Außenseiter bei Olympia Verlierer zum Verlieben

Eddie the Eagle? Legende! Eric the Eel? Kult! Sie haben keine Chance auf Gold - und doch bereichern hoffnungslos unterlegene Außenseiter die Olympischen Spiele. Ein Überblick, wer in London 2012 hinterherhechelt und dennoch allen Respekt verdient.

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Hamburg - In den Ergebnislisten tauchten sie erst ganz am Ende auf, in den Herzen vieler Fans belegen sie hingegen immer noch einen Spitzenplatz. Die Rede ist von Michael Edwards, britischer Skispringer, genannt Eddie the Eagle (Adler), und von Eric Moussambani, äquatorialguinesischer Freistilschwimmer, genannt Eric the Eel (Aal). Beide waren so schlecht, dass sie Kultstatus erlangten.

Edwards, weil er bei den Winterspielen 1988 mit Brillengläsern so dick wie der Boden einer Sprudelwasserflasche und kurzen, hektisch rudernden Armen von der Olympia-Schanze in Calgary hüpfte. Der andere, Moussambani, weil er bei den Sommerspielen 2000 fast ertrunken wäre, beim Versuch im Aquatic Centre von Sydney 100 Meter Freistil zu schwimmen.

Ihre Kontrahenten waren deutlich besser, die meisten sind aber längst in Vergessenheit geraten. Edwards und Moussambani nicht - weil sich mit ihnen der olympische Geist unter dem Motto "Dabei sein ist alles" so wunderbar erzählen lässt. Auch in London sind wieder Athleten am Start, für die allein die Teilnahme an den Spielen ein enormer Erfolg ist.

Hamadou Djibo Issaka zum Beispiel, ein 35 Jahre alter Sportler aus dem Niger, der erst seit drei Monaten rudert, in London aber trotzdem im Einer am Start war. Seine Kontrahenten hatten im Hoffnungslauf am Wochenende längst das Ziel erreicht, da quälte er sich auf dem Dorney Lake in Eton noch in Richtung Ziel. Zuschauer und Stadionsprecher ("Du schaffst das!") peitschten ihn über die Regattastrecke. Issaka schaffte es, in 8:39,66 Minuten, rund 100 Sekunden langsamer als der Sieger.

"Es lief ganz gut", sagte er, "ich habe das Ziel erreicht." Schließlich sei er ja eigentlich Schwimmer. Jetzt will in seiner afrikanischen Heimat ein Ruderteam aufbauen: "Wir werden damit beginnen, wenn ich zurück bin. Wir müssen nur noch warten, bis wir eigene Boote haben."

SPIEGEL ONLINE stellt weitere Underdogs vor: eine Schwimmerin aus Lesotho, einen Sprinter von den Marshallinseln, eine Leichtathletin aus Saudi-Arabien und einen japanischen Dressurreiter, der zwar längst das Rentenalter erreicht hat, sich in London aber dennoch mit der Jugend der Welt misst.

Masempe Theko (Lesotho, Schwimmen, 50 Meter Freistil)

Schwimmerin Masempe Theko: 49,75 Sekunden für 50 Meter Freistil
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Schwimmerin Masempe Theko: 49,75 Sekunden für 50 Meter Freistil

Viel ist nicht bekannt über Masempe Theko, die Schwimmerin aus Lesotho. Auf der offiziellen Olympia-Homepage erfährt man, dass sie 25 Jahre alt ist und in London über 50 Meter Freistil an den Start geht. Angaben zu Größe und Gewicht: Fehlanzeige. Theko ist eine von vier Athleten, die das afrikanische Land zu den Spielen schickt - und die einzige Schwimmerin.

Aus der Datenbank des Weltschwimmverbands Fina geht hervor, dass Theko 2011 an den Weltmeisterschaften in Shanghai teilgenommen hat. 49,75 Sekunden über 50 Meter Freistil bedeuteten den letzten Platz - mehr als fünf Sekunden hinter der Vorletzten, der damals zwölf Jahre alten Rebecca Kpossi aus Togo.

Für ihren Olympia-Traum am kommenden Freitag hat Theko zuletzt im walisischen Wrexham trainiert. Der Coach des örtlichen Schwimmclubs zeigte sich begeistert: "Unsere Schwimmer haben davon profitiert, mit einer Olympiateilnehmerin zu trainieren. Für viele wird das eine einmalige Erfahrung bleiben." Die Mitglieder des Clubs haben sich jedenfalls vorgenommen, die Schwimmerin aus Lesotho bei ihrem Wettkampf kräftig anzufeuern.

