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»Nummer sieben ist'ne Obergranate«

Peter Brügge über die Raritäten-Weinprobe im »Arlberg-Hospiz« *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Michael Broadbent, die verkörperte Weinabteilung des Versteigerungshauses Christie, verbarg im festlichen Tafeldekor einen kleinen Stapel leerer Yoghurtbecher. In sie konnte er unauffällig wenigstens einen Teil der 143 kostbaren Kreszenzen spucken, die es am letzten Septemberwochenende im »Arlberg-Hospiz« zu verkosten gab.

Diese diskrete Entsorgung verordnete er sich unter der Devise, daß es, genau besehen, »pro Leben nur eine Leber« gebe. Die übrigen 59 Ehrengäste und Weinschmecker zogen es vor, ihre medizinischen Vorbehalte in der Fülle der gebotenen Premiers Grands Crus zu ertränken. Eine lüsterne Ehrfurcht vor deren Jahrgang und Herkunft machte aus ihnen das, was ihr Flaschen-Spender Hardy Rodenstock anerkennend »Kampftrinker« nennt.

Seine seit 1980 alljährliche »Raritäten-Weinprobe« verlangt den ganzen Mann. Dennoch folgten den von ihm dazu Auserwählten heuer ungebeten schon ein gutes Dutzend Ehefrauen, für die der rare Wein nicht reichte. Sie, darunter die neue Gefährtin des Stammgastes Walter Scheel, wurden in einem Nebenraum mit dem zweitbesten versorgt; auch nicht übel.

Denn für das Gipfeltreffen der Weinmännlichkeit hatte der Raritätensammler Rodenstock aus seinen diversen Kellern Hochgewächse im Handelswert von reichlich 200 000 Mark an den Arlberg verfrachtet. Hans-Peter Wodarz, der Wirt der Wiesbadener »Ente vom lehel«, bezeichnete das teilnehmend als »das Weltereignis für Wein«. Dem bis zum letzten edlen Tropfen beizuwohnen, war eine erschöpfende Ehre, deretwegen beispielsweise Deutschlands vorderster Drei-Sterne-Koch Eckart Witzigmann mitten in der Höchstsaison die Brigade seiner Münchner »Aubergine« führungslos hat brutzeln lassen.

Ein Briefmarkensammler müßte Urlaubspost an seine Freunde mit der blauen Mauritius frankieren, wollte er in seiner Sparte dem entsprechen, was der Weinsammler Rodenstock seinen Gästen vorsetzt. Statt ihnen neiderweckend von den durch ihn ergatterten alten Lafites, Moutons oder Yquems zu berichten, vom sagenhaften Petrus (um den reiche japaner und Araber ihre Geldboten zu ihm schicken), vom Romanee-Conti oder Richebourg, öffnet er das alles und noch viel mehr einmal im Jahr für sie. Das ist eine Inszenierung, bei der er sich zu Recht an sich selbst berauscht. Sein so erzeugter Nimbus bringt ihm viel Ehre und Geld.

Ein Mann wie Walter Scheel läßt ihn längst an sämtlichen frohen Ereignissen seines privaten Lebens teilnehmen. Dafür erntet er stets zumindest eine Magnum-Flasche seines nicht billigen Geburtsjahrgangs 1919.

Hardys Tafelrunde gehören außer dem Altpräsidenten die Besitzer glorreicher deutscher und französischer Domänen und die ausnahmslos reichen Sammler berühmter Weine an. Doch auch der Erbprinz Hans Adam von Liechtenstein steckt bei ihm die fürstliche Nase ins Glas.

Anfangs traf man sich noch in Mülheim, Ruhr. Da konnte zum Wein des ehemaligen Corpsstudenten, Landvermessers, Bierstemmers und Schlagerverlegers Rodenstock durchaus mal ein Sportsmann unterhaltsame Kraftakte zeigen. Nun, im »Hospiz«, werden Herren in festlicher Kleidung mit einem Schwert zu Mitbrüdern geschlagen, und während sie ihren hundertsten Grand Cru zum Munde führen, hämmert ein Silberschmied mitten im Saal dröhnend den Namen Rodenstock auf Erinnerungsmünzen.

