Gesägt, getan Viva la Massenproduktion!

Benjamin Schulz/ SPIEGEL ONLINE

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Wohin mit den Holzresten und Schrauben-Altbeständen? Ein Projekt zur Äpfelaufbewahrung drängt sich auf, verlangt aber Massenproduktion - und setzt den Heimwerker unter Zeitdruck.

Für den Garten war der Sommer 2018 verheerend: Der Rasen hat sich bis heute nicht erholt. Der Sommer war aber auch fantastisch: So viele Äpfel, Kirschen und Brombeeren haben wir noch nie geerntet.

Und damit - vor allem mit den Äpfeln - fingen die Probleme an. Obwohl wir großzügig verschenkten, Kompott en masse herstellten und viel frisch aßen, wussten wir bald nicht mehr, wohin mit dem Obst. Bauern mögen über diese Mengen lachen, aber mehrere gehäufte Schubkarren voller Äpfel wollen erst einmal aufbewahrt werden.

Es fehlte an einem Lagerraum (wir haben keinen Keller) und an Kisten oder Ähnlichem. Statt des Kellers kam nur der Schuppen infrage. Und statt nicht vorhandener Obstkisten nahmen wir in unserer Verzweiflung Plastik-Klappkörbe, Eimer, Mörtelkübel und die alte Babybadewanne.

Diese Notlösung verstieß gleich gegen mehrere der Empfehlungen, die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zur Aufbewahrung von Äpfeln gibt.

250 Euro für ein Obstregal? Come on

Da heißt es beispielsweise, man solle Äpfel kühl, dunkel und bei guter Durchlüftung lagern - und bitte nicht stapeln. Letzteres kann ich nach der Babybadewannen- und Mörtelkübelerfahrung nur bekräftigen. Bei zu vielen Äpfeln übereinander entstehen Druckstellen. Die sehen unschön aus und lassen das Obst schneller faulig werden. Und wenn sieben Schichten Äpfel übereinander liegen, dauert es sehr lange, bis man unten angekommen ist, um die fauligen Exemplare auszusortieren.

Eine Internetsuche zum Thema "Obsthorde" war ernüchternd. Entweder waren die Teile viel zu klein oder unverschämt teuer (und immer noch nicht groß genug). 250 Euro, nur um einen Bruchteil meiner Äpfel zu lagern? Come on. Zumal die teuren Exemplare auch nicht aussahen wie der Gipfel der Handwerkskunst.

Selber bauen, dachte ich. Nur wollte ich kein neues Material dafür kaufen. Rückblickend erscheint mir dieser Gedanke wie vom Heimwerkergott gesandt. Denn so bot sich nebenbei die Gelegenheit, endlich einmal Reste und Altlasten im Schuppen loszuwerden: Sperrholz, Tischlerplatte, Regalböden, Bretter und Latten - und Schrauben, die dem Versuch im Weg standen, mein Sammelsurium auf ein Schraubenkopfsystem zu reduzieren (meine einstige Begeisterung für Kreuzschlitz ist mir heute unerklärlich).

Das Design für die Kisten hatte ich bald im Kopf:

Der Plan bedeutete für mich zweierlei.

  • Statt von vornherein ein Regal in einer bestimmten Größe zu planen, würden sich die genauen Dimensionen nach dem vorhandenen Material richten. Dass genug davon für ein ausreichend großes Regal da sein würde, daran hatte ich keine Zweifel.

Ich fand im Schuppen Material für einen Korpus sowie für 22 Kisten der Größe 40 x 50 x 12 Zentimeter - genug Platz für eine Lage großer oder zwei Lagen kleinerer Äpfel. Pro Kiste waren 28 Schrauben notwendig - also 616 Stück insgesamt. Inzwischen sind die Kreuzschlitz-Altbestände tatsächlich größtenteils aufgebraucht.

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Äpfelaufbewahrung: Langwierige Kiste

Beim Bau eines ersten Kisten-Prototypen gab es keine Probleme. Viva la Massenproduktion! Pro Kiste

  • gab es 15 Einzelteile (Front, Rückseite, vier Seitenteile und neun Teile für den Boden)
  • waren zwölf Löcher vorzubohren
  • mussten Griff, Seitenteile und Bodenstreben per Hand geschliffen werden, um ihnen die scharfen Kanten zu nehmen.

Ich gestehe, ich war nach stundenlanger stupider Schleiferei froh, dass nicht genug Material für 40 Kisten da gewesen war. Und ich gestehe, dass es irgendwann ermüdend wurde, immer wieder denselben Arbeitsschritt zu machen. Nach der Prototypkiste galt es, 21-mal die Gleitschienen mit Front- und Rückseite zu verschrauben, 21-mal die Bodenstreben einzusetzen, 21-mal Seitenteile zu befestigen, 21-mal den Griff anzubringen. Allmählich bekam ich eine Ahnung davon, was Marx in "Das Kapital" über Arbeitsteilung und die damit einhergehende Eintönigkeit schrieb.

Immerhin war bei mir nach 22 Kisten Schluss. Mit dem Ergebnis war ich zumindest funktional zufrieden: Die Kisten sind für ihren Zweck mehr als ausreichend stabil, leicht und angenehm zu tragen. Und sie passen gut ins Regal, dessen Bau deutlich abwechslungsreicher war und zudem schneller vonstatten ging.

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Regal: Wo die Obstkisten Platz finden

Was fürs Auge ist das Gesamtensemble wahrlich nicht. Den Äpfeln dürfte das egal sein. Wichtiger als hübsches Aussehen waren mir ohnehin Rollen: So kann ich das Regal im Schuppen jederzeit verschieben, angesichts der Platzverhältnisse eine Notwendigkeit. Und ich kann das Regal für die Ernte direkt zum Baum bringen. Dort lassen sich die Kisten herausnehmen, befüllen und gleich wieder wegsortieren.

Ein erster Test ergab, dass je nach Größe zwischen 660 und 770 größere Äpfel in die Kisten passen sollten - und bestimmt doppelt so viele kleine Exemplare (die bei unseren Bäumen häufiger vorkommen). Damit sollten wir gut auf die Erntezeit vorbereitet sein.

Wobei: Es könnte vermutlich nicht schaden, Türen einzubauen, um größere Schädlinge abzuhalten. Ein mit Kaninchendraht oder Vogelschutznetz bespannter Rahmen wäre eine Möglichkeit, um zu gewährleisten, dass die Luft weiter zirkulieren kann. Damit ich weiter in meinem Null-Budget bleibe, müsste ich allerdings die Scharniere selbst herstellen.

Puh, das nächste Projekt mit Deadline. Zum Glück sind es bis zur Erntezeit noch ein paar Monate.

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14 Leserkommentare
HISXX 18.05.2019
lathea 18.05.2019
andreas.s 18.05.2019
mimas101 18.05.2019
zorro der rächer 18.05.2019
frenchie3 18.05.2019
frenchie3 18.05.2019
dasfred 18.05.2019
wdiwdi 18.05.2019
Bln79 18.05.2019
swandue 18.05.2019
schnakenkopp 19.05.2019
ripley99 19.05.2019
quergelesen 20.05.2019

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