Notwasserung in New York Schicksalsentscheidungen im Sekundentakt

Die spektakuläre Notwasserung eines Airbus A320 auf dem Hudson River war eine Meisterleistung der Crew. Die Maschine setzte ideal auf, die Passagiere kamen sicher nach draußen - ohne große Panik. Dabei mussten die Piloten blitzschnell handeln.

New York - Eine Passagiermaschine gerät in Gefahr, direkt über der berühmtesten Metropole der Welt. 155 Menschen sind an Bord - wenn der Crash mitten über der Stadt nicht abzuwenden ist, droht eine Katastrophe.

Aus solchen Szenarien werden Filme gemacht. Und Helden.

Flug 1549: Erst Wenige Minuten war der A320 in der Luft, als einer der Piloten Vogelschlag meldete - dann begann ein spektakuläres Manöver

Flug 1549: Erst Wenige Minuten war der A320 in der Luft, als einer der Piloten Vogelschlag meldete - dann begann ein spektakuläres Manöver

Foto: GoogleEarth / SPIEGEL ONLINE

Die Notwasserung des Airbus A320 auf dem New Yorker Hudson River gilt als Meisterleistung des Piloten, Chesley B. Sullenberger III., 57. Die Maschine hätte kaum in besseren Händen sein können als in denen des Routiniers, der über 40 Jahre Flugerfahrung verfügt - so heißt es überall in den Stunden nach der Beinah-Katastrophe.

Umsicht, Erfahrung und technisches Können Sullenbergers und seines Co-Piloten zeigen sich am Donnerstagmorgen Ortszeit auf dem Flug des zehn Jahre alten Airbus A320 der US Airways von LaGuardia, New York, nach North Carolina. Flug 1549 ist noch keine fünf Minuten in der Luft, als, so muss es den Passagieren scheinen, eine Katastrophe ihren Lauf nimmt.

Um 15.03 Uhr Ortszeit verlässt der A320 sein Gate auf dem New Yorker Flughafen LaGuardia, mit 18 Minuten Verspätung. Sullenberger steuert die Maschine zur Startbahn. Um 15.26 Uhr hebt sie ab.

Über der Bronx und Flushing Bay beträgt die Flughöhe 1800 Fuß, rund 550 Meter, die Maschine steigt weiter. Über dem Stadtviertel Washington Heights erreicht sie 3200 Fuß (975 Meter). Voraus liegen der Hudson River und New Jersey.

In diesem Moment wird aus dem Routineflug eine der spektakulärsten Reisen der jüngeren Luftverkehrsgeschichte. Einer der beiden Piloten meldet einem Lotsen bei der New Yorker Radaranflugkontrolle Tracon (Terminal Radar Approach Control), die Maschine habe "doppelten Vogelschlag" erlitten. Man müsse zurück nach LaGuardia.

Der Lotse beginnt, den A320 zurückzuleiten: Man solle zunächst südlich bleiben, über dem Hudson, dann nach Norden schwenken. Da nimmt Sullenberger unter sich in New Jersey eine Landebahn wahr: "Dieser kleine Flughafen da unten, welcher ist das?", fragt er. Teterboro Airport, heißt es. Sullenberger bittet um Erlaubnis, dort notlanden zu dürfen.

In der Maschine sind nun auch die Passagiere alarmiert - aus einem der Triebwerke schlagen Rauch und Flammen. Jetzt zieht die Maschine nach links, fliegt in südliche Richtung dem Hudson River zu.

Sie verliert schnell an Höhe. Der A320 geht schnell runter auf 600 Meter, 500 Meter, 400 Meter, schließlich 100 Meter.

Es ist der Augenblick, in dem Sullenberger an Tracon gemeldet haben soll, man werde die Maschine jetzt in den Fluss setzen.

Plötzlich, sagt später ein Tracon-Mitarbeiter dem Sender CNN, sei der Funkverkehr zu dem Piloten abgebrochen - "ich nahm an, er hatte sich auf wichtigere Dinge zu konzentrieren".