Timi Garstang (Marshallinseln, Leichtathletik, 100 Meter)

Sprinter Timi Garstang (r.): 12,5 Sekunden für 100 Meter
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Sprinter Timi Garstang (r.): 12,5 Sekunden für 100 Meter

Unter den etwa 54.000 Einwohnern der Marshallinseln gibt es nur wenige Leichtathleten. Einer von ihnen ist Timi Garstang. Wenn der 25-Jährige zu seinem Vorlauf über 100 Meter im Londoner Olympiastadion antritt, werden ihn dort wohl gut 25.000 Zuschauer mehr bejubeln als sein Heimatland Einwohner hat. Garstang wird sich dann mit den besten Sprintern der Welt messen - nur wenige Wochen nach seinem ersten Wettkampf überhaupt. Seine Gefühle bei dem Gedanken daran, fasst er in einem Wort zusammen: "Nervös!"

Garstangs Bestzeit liegt bei 12,5 Sekunden. Damit ist er fast drei Sekunden langsamer als Usain Bolt bei dessen Weltrekord, und selbst zur Olympianorm fehlen ihm mehr als zwei Sekunden. Teilnehmen darf er trotzdem, dank einer der Wildcards, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) den kleinen Nationen zur Verfügung stellt. So können die Marshallinseln, die 2008 in Peking erstmals an Olympischen Spielen teilnahmen, insgesamt vier Athleten nach London schicken.

Die Trainingsbedingungen in dem Staat im Westpazifik sind katastrophal. Garstang muss auf einer Wiese in der Hauptstadt Majuro trainieren, die eher an eine Kuhweide erinnert als an eine Laufbahn. "Wenn du läufst, musst du ständig aufpassen, dass du dich nicht verletzt, weil du in ein Loch, zerbrochene Flaschen oder Exkremente von Tieren trittst", sagt er. "So kann man nicht mit Höchstgeschwindigkeit trainieren."

Um ihm eine gute Vorbereitung auf die Spiele zu bieten, finanzierte das IOC Garstang ein zweimonatiges Trainingslager in Australien. Dabei nahm er auch an den Ozeanien-Meisterschaften teil, war mit 12,56 Sekunden jedoch der langsamste Teilnehmer. "Es war trotzdem ein tolles Erlebnis, wir wurden wie Stars behandelt", sagt Garstang. "Jetzt will ich in London meine Bestzeit knacken."

Sarah Attar (Saudi-Arabien, Leichtathletik, 800 Meter)

Leichtathletin Sarah Attar: 2:40 Minuten für 800 Meter
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Leichtathletin Sarah Attar: 2:40 Minuten für 800 Meter

Die 800-Meter-Läuferin ist schon eine Gewinnerin, ehe ihr Wettkampf überhaupt begonnen hat. Denn die 17-Jährige schreibt Geschichte, weil sie einfach nur dabei ist. Sarah Attar darf Saudi-Arabien bei den Olympischen Spielen vertreten - als erste Frau neben Judoka Wojdan Ali Seraj Abdulrahim Shahrkhani. Damit werden in London erstmals in der Olympia-Geschichte alle Teams auch Frauen an den Start schicken.

"Es ist eine große Ehre, und ich hoffe, dass es den Frauen in Saudi-Arabien wirklich weiterhilft, mehr in den Sport involviert zu sein", sagt Attar. Denn was für Sportlerinnen aus anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, gleicht für Frauen aus dem islamischen Königreich einer Revolution. In ihrer Heimat dürfen sie weder Auto fahren noch in der Öffentlichkeit Sport treiben. Aber: Sie dürfen jetzt zu Olympia.

Attar ist in den USA aufgewachsen, studiert Kunst an der Pepperdine University, gehört dort zum Leichtathletik-Team - und tritt in ärmellosen Hemden und kurzen Hosen an. Für ihren Olympia-Traum wird sie in London lange Ärmel und Hosen sowie ein Kopftuch tragen müssen, um die Auflagen der sittenstrengen Saudi-Araber zu erfüllen.

Ihre Bestzeit steht bei 2:40 Minuten, für eine Medaille müsste sie wohl die Zwei-Minuten-Grenze unterbieten. Attar hat andere Ziele: "Ich hoffe, dass ich für die Frauen ein paar große Schritte gehe, damit sie mehr Sport treiben können."

Hiroshi Hoketsu (Japan, Reiten, Dressur)

Reiter Hiroshi Hoketsu: Mit 71 Jahren bei Olympischen Spielen
AP

Reiter Hiroshi Hoketsu: Mit 71 Jahren bei Olympischen Spielen

Hiroshi Hoketsu ist ein ungewöhnlicher Sportler - und gehört nicht zu den typischen Hinterbänklern. Mit 71 Jahren ist der Japaner für einen Olympiateilnehmer erstaunlich alt, der Älteste in London. Nur um gut ein Jahr schrammt der Dressurreiter damit am olympischen Altersrekord vorbei: Der wurde 1920 vom schwedischen Schützen Oscar Swahn aufgestellt, der in Antwerpen Silber gewann.