Binnen 48 Stunden wurde für 60 Männer 12 000mal eingeschenkt. Dem von Rodenstock stets als Mundschenk mitgeführten Bonner Sommelier Ralf Frenzel mußten dabei neun weitere Entkorker, Vorschmecker und Dekantierer beistehen.

18 Köche besorgten auf Kosten des Hospiz-Wirtes Adolf Werner eine angemessene Haute Cuisine, und 20 Kellnerinnen trugen das auf. Außer Trinkgeld wurde keiner der Bedienten auch nur einen Schilling los.

Es gibt schließlich Firmen, die sich darum reißen, an den Spesen dieser renommierten Völlerei ein wenig teilzunehmen. Der Tiroler Glasfabrikant Riedel etwa vermarktet von Rodenstock entworfene Gläser und Karaffen. Die Champagner-Kellerei Pommery und die Brauerei Stauder spülten den Unersättlichen in den kurzen Weinpausen mit ihren Produkten die Kehle. Das Haus Rothschild warb für seinen kalifornischen Wein.

Und alle trugen sie dazu bei, daß es den Weinkennern nicht an dem fehlte, was außer Wein zu ihrer Kultur vordringlich gehört: Papier und Stifte.

Schriftlich nur läßt sich etwas von dem erhaschen, was sich auf ihrem Gaumen unaussprechlich ereignet. Sie schwenken die vor ihnen endlos aufgereihten Kelche, heben sie ins Licht, schnüffeln, schlürfen, stöhnen und finden danach meist nicht das rechte Wort. »Nicht übel!« rufen sie einander zu, und: »Nummer sieben, der Cheval Blanc, das ist ja 'ne Obergranate!« Einer lobt den 1937er Chateau d'Yquem mit dem abgenutzten Vergleich: »Wie wenn dir ein Engel auf die Zunge pinkelt.«

Selbst Michael Broadbent, dessen Wein-Beschreibungen auf dem Buchmarkt ein Renner sind, hat bei sich Mühe mit der Befragung von Nase und Gaumen. Zu einem purpursamtenen Chateau Lafite 1875 wußte er auf Anhieb nur zu sagen: »Lafite at its best is a beautiful drink.«

Alle machen sich aber vor und nach jedem Schluck gewissenhaft Notizen. Dicke Blöcke schreiben sie damit voll, ihrer flüchtigen Sinneslust etwas wirklich Mitteilbares abzugewinnen, das sie mitnehmen und ungelesen daheim stapeln können. »Einfach nur sprachlos trinken«, sagt ein Rotwein-Sammler aus der Schweiz, »das wäre ja saufen.«

In den verfeinerten Marginalien eines Broadbent kann ein Wein später als »eine tiefe jugendliche, langbeinige Kreatur« wiederkehren, als »füllig und doch schlank und muskulös«. Es ist eine für Kenner nachvollziehbare Botschaft, wenn es schwarz auf weiß bei ihm heißt: »Die Nase ging auf, brach dann aber zusammen.«

Vorwissen fördert den Nachgeschmack. Geschichte wird mitgetrunken. Darum wurde in Sankt Christoph als Beigabe zu vier großen roten Bordeaux des Jahrgangs 1875 außer Lamm ein weltgeschichtlicher Abriß gereicht. Unerachtet so kulturellen Eifers ist es nicht einmal sicher, daß einer dieser großen Sammler den Wein, auf den er spezialisiert ist, etwa neben acht anderen noch blind herausschmeckt.

Der Weinnase Rodenstock hat es ein teuflisches Vergnügen bereitet, seinen Mitbrüdern zwischendurch zehn Rote unterschiedlicher Nationalität, Reife und Preisklasse nebeneinander zum Raten zu servieren. Nicht einmal Broadbent konnte einen identifizieren.

Es befand sich aber darunter ein Chateau Kirwan 1894 und ein Chateau Petrus 1977 (die Flasche zu 200 Mark). Die absolute Mehrheit im Saal sprach bei einer sofortigen Abstimmung das Prädikat höchster Güte einem roten Unbekannten zu, der sich als ein Chateau Musar 1967 entpuppte. Das ist ein libanesischer Rotwein für 6,80 Mark die Flasche.

Peter Brügge
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