Sommerpause im NSU-Prozess Zschäpes kalter Abschied

Beate Zschäpe hat jetzt ruhige Wochen in der Zelle vor sich, der NSU-Prozess geht in die Sommerpause. Die Hauptangeklagte hat mittlerweile den gewünschten vierten Anwalt an der Seite, doch andere Machtproben hat sie verloren.

Angeklagte Beate Zschäpe: Mehrwöchige Pause im NSU-Prozess
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Angeklagte Beate Zschäpe: Mehrwöchige Pause im NSU-Prozess

Von , München


Sie kommt schwungvoll in den Gerichtssaal, ihre Gesichtszüge sind entspannt, Beate Zschäpe vertieft sich in ein Gespräch mit ihrem neuen Anwalt Mathias Grasel. Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess lächelt.

So gelöst wirkte die 40-Jährige zuletzt selten. Die vergangenen Wochen waren vor allem von Zschäpes Versuchen gekennzeichnet, ihre drei Verteidiger Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer loszuwerden.

Kann die Frau, die sich noch vor wenigen Wochen im Gespräch mit dem Gerichtspsychiater Norbert Nedopil als "am Ende" bezeichnete, derzeit wirklich zufrieden sein? Oder ist ihre gute Laune an diesem 224. Verhandlungstag nur Ausdruck der Vorfreude darüber, dass jetzt die Sommerpause beginnt und damit bis Anfang September ein wenig Erholung von den kräftezehrenden Verhandlungstagen einkehrt?

Ja, sie hat nun mit Mathias Grasel einen weiteren Anwalt an ihrer Seite, das Gericht hat den 31-jährigen Juristen aus München als vierten Pflichtverteidiger bestellt - ein Entgegenkommen. Das und eine von Zschäpe durchgesetzte neue Sitzordnung für ihre Verteidiger sind aber das Einzige, was die Hauptangeklagte als Erfolg verbuchen kann. Dagegen steht eine Reihe von Niederlagen, die der bevorstehenden Pause vorausgingen.

Zerrüttetes Verhältnis

Ihre Strafanzeige gegen Sturm, Stahl und Heer wegen "Verletzung von Privatgeheimnissen": von der Staatsanwaltschaft München I "mangels Straftat" abgelehnt. Ihr wiederholter Versuch, die drei Anwälte als Pflichtverteidiger zu entbinden: vom Gericht abgelehnt. Zschäpe liefere in ihren Ausführungen keine konkreten, hinreichenden und nachgewiesenen Anhaltspunkte dafür, dass das Vertrauensverhältnis zwischen ihr und den drei Verteidigern nachhaltig gestört sei, entschied der Vorsitzende Richter Manfred Götzl.

Die Lage für die Verteidigung Zschäpes ist schwierig: Da ist auf der einen Seite der neu bestellte Grasel, den Zschäpe jetzt zum einzigen Ansprechpartner auserkoren hat, der die Prozessmaterie und die Akten nur unzureichend kennt - und da sind auf der anderen Seite Sturm, Stahl und Heer, bestens eingearbeitet, aber das Verhältnis zu ihrer Mandantin ist zerrüttet.

Über die Kooperation zwischen den Altverteidigern und Grasel kann man nur spekulieren, die praktisch nicht vorhandene Kommunikation zwischen ihnen im Gerichtssaal lässt nicht sonderlich viel erwarten. Auf die Journalistenfrage, wie die Zusammenarbeit mit Rechtsanwalt Grasel laufe, antwortete Rechtsanwalt Heer: "Dazu kann ich aus naheliegenden Gründen nichts sagen."

Was auch immer Zschäpe mit ihren Störmanövern bezweckt hat, einen Aspekt hat die Angeklagte dabei möglicherweise nicht bedacht: Dass ihre Aktionen mehr über ihren Charakter und ihr Wesen verrieten, als ihr eigentlich recht sein kann. Da ist etwa der Brief, den sie vor wenigen Wochen an Götzl schrieb, um ihren Antrag auf Entbindung von Stahl, Sturm und Heer zu begründen - Zschäpe zitierte darin die drei Verteidiger, die das Verhalten der Angeklagten zurückwiesen, "uns konkrete Anweisungen erteilen zu wollen und sich quasi als 'Vorsitzende der Verteidigung' zu geben".

Herzlicher Abschied von Grasel

Entlarvt sich Zschäpe damit nicht selbst? Passt das nicht in die Anklage, die Zschäpe als höchst aktive Frau beschreibt, die von Anfang an den Aufbau und Bestand der mutmaßlichen terroristischen Vereinigung NSU förderte?

Die "Maximal-Anklage des Generalbundesanwalts" habe bislang keine Bestätigung erfahren, sagt Rechtsanwalt Heer. Vertreter der Nebenklage dagegen sehen das Gericht eindeutig auf Verurteilungskurs.

Am 2. September wird der Prozess fortgesetzt. Auch wenn die Beweisaufnahme bereits weit fortgeschritten ist, könnte er sich noch eine Weile hinziehen: Das Gericht erwäge derzeit, weitere Termine für die Hauptverhandlung zu bestimmen, sagte Gerichtssprecherin Andrea Titz - möglicherweise bis zum 1. September 2016.

Der letzte Tag vor der Sommerpause ist schnell vorbei. Man sei mit dem Programm für heute zu Ende, sagt Götzl am frühen Mittag, nachdem ein Schweizer Polizist zum mutmaßlichen Weg der Mordwaffe der Marke Ceska von der Schweiz nach Deutschland befragt worden war. Zschäpe verabschiedet sich von Grasel per Handschlag. An Sturm, Stahl und Heer richtet sie kein einziges Wort - und schenkt ihnen nicht einen einzigen Blick.

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