper vergleichen, dessen Zellen ueber die Jahre und Jahrzehnte alle komplett ausgetauscht werden, ohne dass man deshalb der dazugehoerigen Person abspricht, derselbe Mensch zu sein. Die Idee des Originals ist viel zu undefiniert. Was meint man denn wirklich damit? Ohne das zu diskutieren, macht eigentlich keine weitere Diskussion einen Sinn.
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