Hoketsu wird es nicht mal in die Nähe der Medaillenränge schaffen. Doch allein die Qualifikation für die Olympischen Spiele ist für ihn ein großer Erfolg, "um es prunkvoll auszudrücken: ein Wunder", so Hoketsu. Schon bei Olympia 1964 in Tokio ging er an den Start, als Mitglied der japanischen Springreiter-Equipe. Mit 42 Jahren sattelte er auf Dressur um - weil seine Augen nachließen und er die Distanzen zum nächsten Hindernis nicht mehr richtig abschätzen konnte.

Hoketsu arbeitete als Manager eines Pharmakonzerns. Erst als er 2003 in Rente ging, kam seine Sportkarriere noch einmal richtig in Schwung. Der Japaner wanderte nach Aachen aus, wird seitdem vom Niederländer Ton de Ridder trainiert. Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking reichte es immerhin zu Platz 35 unter 46 Teilnehmern. In Japan wir Hoketsu die "Hoffnung der alten Männer" genannt.

Mit Material von AFP und AP



insgesamt 20 Beiträge
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paretooptimal 30.07.2019
1. Schwacher DSB
Vielleicht zählen die Deutschen auch schon dazu, wenn man sich die ersten drei Tage ansieht. Es sollte ein Aufräumen in der Funktionärsebene und eine Überprüfung der Trainerleistungen erfolgen.
niepmann 30.07.2012
2. Positives
Zitat von paretooptimalVielleicht zählen die Deutschen auch schon dazu, wenn man sich die ersten drei Tage ansieht. Es sollte ein Aufräumen in der Funktionärsebene und eine Überprüfung der Trainerleistungen erfolgen.
Es ist wichtig, die hier beschriebene sympathische Seite des Big business Olympia nicht aus den Augen zu verlieren. Schliesslich demonstrieren gerade die Aussenseiter, wie man die olympische Idee zu verstehen hat. Weder die Geschäftemacher noch die aufgeblasene Funktionärsclique wird je dazu in der Lage sein.
spongie2000 30.07.2012
3. Nachdenklich
Zitat von paretooptimalVielleicht zählen die Deutschen auch schon dazu, wenn man sich die ersten drei Tage ansieht. Es sollte ein Aufräumen in der Funktionärsebene und eine Überprüfung der Trainerleistungen erfolgen.
Vielleicht, aber nur vielleicht liegt es an anderen Tatsachen. Vielleicht liegt es daran, dass Deutschland lieber seine Armen ernährt, statt überdimensionierte Sport-Kasernen zu bauen. Vielleicht liegt es daran, dass in Deutschland die Sportler frei genug sind, jederzeit aufzuhöre, wenn es ihnen nicht passt oder sich mit den Trainern anlegen, wenn diese den Bogen überspannen. Vielleicht kümmert sich Deutschland auch einfach am Meisten um die Anti-Doping Gesetze. Wie es auch sei, wenn ich Sportler wäre, wäre ich am liebsten ein deutscher Sportler.
ichliebeeuchdochalle 30.07.2012
4. Galgenhumor
Konsulat von San Marino. Klopf-Klopf-Klopf. Bediensteter öffnet die Tür. Draußen Tausende Deutsche. "Was möchten Sie, bitte?" Sprecher der Deutschen antwortet: "Wir wollen die Nationalität von San Marino annehmen!" Konsulats-Bediensteter: "Warum das denn?" Sprecher der Deutschen: "Dann ist es uns egal, wieviel Olympia Medaillen die Deutschen holen!"
Strg+C 30.07.2012
5. Tag 3
Zitat von paretooptimalVielleicht zählen die Deutschen auch schon dazu, wenn man sich die ersten drei Tage ansieht. Es sollte ein Aufräumen in der Funktionärsebene und eine Überprüfung der Trainerleistungen erfolgen.
In einem anderen Forum wurde ein ähnlicher Kommentar abgegeben. Unter der Tatsache, dass eine Vielzahl von Sportlern noch nicht angetreten sind und ihr Auftritt noch kommt, finde ich diese Kommentare irgendwie typisch deutsch und schade. Hauptsache mal auf die eigenen Leute gemotzt und gehauen. Wir sind nun einfach keine Nation, die es mit den USA und China aufnehmen kann. Und auch wenn unsere Sportler hier und da enttäuschten, das sind Menschen und auch die haben schlechte Tage und es gibt ja da auch noch die Gegner, die mal über sich hinaus wachsen können. Wären alle Sportler nur noch ein Phelps oder Lochte, Sport wäre so langweilig.
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