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Gärten Ökologische Null

Mit immer raffinierteren High-Tech-Helfern lockt die Industrie die 28 Millionen deutschen Freizeitgärtner. Die Branche boomt.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Für die Hamburger Modedesignerin Jil Sander ist der eigene Garten »die Quelle meiner Kreativität«. Vor dem neuen Firmensitz an der Alster läßt sie gerade mit Rhododendron, Buchenhecken oder Alleen aus Zierkirsche einen der aufwendigsten Privatgärten in Deutschland anlegen.

Sanders Nachbar und Konkurrent Wolfgang Joop, Gartenbesitzer in Hamburg, Potsdam und Monte Carlo, behauptet: »Ich muß Erde fühlen.«

Außenminister Kinkel, 59, steigt »gerne in die Bäume« seines 400 Quadratmeter großen Privatgartens bei Bonn. Und der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, 54, freut sich an Löwenzahn und Margeriten auf seiner Naturwiese hinter dem Doppelhaus in Wolfratshausen bei München.

Durchschnittsdeutsche allesamt: Im Frühjahr verwandeln sich 28 Millionen Gartenbesitzer in erdverbundene Maulwürfe. Sie buddeln, hacken, häckseln, rechen, schaufeln, schneiden, jäten, säen, was das Gerät hält.

In schätzungsweise 15 Millionen Einzelgärten und auf rund 10 Millionen Balkonen der Republik wird das eigene Grün gepäppelt. »Es ist der Rückzug ins Private«, mutmaßt Eberhard Kastner, Vorsitzender der Ratinger Industrievereinigung Gartenbedarf. Der eigene Garten sei so etwas wie eine überschaubare Arche Noah inmitten drängender Umweltkatastrophen. Nach Studien der Fachzeitschrift Flora und des Verlagshauses Gruner + Jahr nimmt »das Bedürfnis nach einer kleinen heilen Natur-Welt vor der eigenen Haustür« zu.

Möglichst allerdings mit viel High-Tech. »Sitzen statt schwitzen«, wirbt der Hersteller eines italienischen Aufsitz-Rasenmähers für sein Produkt. Der Betzdorfer Gerätehersteller Wolf weckte bei der betuchten Kundschaft Assoziationen an gehobene Karossen: Er nannte seine Rasengefährte »Senator« oder »Carrera«, im Kommen sind jetzt Akku- und Mulchmäher.

Trotz immer mehr Freizeit, wissen die Marketingforscher, steigt die Nachfrage nach Arbeitserleichterung im Garten. Selbst die motorisierte Astsäge mit Minikette gibt es inzwischen mit Teleskopstab und Knopfdrucksteuerung. Die Schwiele an der Gärtnerhand, so suggeriert die grüne Branche, ist bloß Ausweis des falschen Equipments.

Die akkugetriebene Rasenkantenschere, der Rasentrimmer mit Gehhöhenverstellung, die Motorsense mit Wechselaufsätzen, die Heckenschere mit elektronischer Zweihandführung minimieren den körperlichen Einsatz.

Gegen die Unart von Bäumen und Sträuchern, im Herbst ihre Blätter fallen zu lassen, hilft der Laubstaubsauger für den Schrebergärtner wahlweise mit »Powerblasen« oder eingebautem Häcksler. Gartenmöbel und vermooste Terrassen reinigt der Hochdruckreiniger mit 110 bar, fast von allein. Eine Zusatzdüse, verspricht etwa die Firma Bosch, stelle mit einem »oszillierenden Stechstrahl die alte Schönheit« wieder her.

Dabei erzeugen manche der stillen Helfer in der Natur den Lärm eines frisierten Mopeds. In hochgerüsteten Techno-Gärten ist es am Wochenende lauter als auf der Ausfallstraße.

Zwar bemühen sich die Hersteller, wie es von 1997 an eine neue EU-Richtlinie vorschreiben soll, die Dezibelwerte zu senken, doch den tragbaren Antriebsmotoren sind dafür Grenzen gesetzt. Der Gehörschutz mit Bügel ist deshalb inzwischen ebenfalls ein Hit.

Insgesamt gaben die Bundesbürger 1992 rund 17 Milliarden Mark für ihre Gärten aus - Tendenz steigend. Im nächsten Jahr erwartet die Branche einen Umsatz von 20 Milliarden Mark.

