"Odessa" Ende einer Luxusreise

Seit sechs Jahren liegt im Hafen von Neapel das Kreuzfahrtschiff "Odessa" an der Kette. An Bord, ohne Hoffnung, Strom oder Geld, versuchen neun Seeleute das ehemalige Prachtstück zu erhalten.

Von Bettina Gabbe


Seit mehr als sechs Jahren liegt der ehemalige Luxusliner in Neapel an der Kette
Bettina Gabbe

Seit mehr als sechs Jahren liegt der ehemalige Luxusliner in Neapel an der Kette

Auf dem verstimmten Klavier im Kino des Schiffes spielt Andrej Irlikow, Erster Offizier der "Odessa", traurige Walzer. Zuhörer hat er nicht. Die 200 weinroten Sitze im dunklen Saal sind leer. Früher transportierte die "Odessa" bis zu 540 Passagiere - vor allem deutsche Touristen. Im Winter in die Karibik, im Sommer nach Skandinavien. Solang, bis sie vor sechs Jahren auf Anordnung des Gerichts von Neapel beschlagnahmt wurde. Die Eignergesellschaft, die Black Sea Shipping Company, kurz Blasco, früher sowjetisches Staatseigentum, war pleite gegangen.

An der "Lido Bar" wurden einst Cocktails geschüttelt - heute dient es der Mannschaft als Open Air Küche
Bettina Gabbe

An der "Lido Bar" wurden einst Cocktails geschüttelt - heute dient es der Mannschaft als Open Air Küche

Nun warten die verbliebenen Besatzungsmitglieder im Hafen von Neapel, im militärischen Sperrgebiet, auf die Versteigerung ihres Schiffes. Sie gehören zu den Hauptgläubigern, die aus dem Erlös der Auktion ausgezahlt werden sollen. Die Chancen auf eine baldige Lösung stehen schlecht: Beim ersten Auktionstermin, den das Gericht Mitte Mai angesetzt hatte, war noch nicht einmal die Mindestsumme 7,5 Millionen Dollar geboten worden. Derweil halten die neun Ukrainer ihr Schiff so gut es geht in Ordnung. Früher kümmerten sich eine Besatzung von 230 Ukrainern und 35 Deutschen um das Wohl der Gäste - und des Schiffs.

An Bord schieben Seeleute Wache - den verrotteten Tauen trauen sie nicht. Dort wo früher Reisende auf hoher See im Schwimmbad planschten, ist heute ein Sicherheitsnetz gespannt, im Pool steht Brackwasser. Rostige Ränder umgeben den Palmenstrand, der an die Wand gemalt ist. "Bitte vor Poolbenutzung duschen", steht auf deutsch darunter. Die frühere "Lido Bar" am Schwimmbad benutzen die Seeleute nun als Küche unter freiem Himmel. Lebensmittel erhalten sie von einer toskanischen Hilfsorganisation, Geldspenden von Ukrainern in Neapel, erzählt der 46-jährige Valerij Strikh. Während er mit einem melancholischen Lächeln erzählt, wie er mit 17 in der Flussschifffahrt anfing, blinkt sein goldener Schneidezahn in einem sonst spärlichen Gebiss. Eine große Dose mit der Aufschrift Majoran steht - ein wenig verstaubt - im Regal. Auf dem obersten Deck trocknet die Wäsche in der Sonne. Auf dem ehemaligen Basketball-Feld.

Die Palmen am Pool blättern langsam ab
Bettina Gabbe

Die Palmen am Pool blättern langsam ab

Auch im Innern macht der ehemalige Luxusdampfer einen traurigen Eindruck: Der Erste Offizier führt mit einer Taschenlampe durch die dunklen Gänge. Die bunten Teppiche sind mit Pappplatten bedeckt. Strom gibt es offiziell nicht. Irgendwoher hat die Besatzung wohl illegal ein Kabel angezapft. In den Kajüten laufen Fernseher und Videorekorder. Wo früher Hunderte von Passagieren im Casino spielten oder sich in Nachtclubs vergnügten, herrscht der Muff.

Die Taschenlampe wirft ein gespenstisches Licht auf die leeren Regale des Duty-Free-Shops und den Frisiersalon mit den verlassenen Fönhauben. Die Grünpflanzen in den Bars mit roten und alt-rosa Sesseln sehen verkümmert aus, obwohl Licht durch die Luken auf sie fällt. Die 280 Passagier-Kabinen waren mit Telefon, einem Safe für den Abendschmuck und mit Fernsehern ausgestattet. Zwei Satellitensysteme sorgten für die gewünschten Programme. Heute sind die Apparate vorsichtshalber in mehreren Kabinen untergebracht, die mit Papierstreifen versiegelt sind: "Das reicht, damit sie nicht geklaut werden", sagt Irlikov. "In Italien bin ich arm, aber in der Ukraine bin ich reich", sagt der Erste Offizier. Er hat von einer Fernsehsendung gehört, deren Teilnehmer beim Überleben auf einer Insel gefilmt werden: "Sie hätten uns aufnehmen können, das wäre billiger gewesen".

An Deck wird heute nur noch Wäsche getrocknet
Bettina Gabbe

An Deck wird heute nur noch Wäsche getrocknet

Am Tag der erzwungenen Ankunft in Neapel gingen die Touristen von Bord. Die meisten Seeleute folgten in den kommenden Monaten. Zwei Besatzungsmitglieder starben in ihrer Kabine. Zu Glanzzeiten des Luxusdampfers hätte das nicht passieren können. Drei Allgemeinärzte, ein Chirurg und ein Zahnarzt reisten damals ständig mit.

Kommandant Wladimir Lobanow sagt, die letzten Jahre seien ein Alptraum gewesen - für die Besatzung eine unendliche Geschichte.

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