Feuerwehrleute in Notre-Dame Das Beste gegeben, das Schlimmste verhindert

Nur wenige Leichtverletzte, die komplette Zerstörung der Kathedrale verhindert: Die Pariser Feuerwehr bekommt für ihren Einsatz in Notre-Dame Respekt - auch wenn der nicht so ablief, wie ihn sich mancher vorgestellt hatte.

French Fire Brigades

Von , Paris


Es ist das Ende eines historischen Rettungseinsatzes: "Nach neun Stunden erbitterten Kampfes haben 400 Pariser Feuerwehrleute das schreckliche Großfeuer besiegt", twitterte die Pariser Feuerwehr am Dienstagmorgen. (Einen Überblick zu dem Brand finden Sie hier.)

Bislang ist nichts bekannt, das darauf hindeutet, dass das Feuer etwas anderes als ein Unfall war. Es gebe keine Hinweise auf Brandstiftung, sagte Staatsanwalt Remy Heitz. 50 Mitarbeiter seien mit den langen und komplexen Ermittlungen zur genauen Brandursache beschäftigt. Nach derzeitigem Ermittlungsstand ging das Feuer vermutlich von einem Gerüst aus, das für Reinigungsarbeiten installiert worden war.

IAN LANGSDON/ EPA-EFE/ REX

Die Rettungsmannschaften aus Paris und seiner Vorstadt waren seit dem ersten Feuerwarnsignal um halb sieben am Vorabend im Einsatz. Da befanden sich noch mehr als tausend Menschen in der Kirche. Eine halbe Stunde später brannte das Dach bereits lichterloh. (Lesen Sie hier mehr dazu, warum sich die Flammen so schnell ausbreiten konnten.) Über dem Dach ragte bis in 96 Meter Höhe der Spitzturm auf - lange war er das höchste Gebäude von Paris gewesen.

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Feuer in Notre-Dame: Der Kampf gegen die Flammen

Was ihn zum Wahrzeichen machte, erschwerte den Einsatz der Feuerwehr. "Die Kräne der Pariser Feuerwehrbrigaden kommen auf eine Höhe von rund 30 Metern", sagte der ehemalige Feuerwehrchef von Paris, Gilles Glin, der Zeitung "Le Parisien". Die Feuerwehr konnte das Feuer also nicht von oben löschen, auch wenn ihre Einsatzkräfte von den Kränen mit dem Einsatz von Schläuchen das Feuer erreichten. "Für jeden Experten war das ein sehr schwieriger Einsatz", sagte Glin.

Kaum Kräne, keine Leitern

So entstand zur schlimmsten Zeit des Feuers bei manchen Beobachtern der beklemmende Eindruck, die Feuerwehr sei hilflos. Kaum Kräne, keine Leitern waren an der brennenden Kathedrale zu sehen. Mancher Beobachter - darunter auch US-Präsident Donald Trump via Twitter - fragte sich, warum keine Löschflugzeuge eingesetzt wurden. Unterschwellig schwang dabei die Frage mit, ob die Pariser Feuerwehrleute ihren Job gut machten.

Inzwischen kann man die Frage wohl bejahen - insbesondere, wenn man die schwierigen Bedingungen beachtet. "Im Gegensatz zur amerikanischen Feuerwehr greift die französische Feuerwehr einen Brand nicht von außen, sondern von innen an. Diese Taktik ist für die Feuerwehrleute gefährlicher, aber sie ist sehr viel effizienter für die Erhaltung von Bausubstanz und Gegenständen", sagte der Pariser Brandschutzexperte Serge Delhaye.

"Wenn man sich auf die äußere Brandbekämpfung konzentriert, läuft man Gefahr, Flammen und heiße Gase ins Innere des Gebäudes zurückzudrücken, wo dann Temperaturen bis zu 800 Grad Celsius entstehen können, welche die Schäden verstärken."

Video: Der Einsatz der Feuerwehrleute in Notre-Dame

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Genau das wollte die Pariser Feuerwehr offenbar vermeiden. Sie setzte verstärkt darauf, Einsatzkräfte ins Innere zu schicken - nicht ohne die Risiken abzuwägen. Denn die Brandbekämpfung von innen ist nur möglich, wenn eine Einsturzgefahr des gesamten Gebäudes weitgehend ausgeschlossen werden kann. "Kein Feuerwehrgeneral riskiert das Leben seiner Leute, um einen Dachstuhl zu retten, und sei es der von Notre-Dame. Unser Beruf ist die Lebensrettung, und hier standen Menschenleben nicht auf dem Spiel", zitierte "Le Parisien" Einsatzkräfte.

Doch die mächtigen Steinmauern von Notre-Dame hielten Stand. Feuerwehrleute drangen in die Kathedrale ein und verhinderten die Ausbreitung des Feuers nach unten, auch um Altare, Kunstgemälde und Skulpturen vor der Zerstörung zu schützen. Der Dachstuhl brannte, nicht die ganze Kirche. Auch deshalb wären Löschflugzeuge nicht sinnvoll gewesen. Ihre Wassermassen hätten den Dachstuhl womöglich zum schnellen Einsturz gebracht und das Feuer schneller ins Kirchenschiff verlagert.

