Zur Ausgabe
Artikel 53 / 116

Mode Ois anders

Ein Münchner Unternehmer exportiert bayerische Haferlschuhe in die USA - das Geschäft mit »Bavarian Streetwear« läuft prächtig.
aus DER SPIEGEL 29/1994

In Dieter Maiers kleiner Fabrik in München-West riecht es ein wenig nach Boxring, nach Schweiß und dumpfen Schlägen. Aus dem Loft im zweiten Stock sieht man die Fernzüge nach Hamburg und Paris abfahren, drinnen knattern Maschinen.

Maier, 40, Kettenraucher, Whiskytrinker, druckt seit 20 Jahren T-Shirts. Er kaufte zudem eine Klitsche in Polen, eine Agentur in Griechenland und Spielzeug aus China. Den Firmennamen »twd«, ursprünglich für »textil-werbungdruck«, hat er unlängst umfirmiert in »tausend wundersame dinge«. Und das ist angemessen.

Immer drängender wurde der Münchner bei Geschäftsreisen in den USA auf seine sonderbare Kleidung angesprochen, den alten Salzburger Lodenmantel und das klobige Schuhwerk ("des woar fast scho lästig"). Seither beliefert der Designer die Neue Welt ausgerechnet mit Haferlschuhen - jener massigen Fußbekleidung bayerischer Bauern, die nicht nur schuhplattelndem Volk frommte, sondern auch schon Dichtern wie Oskar Maria Graf und Philosophen wie Martin Heidegger. Seine Kollektionen mit dem Emblem eines Kuhkopfes nennt er nun, fast paradox, »Bavarian Streetwear«. Das Label für die aufgejodelte Bayern-Kluft schreibt sich so: »ois anders«, alles anders.

Der Oberbayer aus dem Stamm der Niederbayern ist damit offenbar auf eine Ader gestoßen. Die neue Lust an der extrastark gewendeten Folklore zelebrieren längst auch Musikgruppen wie Haindling und Hubert von Goiserns »Alpinkatzen«.

Die bayerische Kluft, ohnehin eines der letzten Gesamtkunstwerke deutscher Tracht, verfügt über eine Art Corporate identity, die vom Kopf bis zu den Zehen reicht. Alle ihre Versatzstücke sind berühmt geworden, das Dirndl wie die Lodenjacke, die Wadlstrümpfe und der Gamsbart. Im Ausland ist der Deutsche, mangels anderer landsmannschaftlicher Identifikationssymbolik, ohnehin ein Bayer, und selbst hierzulande löst in Karikaturen und Grafiken der Seppelhut allmählich Michels Zipfelmütze als Nationalmerkmal ab.

Daß sich das Image der Volkstracht zu ändern beginnt, beweisen in München die ausschließlich auf Bayern-Moden ausgerichteten Secondhandläden. Für sandgestrahlte Uraltlederhosen aus dem Pfaffenwinkel oder sonstwoher werden bereits 1000 Mark kassiert, nicht selten sogar mehr.

Auf bayerischen Schulhöfen haben lokale Edelmarken wie »Chiemsee« den Kult-Klamotten von Levi's und Diesel den Rang abgelaufen; auf »Chiemsee« folgten inzwischen »Bodensee« und »Tegernsee«.

Maiers »ois anders«-Kollektion will den Trend noch konsequenter ausbeuten. Der Designer spricht von einer kühnen Symbiose aus »New Yorker Streetwear und unserem bewährten Alpenlook«. Seine in Italien handgefertigten Haferlschuhe zum Beispiel hätten zwar schon auch »Schnürung in Ösen oder Hakerln«, aber der bewanderte Volkskundler könne unschwer erkennen, daß hier dennoch »ois anders« sei, allein bei der Farbgestaltung, etwa in Kanariengelb oder Giftgrün. Begleittext im »ois anders«-Prospekt: »Do legst di nida.« Y

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 53 / 116
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.