Nürnberger Tierpark Mutter frisst Eisbärenbabys

Über Wochen sorgte Eisbärendame Vilma liebevoll für ihren Nachwuchs - jetzt sind die beiden Babys tot, gefressen vermutlich von der eigenen Mutter. Die Zooleitung hatte sich entschieden, nicht wie im Fall von Knut in die Aufzucht einzugreifen.


Hamburg - Fünf Wochen pflegte Vilma ihre Jungen vorbildlich. Zwar waren seit einigen Tagen keine Schreie der Jungen mehr zu hören, allerdings wertete man die Stille als gutes Zeichen. Die Neugeborenen sind gut versorgt, hatte man im Nürnberger Tiergarten gedacht.

Eisbaerin Vera im Nürnberger Tiergarten: Keine "doofe Knutmanie"
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Eisbaerin Vera im Nürnberger Tiergarten: Keine "doofe Knutmanie"

Sorgen machten sich die Pfleger vielmehr um Eisbärmutter Vera im Nachbargehege. Sie erreichten regelmäßig die Schmährufe der Besucher. Vera hatte ihre Jungen verstoßen und sie in einer Höhle zurückgelassen, die für die Pfleger nicht zugänglich war. Obwohl die Tiere zu verhungern drohen, hat sich der Zoo trotz heftiger Kritik dafür entschieden, nicht in das Geschehen einzugreifen. Man wolle eine Wiederholung der "doofen Knutmanie" vermeiden und die Tiere nicht mit der Hand aufziehen, hatte der stellvertretende Direktor betont.

Heute nun sorgte ausgerechnet die bislang fürsorgliche Eisbärendame Vilma für Entsetzen im Nürnberger Tiergarten. Am Vormittag schlug sie gegen das Schiebetor ihres Käfigs. Als der Pfleger nachsah, war keines der Jungen mehr zu sehen. Am Mittag folgte dann die bittere Botschaft des stellvertretenden Zoodirektors Helmut Mägdefrau. "Wir haben keine Überreste von den Kleinen gefunden, deswegen können wir auch die genaue Todesursache nicht feststellen", sagte Mägdefrau. "Ich bin sehr traurig."

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Es ist wahrscheinlich, dass Vilma ihre Jungtiere gefressen hat. Denkbar ist allerdings auch, dass die toten Tiere noch unter dem Heulager liegen. Morgen will ein Pfleger Vilma aus der Wurfbox locken und das Gehege durchsuchen.

Was genau mit den Eisbärbabys passiert ist, ist derzeit noch unklar. In den Brutboxen sind keine Überwachungskameras installiert, so dass der Zoo bislang auch keine konkreten Angaben zu Zahl und Zustand der Neugeborenen machen konnte. Zoodirektor Dag Encke geht allerdings davon aus, dass die Jungtiere krank waren, und die Mutter sie deshalb tötete. "Mit dem Jungtier muss etwas nicht in Ordnung gewesen sein", sagt er. Das Baby könne einen Infekt gehabt haben oder aus anderen Gründen geschwächt gewesen sein. Wenn die Mutter merke, dass eine Krankheit oder andere Umstände die Aufzucht unwahrscheinlich machten, fräßen Raubtiere ihren Nachwuchs häufig auf. In der freien Natur beseitige das Spuren und erhalte gleichzeitig den Energiehaushalt der Mutter, so der Direktor weiter.

Aus Hunger habe Vilma ihre Jungen nicht gefressen. Die Eisbärin stehe "sehr gut im Futter" und habe trotz der Winterruhe, in der Eisbären normalerweise gar nichts fressen, Futter angeboten bekommen.

"Eisbären haben im Zoo nichts verloren"

Der Präsident des bayerischen Tierschutzbundes hat dem Nürnberger Tiergarten eine Verletzung der Fürsorgepflicht vorgeworfen. "Man kann Eisbären nicht in eine künstliche Umgebung verfrachten und dann so tun, als befänden sie sich in freier Natur", sagte Berthold Merkel. Die Zooleitung hätte kontrollieren müssen, ob es den Eisbärinnen und ihren Jungen gut gehe. Merkel forderte den Tiergarten auf, künftig auf die Nachzucht von Eisbären zu verzichten. "Eisbären haben im Zoo nichts verloren", sagte er. "Sie können dort nicht artgerecht gehalten werden." Auch der Deutsche Tierschutzbund kritisierte die Leitung des Nürnberger Tiergartens nach dem Tod der beiden Eisbärenbabys. "Der Zoo hätte früher eingreifen müssen", sagte Verbands-Geschäftsführer Thomas Schröder.

Vize-Direktor Mägdefrau streitet hingegen ab, dass das Nicht-Eingreifen zum Tod der Welpen geführt haben könnte. "Gerade bei Eisbären führt die geringste Störung dazu, dass sie ihre Aufzucht abbrechen und dann normalerweise auch ihre Jungtiere fressen. Genau deswegen sind wir bei Vilma nicht rein, solange wir kein Anzeichen hatten, dass irgendetwas schief läuft."

han/dpa/AP/ddp



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