Hannes Schrader

Berichterstattung über Obdachlosigkeit »Oh nein, nicht das«, dachte ich. »Na klar, mache ich gern«, sagte ich.

Ich wollte nie über Obdachlose schreiben. Aber als Praktikant hatte ich keine andere Wahl. Bei meiner Recherche traf ich jemanden, der mir meinen Zynismus vor Augen führte.
Von SPIEGEL-Redakteur Hannes Schrader porträtierter ehemaliger Obdachloser in Berlin

Von SPIEGEL-Redakteur Hannes Schrader porträtierter ehemaliger Obdachloser in Berlin

Foto: HousingFirstBerlin.de

Ich wollte nie über Obdachlose schreiben. Artikel über Wohnungslosigkeit, davon war ich überzeugt, trieften häufig vor Mitleid und stellten Elend aus. Doch als Praktikant beim SPIEGEL musste ich: Meine Ressortleiterin rief an und sagte, sie hätte da ein Thema für mich. Es ging um ein Projekt in Berlin, das Obdachlose von der Straße holen will, indem man ihnen bedingungslos eine Wohnung gibt.

»Oh nein, nicht das«, dachte ich.

»Na klar, mache ich gern«, sagte ich.

Ich fand meine Gedanken auf einmal zynisch

Um keine Betroffenheitsgeschichte zu erzählen, nahm ich mir vor, hart und kritisch zu sein. Werden Drogenabhängige clean? Schaffen sie es, vom Alkohol wegzukommen, finden sie einen Job? Oder ist das nur eine teure Maßnahme, die sowieso nichts bringt?

Diese Fragen trug ich mit mir herum, als mir im Süden Berlins ein Mann mit kurzen Haaren und freundlichen grau-braunen Augen die Tür öffnete. Seine Wohnung war noch fast leer, er war gerade erst eingezogen. Er hatte einen alten Schreibtischstuhl und eine Klappleiter. Er setzte sich auf die Leiter und erzählte mir von seinem Leben vor dieser Wohnung.

Er berichtete, wie er knapp ein Jahr zuvor wegen einer Angststörung in seiner ehemaligen Wohnung verwahrloste, nicht mehr duschte, sich einen Bart wachsen ließ, der ihm bis zum Bauchansatz reichte. Wie er seine Wohnung verlor und auf der Straße landete. Wie er nach der ersten Nacht dachte: »Jetzt bin ich ganz unten angekommen.« Erst kam er in eine Gemeinschaftsunterkunft, schließlich fand er zu dem Projekt, das ich vorstellen sollte. Dort hatte er eine Wohnung bekommen. Ohne Bedingungen.

Fast drei Stunden saß ich bei ihm und hörte ihm zu. Als wir fertig waren, erwischte ich mich dabei, dass ich bewegt war, von dem, was ihm passiert war. Ich fand meine Gedanken auf einmal zynisch. Geht es mich wirklich etwas an, ob jemand hinter der eigenen Tür zu viel trinkt, ein Start-up gründet oder den ganzen Tag Däumchen dreht? Die eigene Wohnung ermöglichte diesem Mann – Vorsicht, Pathos – in Würde zu leben, das habe ich an diesem Tag verstanden.