Finanzierung des Notre-Dame-Wiederaufbaus "Dieses Mal wird es nicht das Geld sein, das fehlt"

Am Geld dürfte es beim Wiederaufbau von Notre-Dame nicht mangeln - Hunderte Millionen Euro Spenden sind zugesagt. Doch am Engagement von Superreichen gibt es Kritik.

Blick auf die beschädigte Kathedrale Notre-Dame
Eric Feferberg/AFP

Blick auf die beschädigte Kathedrale Notre-Dame

Von , Paris


Der Auftrag ist klar: "Wir müssen alles tun, damit Notre-Dame bei den Olympischen Spielen von 2024 in Paris seinen Glanz wiederfindet", fordert die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Doch wie viel wird das kosten? Und wer bezahlt?

Jedenfalls kaum die Versicherungen. Die haben sich nur gegenüber den fünf Unternehmen verpflichtet, die in der Kathedrale am Werk waren, als der Brand ausbrauch. Sollte den Firmen nachgewiesen werden, dass ihre Arbeiten unbeabsichtigt den Brand auslösten - was unter Experten als gut denkbar gilt -, müssten die betroffenen Versicherungen eine Summe von mehreren Millionen Euro zahlen. Aber der Betrag ist vertraglich gedeckelt. Die Gesamtkosten der Renovierung muss erst einmal der Eigentümer von Notre-Dame tragen - der Staat, der in Frankreich 83 von 93 Kathedralen besitzt.

Sie zu versichern, galt schon im 19. Jahrhundert als Unsinn: "Das Finanzministerium hat entschieden, dass der Staat in Zukunft nicht mehr seinen Besitz gegen Brände bei Privatgesellschaften versichert", verfügte das französische Finanzministerium im Jahr 1889.

Daran nahm erst ein Regierungsbericht aus dem Jahr 2001 Anstoß. Dessen Autoren regten eine Überprüfung an, ob sich privater Brandschutz für den Staat nicht inzwischen doch lohnen könne. Dafür interessierte sich aber niemand, und nun ist es zu spät. Die Kathedrale ist verwüstet, der Staat steht mit den hohen Kosten im Prinzip alleine da.

Video: So wurde der Brand im Inneren von Notre-Dame bekämpft

REUTERS

Wären da nicht die großzügigen Spender: Schnell sagten drei superreiche französische Familien über eine halbe Milliarde Euro zu. Erst die Familie Pinault an der Spitze der Kering-Gruppe mit Marken wie Gucci und Saint-Laurent (100 Millionen Euro). Dann Bernard Arnault vom Luxusgüter-Hersteller LVMH (200 Millionen Euro) sowie die Familie Bettencourt-Meyer, Hauptaktionäre des Kosmetikkonzerns L'Oreal (200 Millionen Euro). Und auch der Ölkonzern Total stellte eine Spende über 100 Millionen Euro in Aussicht.

Weitere Spenden zwischen zehn und 20 Millionen Euro versprachen der Milliardär Marc Ladreit, der Bauriese Bouygues, die Familie Decaux, die brasilianische Milliardärin Lily Safra und ihre Stiftung, die Bankengruppe BPCE, die Bank Société Générale sowie der Versicherungskonzern Axa.

Ein Geldsegen für den Staat, um Notre-Dame zu retten? Womöglich ist es nicht so einfach. Denn es gibt in Frankreich Steuerbefreiungen bis zu 66 Prozent der Einkommensteuer für den, der für das nationale Kulturerbe spendet. "Die Milliardäre sollen Steuern bezahlen, und nicht für das, was ihnen gerade richtig erscheint", schimpfte die bekannte Ökonomin Julia Cagé von der Universität Sciences Po in Paris.

Worauf die Familie Pinault rasch erklärte, auf Steuervorteile zu verzichten. Dennoch sahen Parlamentsabgeordnete der konservativen Opposition Einnahmeneinbußen des Staates in Höhe von 420 Millionen Euro angesichts der angekündigten Spendenflut voraus - die Gesamtsumme belief sich am Mittwoch schon auf über 900 Millionen Euro.

