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Unterhaltung »Ohne feuchte Hände«

Von Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 32/1996

SPIEGEL: Herr Professor Jens, Olympia am Abend, Olympia in der Nacht. Bekommen Sie genug Schlaf?

Jens: Ich werde nie sportmüde werden. In meiner Jugend war ich Anhänger vom Eimsbütteler TV ...

SPIEGEL: ... einem Hamburger Verein, der heute in der sechsten Liga spielt ...

Jens: ... und wenn ich den letzten Goethe-Vers vergessen habe, werde ich den Eimsbütteler Sturm von 1932 noch aufsagen können: Ahlers, Rohwedder, Panse, Mohr, Maack ...

SPIEGEL: Nicht überall ist Eimsbüttel, Atlanta bietet Goldmedaillen.

Jens: Ich habe ein paar Tage lang die Olympischen Spiele angeschaut, dann wurden die Langeweile und die Arbeitswut so groß, daß ich meinen TV-Konsum beendet habe und an den Schreibtisch zurückgekehrt bin.

SPIEGEL: Ein plötzlicher Sieg der Aufklärung. Wie kam es dazu?

Jens: Es war am zehnten Tag, am späten Abend. Ich saß noch vor dem Fernseher. Ich war sehr müde. Da hörte ich einem begeisterten Handball-Reporter zu und glaubte, das sei live. Erst beim kurzen Umschalten auf den Videotext merkte ich, daß das Resultat des Spiels längst feststand. Das aussichtslose Deutschland hatte gegen Algerien 25 : 23 gewonnen. Für mich war das die Stunde der Wahrheit: Die Langeweile hatte mich besiegt. Seitdem beschränke ich mich auf kurze Zusammenfassungen.

SPIEGEL: Nur die Originalübertragung bringt Ihnen das wahre Fernsehleben?

Jens: Für mich gibt es eine Art Bildschirmdialektik: Einerseits möchte ich live gespannt dabeisein. Aber ein hoher Genuß ist mir auch, ein Spektakel mit bekanntem Ausgang aus distanzierter Perspektive kommentiert zu sehen. Da sehe ich dem Wettkampf zu, heiter und ohne feuchte Hände.

SPIEGEL: Serenissimus-Professor Jens, völlig losgelöst im Danach und Gestern.

Jens: Nachbetrachtungen haben den aparten Reiz der griechischen Tragödie. Jeder weiß, daß Antigone kein Happy-End vergönnt ist, und man sieht trotzdem zu. Beim Sport und in der Kunst ist nicht nur das Was, sondern auch das Wie wichtig.

SPIEGEL: Doch für die meisten gilt: Nur live ist life.

Jens: Wenn live möglich ist, ist es die königliche Darbietungsform. Aber beim 100-Meter-Endlauf stell'' ich mir doch nicht den Wecker. Das hab'' ich als Jugendlicher getan, als Max Schmeling gegen Joe Louis boxte. Am nächsten Tag wollten wir nicht in die Schule gehen, weil alle weinten, weil wir wußten, er hat nach 71 Sekunden verloren. Und seine kleine Frau in Deutschland, Anny Ondra, weinte auch. Heute ist das ja alles anders, und ich bin, wie die meisten Zuschauer, verdorben. Einerseits habe ich Schwierigkeiten, lange und ausdauernd einer Sportart zu folgen, andererseits hat das ständig wechselnde Allerlei aus Atlanta, Beachvolleyball, Wildwasserkanu und Tontaubenschießen, etwas Zermürbendes, Zähes, unfreiwillig Groteskes.

SPIEGEL: Olympia ist eben bunt.

Jens: Aber wenn man vom 400-Meter-Endlauf sofort auf den Dreistellungskampf der Schützen schaltet, sind solche Wechselbäder zuviel. Das braucht man sich nicht anzutun.

SPIEGEL: Aber der Zuschauer ist doch Meister der Fernbedienung. Zwischen den Programmen hin- und herzuschalten, ist vielen selbstverständlich.

Jens: Kann sein. Aber ich möchte im Fernsehen die Präliminarien sehen, betrachten, wie sich die Sportler zum Vorlauf begeben. Ich möchte dabeibleiben bis zum Endlauf. Für mich zählt die Konzentration auf eine Disziplin. Das Herumschnippeln zerschneidet den Sport.

SPIEGEL: Hängen Sie nicht zu sehr längst vergangenen Sehgewohnheiten nach?

Jens: Im Zeitalter der Zerstreuung glaube ich, daß die Menschen das Langanhaltende wieder schätzenlernen werden. Was gibt es Interessanteres, als sich in ein Gesicht zu vertiefen? Die Menschen sind mehr und mehr des Hin- und Herhüpfens müde.

SPIEGEL: Von einer Rückkehr zu langen Einstellungen kann aber nicht die Rede sein. Zeitlupenorgien, Großaufnahmen, kurze Sidesteps mit der Kamera aufs fröhliche Publikum - Bildregisseure machen aus dem Sport heute ein Clipfestival.

Jens: Man soll da nicht puristisch sein, von Zeit zu Zeit hat auch die zweite Wiederholung ihren Reiz. Es gibt sicher den ästhetischen Glanz eines verfremdeten realen Geschehens. Aber es hat mit dem Sport immer weniger zu tun. Es wird zuviel auf Höhepunkte reduziert.

