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19. Februar 2002, 16:55 Uhr

Oberbayern

Per Taxi zum Blutbad

Offenbar war das, was bislang als "Amoklauf eines Jugendlichen" gehandelt wurde, ein sehr gut vorbereiteter Rachefeldzug. Gezielt ermordete der 22-Jährige drei Menschen. Anschließend sprengte er sich selbst in die Luft.

Rund 300 Polizisten durchkämmten das Gelände
REUTERS

Rund 300 Polizisten durchkämmten das Gelände

Freising - Mehrere Stunden lang hielt am Dienstag ein schwerbewaffneter Jugendlicher die Kleinstadt Freising in Atem: Gegen 8 Uhr morgens fuhr der junge Mann mit einem Taxi bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, einer Echinger Dekorationsfirma, vor. Den Betriebsleiter und einen Vorarbeiter schoss er gezielt nieder. Einer der beiden Männer starb sofort, der andere erlag kurze Zeit später seinen Verletzungen. Erst vor kurzem soll dem jungen Mann gekündigt worden sein.

Anschließend ließ sich der Schütze, der mehrere selbstgebastelte Rohrbomben und zwei großkalibrige Waffen dabei hatte, mit dem gleichen Wagen zu der Schule fahren, die er selbst mehrere Jahre besucht hatte. Auf dem Parkplatz vor dem Schulzentrum schoss er wild um sich, dann drang er in das Gebäude ein. Zunächst erkundigte sich der mit einem Bundeswehr-Tarnanzug bekleidete Mann nach einem Fachbereichslehrer. Als er diesen aber nicht finden konnte, suchte er den Direktor der Wirtschaftsschule auf. Vor dem Direktorat im Erdgeschoss zündete er zwei der mitgebrachten Bomben, tötete den Rektor und verletzte dessen Frau schwer. Einem weiteren Lehrer schoss der Mann ins Gesicht: Wangendurchschuss.

Erleichterung: Die Schülerinnen waren unverletzt entkommen
AFP

Erleichterung: Die Schülerinnen waren unverletzt entkommen

Die Leiche des Täters wurde schließlich im Flur vor den Klassenzimmern im ersten Stock gefunden. Offenbar hatte sich der Mann mit einer weiteren Rohrbombe selbst in die Luft gesprengt. Neben dem Körper, der in einer großen Blutlache lag, fand die Polizei zwei Waffen und einen Rucksack, in dem eine Handgranate vermutet wurde. Bis zum Nachmittag konnte die Leiche daher nicht geborgen werden.

Möglicherweise hat der Täter im Gebäude noch mehr Sprengstoff versteckt, daher geht die Polizei bei der Tatortsicherung mit größter Vorsicht vor.

Panzerwagen waren aufgefahren, das Gebäude wurde geräumt
DPA

Panzerwagen waren aufgefahren, das Gebäude wurde geräumt

Einige Schüler und Lehrer mussten wegen eines Schocks behandelt werden. Die meisten Schüler kamen jedoch mit dem Schrecken davon: Aufgeschreckt durch die erste Explosion - der Feueralarm war ausgelöst worden - verließen die Schülerinnen und Schüler das Gebäude. Doch lange Zeit war nicht sicher, wo sich der Täter aufhielt. Zwischendurch hieß es, er habe - möglicherweise sogar mit Geiseln - aus der Schule fliehen können. Die Bevölkerung in dem nahe gelegenen Wohngebiet war aufgefordert worden, zu Hause zu bleiben. 300 Beamte durchkämmten das Gebiet.

Was den Jugendlichen tatsächlich zu der Bluttat getrieben hat, ist noch unklar. Ein Polizeisprecher sagte, für erste Vermutungen über einen möglichen rechtsextremen Hintergrund gebe es keine Bestätigung. Sicher ist jedoch, dass der 22-Jährige der Polizei bereits bekannt war: 1998 war er wegen eines Raubüberfalls verurteilt worden. Er galt als gewalttätig und aggressiv.

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