Im A320 kommt nun die Durchsage des Piloten, ein gebrüllter Befehl: "Brace for impact!" - "Fertigmachen für den Aufprall!" Sekunden später kracht das blaue Heck des Airbus mit einem enormen Ruck ins Wasser.

Zunächst herrscht Panik an Bord, die Menschen springen aus ihren Sitzen, drängen in den Gang, es wird geschubst. "Zuerst haben alle durcheinander geschrien und geheult", sagt später Passagier Alberto Panero. "Aber dann haben ein paar Leute das Kommando übernommen, und alle beruhigten sich."

Der Airbus A320

Das graue, eiskalte Wasser des Hudson gluckert um die Fenster, läuft in die Maschine. Pilot Sullenberger und sein Team reagieren umsichtig, wie nach Lehrbuch: Sofort beginnt die Mannschaft mit der Evakuierung der Maschine. Die Passagiere verlassen den Airbus über die Ausstiege vorne und an den Tragflächen. Sie stehen auf den Flügeln und den aufgeblasenen Rutschen an den Türen, die bei Notwasserungen wie Schlauchboote funktionieren.

Nicht nur flugtüchtig, auch crash-tüchtig

Alle Passagiere überleben - auch, weil schnell Fähren zur Hilfe eilen, die auf dem Fluss zwischen New York und New Jersey unterwegs sind.

Schnell ist vom Wunder vom Hudson die Rede. Tatsächlich ist die Notwasserung allerdings ein Erfolg der Crew, die richtig gehandelt hat, und des effektiven Flugzeugbaus, sagt Flugsicherheitsexperte Bill Waldock von der Embry-Riddle Universität für Aeronautik in Arizona. "Die Maschinen sollen nicht nur flugtüchtig, sondern sozusagen auch crash-tüchtig sein", sagt Waldock: Der Airbus habe im Wasser treiben können, weil die niedrig angesetzten Tragflächen den Rumpf über Wasser gehalten hätten.

Der Pilot habe den A320 außerdem "ideal" heruntergebracht. "Er hat zuerst das Heck ins Wasser gesetzt und damit die Maschine so weit wie möglich verlangsamt", sagt Waldock: "Wenn das gelingt, ist die Wucht des Aufpralls enorm vermindert. Jeder, der schon mal von einem Surfboard mit dem Bauch zuerst ins Wasser geklatscht ist, weiß, dass Wasser so hart sein kann wie Zement. Wenn man falsch aufschlägt, sind die Kräfte gewaltig."

Pilot Sullenberger ist ein Experte für Flugsicherheit. Bei der Fluggesellschaft US Airways hat er Hunderte Kollegen in Sicherheitskursen ausgebildet. Außerdem ist er Berater für Sicherheitsfragen und hat bei zahlreichen Unfallermittlungen mitgewirkt. An der Universität Berkeley nahe San Francisco ist er Gastdozent für Katastrophenmanagement.

"Keine Panik, keine Hysterie"

Ein Behördensprecher, der die Cockpitgespräche des Fluges 1549 abgehört hat, sagte CNN, der Pilot sei außerordentlich ruhig gewesen während des ganzen Vorganges: "Da gab es keine Panik, keine Hysterie. Alles war professionell, ruhig, methodisch. Es war alles so, wie man hofft, dass es sein würde."

US Airways

Der europäische Flugzeugbauer Airbus schickt nun Unfallspezialisten nach New York. Airbus-Techniker sollten den Vorfall untersuchen und mit den US-Ermittlern zusammenarbeiten. Airbus zufolge war die Maschine im August 1999 an US Airways ausgeliefert worden. Der A320 ist das am meisten verkaufte Flugzeug des europäischen Herstellers.

Fred Beretta, Passagier des Fluges 1549, hatte nach seiner Rettung eine Botschaft an die Cockpit-Besatzung: "Danke, danke, danke. Ich hoffe, jemand verleiht euch eine dicke, fette Auszeichnung für diese Leistung."

pad/AP/dpa
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