SPIEGEL: Aber genau die sind der Kick des Sports.

Jens: Aber auch der Weg dorthin gehört dazu. Das Gesamtkunstwerk Sport gerät immer mehr aus dem Blickfeld. Das ist

traurig, aber wohl nicht zu ändern. Dennoch ergeben sich hinreißende Möglichkeiten.

SPIEGEL: Welche denn?

Jens: Stellen Sie sich vor, man würde die Umarmung des Bundeskanzlers Kohl mit Bundestrainer Vogts nach dem EM-Sieg in England als Slapstick wiederholen. Das wäre himmlisch.

SPIEGEL: Neben der optischen Inszenierung gibt es auch die Selbstdarstellung der Moderatoren. Bietet die auch so himmlische Ausblicke?

Jens: Die Sportreporter sind furchtbar. Es fängt schon mit der Anrede an, wenn ein Reporter seinen Gesprächspartner duzt. Ich mag nicht, wenn sich der kleine Journalist auf die Ebene des prominenten Sportlers hebt und damit den Millionen verdeutlicht: Schaut, ich habe erreicht, was ihr nie erreichen werdet.

SPIEGEL: Der Stil von Reinhold Beckmann, Waldemar Hartmann, Johannes B. Kerner und Jörg Wontorra kommt doch beim Publikum ausgezeichnet an.

Jens: Diese Spezies von Reporter ist nicht in der Lage, ein Sportereignis mal ganz anders darzubringen, einmal gegen den Strich zu bürsten. Diese Sonnyboys vom Typ »Hallo jetzt komm ich« sollten ihre Stilmittel gelegentlich variieren, den Wechsel vom Ernst zum Spaß und zurück wagen.

SPIEGEL: Sie empfehlen Rhetorikseminare für Sportjournalisten?

Jens: Ja, aber welche, die nicht nur auf die Sprache eingehen, sondern die Wirkung beim Publikum analysieren.

SPIEGEL: Und was stört Sie besonders?

Jens: Das grausame Gespräch. Wenn etwa zum achten Mal ein Medaillengewinner gefragt wird, was er empfindet. Was soll der arme Mann da sagen? Etwa: Es ist ein ganz elendes Gefühl, wie furchtbar.

SPIEGEL: Herr Professor, wie sollen die Fernsehmacher es Ihnen recht machen?

Jens: Man sollte sich mal ein Fußballspiel zehn Minuten lang nur aus der Perspektive des Torwarts anschauen, wie der das Spiel sieht. Oder aus dem Blickwinkel der Schiedsrichter, für die mein Herz schlägt. Das wär'' ein Spaß. Das würde die Psychologie der Figuren erklären und auch viele Leute interessieren.

SPIEGEL: Das klingt wie ein Werbetext für das digitale Zukunftsfernsehen, in dem der Zuschauer sich seine Kameraperspektive via Fernbedienung selbst wählen kann.

Jens: Diese Technik gäbe mir die Freiheit des Auswählens. Jetzt werde ich doch noch gegängelt. Ich habe nie die Möglichkeit, das Ganze zu überschauen.

SPIEGEL: Der linke Kulturkritiker als Apostel der digitalen Medienzukunft. Welchen Nutzen brächte Fußball virtuell?

Jens: Beim »sudden death«-Tor im EM-Finale Deutschland gegen Tschechien habe ich gedacht, ich möchte das Ganze noch einmal aus der Perspektive des armen Torwarts sehen. Wie er zu greifen versucht, wie er nicht an den Ball kommt, wie er verzweifelt.

SPIEGEL: Sie halten es immer mit den Opfern?

Jens: Es war Abseits.

SPIEGEL: Nicht schon wieder eine Wembley-Tor-Diskussion.

Jens: Der tschechische Torwart hat doch gar nicht mehr gewagt zu protestieren.

SPIEGEL: Sie Tornetzbeschmutzer. Der Ball war drin.

Jens: Die Deutschen hätten bei dem Tor sicher protestiert.

SPIEGEL: Gehen Sie denn selbst ins Stadion?

Jens: Ich habe in dem Raum, in dem ich lebe, nicht die rechten Identifikationsmöglichkeiten. Der VfB Stuttgart des Finanzministers Gerhard Mayer-Vorfelder steht mir recht fern. Aber ich liebe die Atmosphäre des Stadions, den Zigarettenqualm.

SPIEGEL: Mögen Sie »ran«?

Jens: Ich sehe das seit geraumer Zeit nicht mehr. Mir ist das Unisono-Ritual auf immer der gleichen Ebene widerwärtig. Ich sehe Fußball in der ARD um 19.10 Uhr.

SPIEGEL: Da werden Sie nach Olympia wohl auch noch auf das Leder verzichten müssen. Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich ja von den Zweitrechten der Bundesliga getrennt.

Jens: Ja, es wird immer schwieriger. Ich werde mich wohl aufs Lesen beschränken müssen. Auch gut.

Das Interview führten die Redakteure Nikolaus von Festenbergund Klaus Madzia.

Klaus Madzia

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