Notre-Dame in Flammen Der brennende Himmel über Paris

Paris erlebt ein weiteres Trauma: Die Kathedrale Notre-Dame, Wahrzeichen und Zufluchtsort, brennt am Montagabend lichterloh. Die Menschen müssen zuschauen, sie weinen, beten, viele sind wütend. "Unsere Seele geht in Flammen auf."

Bertrand GUAY/ AFP

Von und Britta Sandberg, Paris


Notre-Dame brennt seit 18.50 Uhr am Montagabend, dem ersten lauen Frühlingsabend in Paris seit Tagen. Die Menschen, die zusehen, stehen auf übervollen Caféterrassen und halten fassungslos ihre Handys gen Himmel, filmen die Rauchwolken, filmen das Feuer.

Andere sind aus ihren Läden herausgekommen, wie der Apotheker an der Ecke, und rufen "Notre-Dame brennt, Notre-Dame brennt" in ihre Telefone. Es hört sich unglaublich an, so unwirklich. Wie kann Notre-Dame brennen - diese Kathedrale, die immer da war, die alle Pariser, egal ob katholisch, jüdisch, muslimisch oder atheistisch, seit ihrer Geburt kennen?

Fotostrecke

21  Bilder
Paris: Notre-Dame brennt

Am Quai de l'Hôtel de Ville, der großen Uferstraße vor dem Pariser Rathaus, haben sich viele Menschen versammelt, und auf dem Vorplatz des Rathauses. Hier sind sie so nah am Feuer, wie es die Absperrungen zulassen.

Die Polizei hat alle Brücken, die auf die Île de la Cité führen, zugemacht, auch Anwohner kommen nicht mehr durch. Der Geruch von Verbranntem liegt in der Luft, noch immer schlagen die Flammen über dem Kirchendach hoch - es ist ein beeindruckendes Bild, das Bild eines Infernos. Und auch hier wird es nicht laut. Viele Menschen starren ungläubig auf das brennende Dach, die Hand vor dem Mund, minutenlang bleiben sie so stehen.

Zwei Frauen stehen weinend auf dem Bürgersteig. Anne de Bresis, 57 Jahre alt, erzählt, dass sie sich erst vor vier Jahren in Notre-Dame hat taufen lassen, es sei einer der glücklichsten Momente in ihrem Leben gewesen: "Ich habe erst spät zum Glauben gefunden, mich ein Jahr lang auf diese Taufe vorbereitet. Notre-Dame jetzt in Flammen aufgehen zu sehen, trifft mich ins Herz, ich halte es kaum aus."

Ihre Freundin neben ihr, eine Pariserin im schwarzen Wollmantel mit perfekt drapiertem Halstuch, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. "Ich bin Atheistin", sagt sie, "aber das ändert nichts an meiner Trauer: Unsere Geschichte wird da gerade zerstört. Und wir können nur zusehen, wir können nichts machen". Der schlimmste Moment sei der gewesen, als die schlanke Kirchturmspitze in der Mitte des Daches zusammenbrach.

Video: Notre-Dame in Flammen

Die Menschen hier versuchen erst gar nicht, ihre Tränen zu verbergen, die Alten, die Jungen, die Gläubigen und die Ungläubigen. Weinende Pariser stehen in den Bussen, die vorbeifahren, stehen oben im goldenen Saal des Rathauses an weit geöffneten Fenstern, stehen am Ufer und halten sich aneinander fest.

Und sie weichen nicht von der Stelle, als wollten sie den Brand nicht unbeaufsichtigt lassen. Florian, 27, Jungmanager, ein Hipster mit Bart, weint hemmungslos. Er wohnt in der Nähe. "Es macht mich so wütend, wie kann das passieren, warum schaffen sie es nicht, Notre-Dame zu schützen? Es ist unerträglich, dabei zusehen zu müssen." Er wisse, dass die Attentate im November 2015 etwas ganz anderes und viel schlimmer waren. "Und trotzdem fühle ich mich heute wie damals. Und ich weiß, dass wird jetzt noch tagelang so gehen."

Amateurvideos der Katastrophe von Notre-Dame

@Solwii

Währenddessen läuft der Verkehr auf der Straße normal weiter, fahren Busse, Autos, Fahrräder und Elektroroller wild durcheinander, versuchen Feuerwehrautos mühsam durchzukommen. In der Menge ist immer wieder dieselbe Frage zu hören: Wieso löschen die nicht richtig? Wieso kommen keine Canadair-Flugzeuge, die Wasser aufnehmen und ablassen können, wie bei den Waldbränden im Süden? Warum werden nur einzelne Wasserstrahle auf das Kirchenschiff gerichtet? Hat gar Donald Trump recht, der per Twitter einen Flugzeugeinsatz der Feuerwehrt fordert?

Doch die Pariser Profis der Feuerwehr wissen es besser. Wassermassen von oben auf das Gebäude zu schütten, hätte nur zu weiteren Zerstörungen geführt, sagen sie in den Fernsehnachrichten. Und tatsächlich wirken die Maßnahmen. Je dunkler der Abend, desto weniger leuchten die Flammen in den Himmel über den Gebäuderand von Notre-Dame. Es gibt zu diesem Zeitpunkt keine Verletzten, später heißt es, ein Feuerwehrmann sei schwer verletzt worden.