Nicht nur das Zubehör wird immer raffinierter und kostspieliger, sondern auch das Ambiente. »Alles, was mit Wasser zu tun hat«, sagt Rolf Münz vom Verband Deutscher Samenkaufleute und Pflanzenzüchter in Bonn, »läuft wie verrückt.« Ein Tümpel im Garten, bestückt mit Sumpfschwertlilien, Seerosen oder Schilf, gilt als erstklassige ökologische Visitenkarte. Die Hersteller von Teichfiltern meldeten Anfang der neunziger Jahre zweistellige Zuwachsraten. Nierenförmige Bodenwannen mit integrierten »Ufer-Biotopen« sowie komplette »Bachlaufsysteme« im Stecksystem aus dem Fachhandel sollen die »Ansiedlung seltener Arten« auf zehn Quadratmetern erleichtern. Schon warnt der Naturschutzbund Deutschland davor, die Kröten und Wasserpflanzen der freien Natur zu entnehmen.

Für die Bewässerung von Blumen, Sträuchern und Kräuterbeeten sorgen Sprühregner, Drehkopfregner, Impulsregner mit der Bezeichnung »Intelligent« oder Kreisregner mit »variabler Wurfweite«. Elektronische Schaltzentralen steuern versenkbare Wasserschleudern, die durch ausgeklügelte Rohrsysteme versorgt werden.

Der Mikrochip in einem »Bewässerungscomputer mit Wochenplan« (Werbung) erfaßt nicht nur über Erdsensoren Feuchtigkeit oder Temperatur, sondern dosiert auch bei Dürre den künstlichen Regen - wenn nicht gerade die Sicherung rausknallt.

Dagegen wiederum helfen - ökologisch korrekt - netzunabhängige Solarmodule, deren Strom Teichpumpen oder Berieselungsanlagen antreibt. Pumpen, Schläuche, Filter und Armaturen für den High-Tech-Gärtner summieren sich leicht auf 5000 Mark.

Das nasse Idyll findet bei Fachleuten allerdings wenig Anklang. »Der Bio-Tümpel im Vorgarten ist ökologisch eine Null«, sagt Wolfgang Erz, Geschäftsführer der Bonner Arbeitsgemeinschaft beruflicher und ehrenamtlicher Naturschutz. Zwar seien Feuchtgebiete »pädagogisch wertvoll«, aber »zur Lösung drängender Umweltprobleme« trügen die kleinräumigen Wasserflächen wenig bei. Der Schwund von Tier- und Pflanzenarten lasse sich nur durch »großräumige Vorranggebiete« aufhalten.

Nach einer Inventur an 1140 »Naß-Standorten« im schweizerischen Kanton Zürich lebten in einem Drittel davon überhaupt keine Amphibien. Standorttreue Laichtiere wie der Kammolch oder der Grasfrosch wanderten an neu angelegten Gewässern vorbei. Die angeblich »heile Welt im Teich«, urteilt der Schweizer Fachautor Fred Kurt, sei in Wahrheit ein »ökologischer Schildbürgerstreich«.

Irritierend für das Getier ist auch die Lichttechnik im heimischen Garten. Die Halogenleuchten im Sonderangebot, inklusive Bewegungsmelder, haben ganze Landschaften verändert. »Dem Berufstätigen, der erst gegen Abend seinen Garten erleben kann«, verspricht der Ulmer Hersteller Gardena mittels Kunstlicht eine »Verlängerung seiner Gartenfreizeit für das ganze Jahr«. Eine »überlegt eingesetzte Beleuchtung« des Systems »lightline« schaffe viele »überraschende Akzente und Stimmungen«.

»Die Leute wollen einen Garten, der das ganze Jahr blüht«, faßt ein Hamburger Grün-Designer die Wünsche seiner betuchten naturfremden Kundschaft zusammen, »fürs Pflegen haben sie keine Zeit, da sie Golf spielen oder in den Süden fahren.« Da Sträucher und Bäume anders als Möbel wachsen, wird in von Landschaftsarchitekten gestylten Designer-Gärten alle Jahre umgemodelt.

Die schwedische Firma Husqvarna hat bereits Ideen entwickelt, wie der pflegeleichte Garten des 21. Jahrhunderts aussehen könnte: Ein Computer mit Sensoren in einem solarbetriebenen Rasen-Roboter entscheidet, ob das Gras lang genug zum Schneiden ist. Konveniert der Grashalm, läuft der elektronische Gartensklave selbständig durchs Gelände. Daniel Düsentrieb läßt grüßen.

Damit er nicht auch noch das Grundstück des Nachbarn mitmäht, begrenzen unter der Erde verlegte Elektrosperren den Aktionsradius des knapp 4000 Mark teuren Mähers: Der Signal-Impuls läßt den Roboter klaglos umdrehen. Y

[Grafiktext]

Einstellung deutscher Gartenbesitzer zum eigenen Garten

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