Notreparatur in China Tausende Soldaten flicken brüchigen Staudamm

Eileinsatz für Chinas Armee: Die Regierung hat 2000 Soldaten entsandt, um einen rissigen Staudamm nahe der Großstadt Dujiangyan zu retten. Laut offiziellen Angaben ist die Gefahr jetzt gebannt - doch Hunderte kleinere Dämme gelten nach dem verheerenden Erdbeben weiter als bruchgefährdet.

Peking - Chinesische Regierungsvertreter haben vor den verheerenden Folgen gewarnt, die gebrochene Dämme und über die Ufer getretene Flüsse anrichten könnten. Berichten der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zufolge wurden mehr als 2000 Soldaten in Marsch gesetzt, um den Damm oberhalb der Stadt Dujiangyan in der Provinz Sichuan zu sichern. Dort hätten sich nach dem Beben "äußerst gefährliche" Risse gebildet, hieß es. Nach jüngsten Angaben des Fernsehsenders CCTV gilt das Bauwerk inzwischen als "sicher". Es bestehe nicht mehr die Gefahr eines Bruchs.

Auf einer Behörden-Website hieß es aber, insgesamt seien 391 Dämme beschädigt worden. Darunter seien zwei größere und rund 30 mittelgroße Dämme.

Gleichzeitig entsandte das chinesische Umweltministerium Inspektoren, um die Sicherheit von Atomanlagen und anderen "sensiblen Einrichtungen" zu prüfen. Zwar liegen die großen Atomkraftwerke des Landes an der Küste um die Städte Lingao, Daya Bay, Quinshan und Tianwan, und damit rund tausend Kilometer vom Katastrophengebiet entfernt. Doch im Umkreis von 100 Kilometern um das Epizentrum befinden sich Forschungsreaktoren und Brennstab-Fabriken, wie das französische Institut für Strahlenschutz und atomare Sicherheit (IRSN) mitteilte.

Unterdessen erreichten Soldaten, die mit Hubschraubern eingeflogen wurden, am Mittwoch endlich das Zentrum des verheerenden Erdbebens. Die Lage in der Stadt Yingxiu im Kreis Wenchuan sei "viel schlimmer als erwartet", sagten Behördenvertreter nach einem Xinhua-Bericht. Von den einst 10.000 Einwohnern hätten nur 2300 überlebt. 1000 von ihnen seien schwer verletzt. Bis zu 26.000 Menschen werden noch unter den Trümmern im Katastrophengebiet vermutet.

Zwei Tage nach dem Erdbeben wurden immer noch Verschüttete lebend geborgen. In Dujiangyan retteten Helfer eine hochschwangere Frau, die 50 Stunden in den Trümmern verbracht hatte. "Es ist ein Wunder, für das wir zusammen gearbeitet haben", sagte Feuerwehrchefin Sun Guoli.

Unter den Augen von Ministerpräsident Wen Jiabao wurde in der Region Beichuan ein dreijähriges Mädchen gerettet. Song Xinyi hatte 40 Stunden lang unter den Leichen seiner Eltern gelegen, wie Xinhua berichtete. Das kleine Mädchen war schon am Dienstagmorgen entdeckt worden. Es konnte jedoch zunächst nicht geborgen werden, weil die Helfer fürchteten, die Trümmer könnten über ihr zusammenstürzen.

Die offizielle Zahl der Toten gab Xinhua mit knapp 15.000 an. Doch das wahre Ausmaß der Katastrophe scheint noch immer nicht absehbar: Die Opferzahlen könnten noch deutlich steigen, wenn mehr Verschüttete in den Trümmern gefunden werden. Darüber hinaus konnten die Rettungskräfte in viele Ortschaften in Wenchuan noch gar nicht vordringen.

Im Gegensatz zu früheren Katastrophen berichteten die staatlichen Presseorgane ausführlich über das Erdbeben. Das staatliche Fernsehen unterbrach sein Programm und zeigte rund um die Uhr Bilder von der Lage im Katastrophengebiet. Auch Ministerpräsident Wen war präsent und begleitete die Rettungsbemühungen. "Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei hat diesen Ort nicht vergessen", sagte er nach einem Hubschrauberflug nach Wenchuan.

Schlechtes Wetter und heftige Regenfälle hatten Hilfseinsätze aus der Luft zunächst unmöglich gemacht. Erst am Mittwoch flogen fünf Hubschrauber der Streitkräfte Wasser, Lebensmittel und Medikamente in die Stadt Yingxiu. Zuvor hatten sich Soldaten zu Fuß einen Weg ins Krisengebiet gebahnt. Die Regierung in Peking hat bis zu 50.000 Soldaten für den Hilfseinsatz mobilisiert.

Das Beben der Stärke 7,9 richtete am Montag in ganz Zentralchina verheerende Schäden an. Am schwersten betroffen ist die Provinz Sichuan. Immer wieder wurde die Region von starken Nachbeben erschüttert. Zehntausende Menschen, die durch das Dach über dem Kopf verloren hatten, verbrachten die Nacht zum Mittwoch erneut im Freien.

Papst Benedikt XVI. sagte am Mittwoch, er bete für die Opfer des Erdbebens. Er habe außerdem um Gottes Hilfe für die Helfer gebeten, erklärte der Papst im Vatikan.

Deutsche Hilfsorganisationen stellten erste Soforthilfen bereit. Caritas spendete 100.000 Euro für lokale Partnerorganisationen, die die Verteilung von Lebensmitteln, Trinkwasser und Zeltplanen vorbereiteten. Die Organisation humedica stellte 10.000 Euro zur Verfügung.

jdl/AFP/Reuters/AP

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