"Unsere Seele ging da gerade in Flammen auf", sagt ein Mann, der langsam sein Fahrrad nach Hause schiebt. "Das haben noch nicht mal die Nazis geschafft", sagt ein anderer.

Quälend lange schlugen die Flammen aus dem Dach der berühmten Kirche. Noch als die Feuerwehr gegen 19 Uhr mit ihrem Einsatz begann, breiteten sich die Flammen immer weiter vom Mittelpunkt der Kirche über das Dach aus. 1300 Eichen wurden einst für den im 13. Jahrhundert begonnenen Bau des Dachstuhls der Kirche verwendet. Nie wurden sie im Laufe der Jahrhunderte in größerem Maße beschädigt. Die Restauratoren nannten den Dachstuhl von Notre-Dame schlicht "den Wald", und der Wald brennt an diesem Abend, so drückt es später der erste stellvertretende Bürgermeister von Paris, Emmanuel Grégoire, aus.

Grégoire räumt umgehend Befürchtungen aus, es könnte sich bei dem Brand um einen Terrorakt gehandelt haben. Es sei "quasi sicher", dass das Feuer durch die gerade stattfindenden Renovierungsarbeiten in der Kathedrale bedingt sei. "Nichts lässt auf einen Anschlag schließen", sagt Grégoire, auch wenn später am Abend die Pariser Staatsanwaltschaft ein Untersuchungsverfahren eröffnet - das ist schlicht Routine nach einem Brand.

Löscharbeiten an der Notre-Dame: Gegen 23 Uhr war klar, dass zumindest die Haupttürme und die Fassade erhalten werden können
Philippe Wojazer/ REUTERS

Löscharbeiten an der Notre-Dame: Gegen 23 Uhr war klar, dass zumindest die Haupttürme und die Fassade erhalten werden können

Im Laufe des Abends machen Experten die elektrischen Schraubmaschinen beim Gerüstbau rund um das Dach der Kathedrale als mögliche Ursache für das Feuer aus. Sie betonen, dass extra keine Schweißarbeiten vor Ort stattgefunden hätten, um das alte Holzdach der Kirche vor Feuer zu schützen. Doch es nützte nichts. "Die Restaurierungsarbeiten sollten die Kirche vor dem Zahn der Zeit schützen. Nun haben sie eine Katastrophe ausgelöst", sagt Michel Picaud, Vorsitzender des Vereins der Freunde von Notre-Dame, der in den vergangenen Jahren Millionen Euro an Spendengeldern für die Restaurierung eingesammelt hatte. Picaud spricht besonnen von einem "großen Rückschritt" und wirkt doch fassungslos. Die Bilder, die er sieht, sind auch für Kenner schwer in Worte zu fassen.

"Es ist vorbei, es ist vorbei, es wird nie wieder so sein, wie es mal war," ruft eine Passantin vor der brennenden Kirche.

insgesamt 144 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Dyll Ulenspegel 16.04.2019
1. Phänomen der Zeit
Das ist wohl der Zeit geschuldet! Es kann wohl keiner mehr das Alte sorgfältig bewahren - einfach Unfähigkeit!
fatherted98 16.04.2019
2. wenigstens....
...ist niemand ums Leben gekommen (dem verletzten Feuerwehrmann gute Besserung). Alles andere lässt sich wieder aufbauen....und wenn nicht....auch nicht so schlimm. Vielen Dank auch an die ÖR Sender mit allen Spartenkanälen....auch dem Nachrichten und Erlebnissender Phoenix....für nix....denn eine Live-Übertragung aus Paris war wohl nur auf den Privaten Nachrichtensendern möglich....oder bei BBC, CNN oder France 24....bei ARD und ZDF sass man mal wieder in der letzten Reihe....lieber irgendwelche Wiederholungen senden als über so ein Ereignis berichten....na wenigstens haben sie es in den Nachrichtensendungen erwähnt.....sind wohl alle schon im Urlaub auf den Malediven....das Klima retten.
UlrikeLange aus Darmstadt 16.04.2019
3. Perdu
Als furchtbare Metapher steht diese Verheerung für den Zustand Europas und seiner Christenheit. In Tränen beweinen wir, was wir einmal waren und nie wieder sein werden. Unsere musealisierten Werte lösen sich in Rauch auf. Weil wir ihnen keinen Wert mehr beimessen. So bleibt am Ende Selbstmitleid. Denn niemand wird das katholische Frankreich seiner großen Könige mehr errichten.
jonas79 16.04.2019
4. Unschön, aber es gibt schlimmeres
Täglich gibt es auf unserer schönen Welt humanitäre Katastrophen, die weitaus schlimmer sind als der Brand eines alten Bauwerks, bei dem zum Glück niemand schwer verletzt wurde.
Jeanne E. Maar 16.04.2019
5.
Actes 7:48 Actes 17:24 Ésaïe 66:1
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.