Antrag im NSU-Prozess Spähten Zschäpe und Mundlos eine Synagoge aus?

Ein Polizist will Zschäpe und Mundlos vor einer Berliner Synagoge gesehen haben. Spähten sie damals ein Anschlagsziel aus? Ein Nebenkläger im NSU-Prozess will den Beamten nun als Zeugen laden lassen.

Beate Zschäpe
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Beate Zschäpe

Von Wiebke Ramm, München


Sie sei bei keinem der zehn Morde, bei keinem der beiden Sprengstoffanschläge und auch bei keinem der 15 Raubüberfälle an der Planung und Durchführung beteiligt gewesen, hatte Beate Zschäpe am 9. Dezember 2015 einen ihrer Verteidiger vor dem Oberlandesgericht München vorlesen lassen. In der Darstellung der Hauptangeklagten im NSU-Prozess waren allein Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt für sämtliche Verbrechen verantwortlich. Zschäpe will zwar im Vorfeld von einigen geplanten Banküberfällen gewusst, sie auch gewollt, aber sich an ihnen in keiner Weise beteiligt haben. Von den Morden und Bombenanschlägen will sie immer erst im Nachhinein erfahren haben.

Anwalt Yavuz Narin vertritt im NSU-Prozess die Hinterbliebenen von Theodoros Boulgarides. Der Grieche wurde im Juni 2005 in München erschossen. Opferanwalt Narin ist nicht der einzige, der Zschäpes behaupteter Unschuld nicht glaubt. Nun hat er beantragt, einen Zeugen der Berliner Polizei zu hören. Der Zeuge, Frank G., könnte womöglich Hinweise darauf geben, dass Zschäpe im Mai 2000 an der Ausspähung einer Synagoge in Berlin beteiligt war. Hatten die mutmaßlichen NSU-Terroristen vor, einen Anschlag auf eine Synagoge zu verüben?

Frank G. war am 7. Mai 2000 für den Objektschutz der Synagoge an der Rykestraße im Stadtteil Prenzlauer Berg zuständig. Zwischen 13 und 14 Uhr will er Zschäpe und Mundlos in Begleitung eines Mannes, einer Frau und zweier Kinder beobachtet haben. So trägt es Anwalt Narin am 314. Verhandlungstag vor. Sie sollen in einem Café neben der Synagoge gesessen und mit einem Stadtplan oder einer Landkarte hantiert haben. Als der Zeuge Zschäpe angesehen habe, soll sie ihm einen "giftigen Blick" zugeworfen haben. Etwa eine Dreiviertelstunde später habe die Gruppe das Café verlassen und sei am Eingang der Synagoge, der größten Synagoge Deutschlands, vorbeigelaufen.

Kurz vor 16 Uhr will der Zeuge Zschäpe und Mundlos noch einmal gesehen haben. Diesmal ohne Begleitung. Zschäpe und Mundlos seien an dem Streifenwagen, in dem der Zeuge saß, vorbei in Richtung Synagoge gelaufen.

Er will Zschäpe und Mundlos sofort wiedererkannt haben

Am selben Abend sah Frank G. im Fernsehen die MDR-Sendung "Kripo Live". In der Sendung gab es einen Fahndungsaufruf des Thüringer Landeskriminalamtes (LKA) nach Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt. Die drei Neonazis waren im Januar 1998 untergetaucht, nachdem in einer von Zschäpe gemieteten Garage Material zum Bau von Rohrbomben gefunden worden war.

Frank G. will Zschäpe und Mundlos sofort wiedererkannt haben. Er meldete sich beim LKA und wurde gleich am Folgetag vernommen. Es war offenbar die einzige Vernehmung von Frank G. Hinweise darauf, dass er nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 noch einmal als Zeuge befragt worden ist, gibt es laut Anwalt Narin nicht. Er will den heute 66-Jährigen deswegen nun im Prozess hören.

Vier Monate nach den Beobachtungen von Frank G. verübte der NSU seinen ersten Mord. Mundlos und Böhnhardt schossen im September 2000 in Nürnberg mehrfach auf den Blumenhändler Enver Simsek. Der gebürtige Türke starb wenig später im Krankenhaus. Er wurde 38 Jahre alt.

"Ziel des Beweisantrags ist es, den Nachweis zu fuhren, dass die Angeklagte Zschäpe bereits zum damaligen Zeitpunkt an der Ausspähung und Bestimmung von potenziellen Anschlagszielen des NSU mitwirkte", sagt Narin. "Die Beweiserhebung wird ergeben, dass die Vorgehensweise des NSU der Angeklagten Zschäpe nicht nur bekannt war, sondern deren Aktionen von Anfang an auch unter ihrer aktiven Mitwirkung erfolgten und von dieser mitgetragen wurden."

Die Synagoge war gut bewacht

Belege für eine antisemitische Einstellung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gibt es viele. Narin nennt unter anderem ihre menschenverachtende "Monopoly"-Variante, die die mutmaßlichen NSU-Terroristen "Pogromly" nannten. Zschäpe hat bereits eingeräumt, dass sie das Spiel zusammen mit Mundlos und Böhnhardt gebastelt hat. Auf Spielkarten verherrlichten sie den Holocaust.

Narin kommt zu dem Schluss: "Letztlich durfte es der Feigheit von Zschäpe, Mundlos und Bohnhardt geschuldet sein", dass es zu keinem Anschlag auf die Synagoge gekommen sei. Sie sei im Gegensatz zu den anderen Orten, an denen die NSU-Terroristen gemordet und Sprengsätze gezündet hatten, wohl einfach zu gut bewacht gewesen.

Nun muss der Senat unter Vorsitz von Richter Manfred Götzl über den Antrag entscheiden. Der NSU-Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.



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