Ein wesentlicher Teil der Feuerwehrarbeiten blieb damit für die Außenwelt unsichtbar. Rund um Notre-Dame standen in der Nacht Dutzende Feuerwehrwagen, die mit dröhnendem Geräusch ihre Pumpen auf Hochtouren laufen ließen. Viele der mehrere Hundert Meter langen Schläuche führten ins Innere der Kathedrale. Vergleichsweise wenige Schläuche führten zu den Kränen, von denen man im Bogenstrahl das Dach löschte.

Diese Strategie funktionierte: Heil und unversehrt konnte jeder Besucher die Kirche verlassen. Am Dienstag meldete die Feuerwehr nach dem langen Großeinsatz nur vier Leichtverletzte, drei Polizisten und ein Feuerwehrmann.

Und die Struktur des Gebäudes blieb großteils intakt. Zwar sagte Innenstaatssekretär Laurent Nunez, es seien "einige Schwachstellen" im Gebäude gefunden worden, vor allem in der Gebäudedecke. Im Ganzen halte die Struktur aber gut. Die Aufräumarbeiten sollen nur wenige Tage dauern - vom Wiederaufbau ist ohnehin schon die Rede.

insgesamt 89 Beiträge
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peter-11 16.04.2019
1. sehr interessant
von außen betrachtet war das schon etwas seltsam. Aber gut, wenn Fachleute eine solche Katastrophe managen. Vielen Dank für die einleuchtende Erklärung. Glückwunsch den Einsatzkräften vor Ort.
derechtehubertus 16.04.2019
2. Merci beaucoup
an alle tapferen Feuerwehrleute, die in Paris übrigens dem Heer angehören. Tolle Truppe. Hätte schlimmer sein können. Auch der Polizei und weiteren Rettungskräften sei Dank für den Einsatz. Keine Panik bei der Evakuierung der vielen Menschen.
frank.huebner 16.04.2019
3. Alles die Schlauen
Gerade gestern habe ich mich echt über die ganzen "Fachleute" geärgert, die teils den größten Blödsinn erzählten und anscheinend tolle Theoretiker sind, aber wohl nie als Einsatzleiter, Grupenführer etc im Einsatz standen. Natürlich ist die erste Aufgabe Menschenrettung. Wenn da alles im Grünen ist geht es um Tiere und dann erst um Sachwerte. Der Einsatzleiter vor Ort hat es genau richtig gemacht: Nachdem die EDrkundung ergeben hat, dass keine Menschen oder Tiere in Gefahr waren, kann man mit dem Schutz von Sachwerten beginnen. Zur Erkundung Männer unter Atemschutz ins Gebäude zu schicken war aus seiner Sicht anscheind vertretbar. Auch, dass Reliquien etc geborgen wurden (man rettet nur Menschen und Tiere) ist völlig verständlich. Die Idee vom Trump, Löschflugzeuge einzusetzen, mann, wenn man keine Ahnung, einfach mal dei F... halten. Flugzeuge können in der Länge und Breite löschen (also Abkühlen), aber kein Punktziel wie eine Gebäude. Da wäre der Schaden an der Umgebung und im Gebäude viel schlimmer. Und Hubschrauber hätten wegen der Thermik, die über einen solchen Schlot aufsteigt, nicht zielsciher abwerfen können. Zumal eine große enge Wasser in einem Gebäude durch die schlagartige Ausdehnung evtl großen Schaden am Gemäuer verursachen könnte. Aber solceh dummen Aussagen passieren, wenn man nicht auf Berater hört und auch somst keine Ahnung hat. Die Feuerwehrleute haben Großartiges geleistet! Nachher ist man immer schlauer, was man evtl besser gemacht haben könnte, aber in der Situation vor Ort muss man Entscheidungen treffen nach den Informationen, die man hat. Ich ziehe meinen Feuerwehrhelm vor den Kameraden in Paris!
widower+2 16.04.2019
4. Allergrößter Respekt
Mein allergrößter Respekt gilt den professionellen Feuerwehren in Paris und auf der ganzen Welt und ebenso, den vielen freiwilligen Feuerwehren z. B. hier in Deutschland. Ich wohne quasi neben der Feuerwache unseres Dorfes und nachdem die Sirene losgegangen ist, dauert es nie mehr als 5 Minuten, bis der erste Einsatzwagen die Wache verlässt. Egal zu welcher Tages- oder Nachzeit. Gestern Nacht gegen 1:00 Uhr waren es vier Minuten. Wir alle verdanken diesen Menschen viel. Wenn man dann lesen muss, dass vermehrt Rettungskräfte bei ihrer Arbeit angegriffen werden, wird einem schlecht.
alt-nassauer 16.04.2019
5. Klar ist man...
Klar ist man Zunächst verwundert, was man eben so sieht - Live-Streams und na ja Zeugenaussagen... . Die weitab vom Geschehen ihren Kommentar äußern. Man rechnet mit viel mehr, eben das man etwas sieht - nur wenige Teleskopkrane mit ein paar Feuerwehrleuten und das soll es gewesen sein? Dürfte aber schon klar sein wenn man von 400 Einsatzkräften (Feuerwehr) redet. Das diese 400 auch etwas tun, ohne das man es sieht und WIR es Global mitbekommen. Von daher soll(te) man mit Ratschlägen und Verunglimpfungen, ja auch zu Zeiten von Twitter und Co erst einmal abwarten. Nun im Nachhinein alles Plausibel, richtig und gut gemacht so weit es den Einsatzkräften möglich war - Merci!
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