Wiesn-Blog Drama, Baby!

Von Laura Kaufmann
Vereint auf der Wiesn: Es wird geknutscht, es wird geweint

Vereint auf der Wiesn: Es wird geknutscht, es wird geweint

Foto: Felix Hörhager/ dpa

Jule heult. Tränen rinnen ihre Backen herunter, erschüttert sitzt sie da, hinter ihr und neben ihr hopsen die Leute auf der Bierbank und brüllen "völlig losgelöst". Wir anderen schauen uns an und zucken mit den Achseln. Jeder aus der Runde hat es jetzt mit Trösten versucht, aber ab einem gewissen Pegel ist da nichts mehr zu machen.

Mit Suchen haben wir es auch versucht. Sie heult wegen ihres Smartphones, das bis gerade eben noch in ihrer Tasche war und vielleicht nur ein paar Meter weiter unter dem nächsten Tisch liegt. Aber zwischen den Tischen quetschen sich die Leute gerade so eng, dass keine Radi-Scheibe mehr dazwischen passt, da ist eine ordentliche Suchaktion unmöglich.

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Oktoberfest 2014: "Almauftrieb" im Käfer-Zelt

Foto: Felix Hörhager/ dpa

Dinge gehen verloren auf der Wiesn, und zwar ununterbrochen. Manche finden sich wieder. Das Fundbüro ist voll mit Jankern, Schlüsseln, Brillen, Gehhilfen und Hunderten von Handys. Das habe ich Jule gerade zum fünften Mal erzählt, auch weil sie jedes Mal wieder so eifrig dazu nickt, als hätte sie noch nie vom Wiesnfundbüro gehört. Wer zum Exzess neigt und schlau ist, der lässt, was ihm teuer und lieb ist, besser daheim.

Was ist drin im Wiesn-Bier?

Man könnte jetzt meinen, es sei furchtbar peinlich, auf der Wiesn zu heulen, noch dazu mitten im Festzelt. Aber mit steigendem Pegel sinkt die Schamgrenze. Heulende Frauen gehören zum Fest wie der süße Senf zur Weißwurst. Männer neigen eher zu sinnlosen Auseinandersetzungen mit Ordnern oder dem Nebentisch. Hinter dem Schottenhamel-Zelt sitzen gerade vier Mädels auf dem dreckigen Asphalt, das Gesicht in den Händen oder in der Dirndlschürze vergraben. Die typische Heul-Haltung, wenn alles zu spät ist.

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Oktoberfest 2014: One, two, g'suffa

Foto: Andreas Gebert/ dpa

Manchmal stehen noch ein paar Freundinnen drum herum, die auf die Aufgelöste einreden. Es sind Bilder, die man eher von Berichten über tatsächliche Katastrophen kennt als vom Rande eines ach so fröhlichen Volksfestes.

Manchmal überkommt mich das Gefühl, im Wiesnbier müsse noch eine funky Extrazutat versteckt sein. Es macht überdrehter und emotionaler als jeder andere Alkohol. Damit die elf Euro für den Liter gut investiert sind, muss die Maß natürlich einigermaßen zügig verzehrt werden, sonst wird sie lack. Das hilft auch ungemein dabei, in einem proppenvollen Festzelt bei Schlagerbeschallung Spaß zu haben. Nur übertreiben darf man es eben nicht.

Jule ist schon seit Mittag da, hat deutlich mehr als eine Maß zügig vernichtet, und ihr rinnen immer noch die Tränen herunter. Langsam steigen wir dahinter, dass der Hauptgrund dafür ein anderer ist: Ohne ihr Telefon kann sie ihren Freund nicht erreichen. Eine neue Tröst-Orgie setzt ein.

Wiesn-Profis heulen nicht

Schwierige Beziehungen, unerwiderte Gefühle, der Auserwählte, der auf der Bank mit einer anderen knutscht: Das ist meist der Grund, warum hier Taschentücher vollgerotzt werden. Dann noch eine versoffene WhatsApp an den Ex geschickt, und das Drama ist perfekt. So viele sich hier finden, so viele gehen hier auch auseinander.

Hilft nur: nicht zu viel trinken. Dafür ist es ratsam, nach Zeltschluss nach Hause zu gehen, ohne Umweg über das Käfer- oder Weinzelt, die länger geöffnet sind als die anderen. Aber weil's gerade so lustig war, stehe ich in Letzterem an der Bar, nur auf ein, zwei Gläser noch, bis auch hier die Lichter ausgehen.

Und dann, auf dem Fußmarsch nach Hause - die U-Bahnen sind ohne mich gefahren - höre ich am Telefon von einem erklärten Wiesn-Hasser Worte, die mir die Fassung rauben: Beinah zwei Uhr, Zähne schon geputzt, fast im Bett, lass uns morgen sehen… Wie dämlich. Mit dem Weinzelt-Abstecher habe ich mich darum gebracht, meinen liebsten Fußwärmer neben mir zu haben, und meine Füße sind kalt, wie konnte ich? Meine Augen werden feucht. "Okay, ich komme", brummt es dann am Telefon. Ich könnte heulen vor Freude. Aber Wiesn-Profis heulen nicht.

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