Wie teuer der Wiederaufbau tatsächlich wird, lässt sich derzeit nur schätzen. Jenseits der Finanzen halten Experten das von Präsident Macron ausgegebene Ziel, die Kathedrale innerhalb von fünf Jahren wieder aufzubauen, für sehr ehrgeizig. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Zumal noch nicht klar ist, wie die neue Notre-Dame aussehen soll - originalgetreu nachgebaut oder mit modernerem Dach.

Dennoch scheint zumindest klar: "Dieses Mal wird es nicht das Geld sein, das fehlt", sagte Stephane Bern, der französische Sonderbeauftragte für das Kulturerbe. Bei Bern flossen nicht nur Spenden von Milliardären ein, sondern auch von Tausenden Bürgern, großen und kleinen Unternehmen, vom Apple-Konzern bis zur kleinen französischen Bäckerei. Allein die Stadt Paris versprach 50 Millionen Euro.

Bürgermeister von Dörfern und Kleinstädten stellten in Aussicht, 10 Euro pro Einwohner zu spenden. Auch aus dem Ausland wurde finanzielle Hilfe versprochen. Auch in Deutschland gab es Spendenaufrufe. Unter anderem appellierte das Erzbistum Berlin an alle Pfarrgemeinden, ihre Osterkollekte für den Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen.

Jenseits solcher Maßnahmen muss sich die katholische Kirche indes wohl keine Gedanken wegen der Kosten machen. Sie war schon an der Instandhaltung von Notre-Dame finanziell kaum beteiligt. Dafür nahm sie keine Eintrittsgelder, die ihr nun auch dann nicht fehlen werden, wenn Notre-Dame wegen der Renovierungsarbeiten für mehrere Jahre geschlossen bleibt. Außerdem wird sie die von ihr getragenen Heizkosten sparen: 1000 Euro pro Wintertag.

Mit Material von AFP

insgesamt 207 Beiträge
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Seite 1
darthkai 17.04.2019
1. Die Berufsempörten
sollten mal die erste Klasse Mathematik wiederholen (vulgo Rechnen) "Dennoch sahen Parlamentsabgeordnete der konservativen Opposition Einnahmeneinbußen des Staates in Höhe von 420 Millionen Euro angesichts der angekündigten Spendenflut voraus - die Gesamtsumme belief sich am Mittwoch schon auf über 900 Millionen Euro." Sie würden dann auch darauf kommen, dass 900 Millionen noch immer geringfügig mehr ist als 420 Millionen... Naja, einem Bill Gates wird ja auch in schöner Regelmäßigkeit vorgeworfen, er wurde seine Milliarden spenden um Steuern zu sparen ^^
freigeistiger 17.04.2019
2. Türme zu ende bauen
Dann können in dem Zusammenhang die beiden Türme zu ende gebaut werden. Die Stummeltürme sind unproportioniert zum Kirchenschiff. Der Bau wurde bei der Erstellung abgebrochen.
browserhead 18.04.2019
3. Kreuz mit dem Kreuz
Wie schnell die Milliardärsclans in die Schatulle greifen, wenn es um steinerne Symbole geht. Aber, wenn es um gelebte christliche Nächstenliebe geht, haben sie ein Herz aus Stein. Täglich saufen die Menschen im Mittelmeer ab, und die Menschen bauen Grenzzäune. Aber wenn Notre Dame brennt, stehen ihnen die Tränen in den Augen. Mal sehen, wieviel die Superreichen hinterher wirklich geben, denn vom ausgeben haben sie das Vermögen ja nicht.
ricky2000 18.04.2019
4. Spannende Rechnung
Manche Politiker möchten also lieber auf 900 Mio Ersparnis für den Staat verzichten, damit 420 Mio Einnahmen gesichert bleiben. Und das wäre auch nur der Fall, wenn die Privatpersonen in dem Jahr 100 bzw. 200 Mio persönliche Einnahmen hätten, von denen sie die Spenden absetzen könnten.
ugroeschel 18.04.2019
5. Lotterie
Die Franzosen könnten auch eine Lotterie durchführen. So könnte jeder etwas spenden.
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