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Onkel Dittmeyers Traum

Ortstermin: Er wollte Deutschland einen Saft schenken - aus und vorbei.
aus DER SPIEGEL 32/2001

Rolf H. Dittmeyer betritt sein Arbeitszimmer, und einen Moment lang will er sich hinter seinem Schreibtisch verschanzen, doch dann überlegt er es sich anders und setzt sich in einen Sessel. Das Gespräch ist nicht einfach für ihn. Sein rechter Fuß wippt nervös. Die linke Hand sucht Halt an der Lehne.

Er habe keine Ahnung, sagt er, wie viele Leute ihn damals warnten, die Finger von diesem Geschäft zu lassen. Er weiß nur noch, was sie prophezeiten. Das wird zu teuer. Das geht in die Hose. Du bist zu alt. Aber das kümmerte ihn nicht, denn er ist nicht irgendwer, er ist Rolf Dittmeyer, Onkel Dittmeyer, der Mann mit dem Sonnenhut, der Kindern in Werbespots erklärte, warum es nur eine Alternative zu frisch gepresstem Orangensaft gebe: »Valensina, Dittmeyers Valensina«. Und er wurde reich, weil er nicht viel auf die Meinungen anderer Menschen gibt, sondern weil er sich auf seine Erfahrungen verlässt und auf seine Instinkte, die ihn bis zu diesem Zeitpunkt nur sehr selten im Stich gelassen haben. Und das will etwas heißen, denn in dem Moment, als Dittmeyer das Geschäft abschließt, vor dem ihn alle warnen, ist er 77 Jahre alt.

Vor drei Jahren kaufte Dittmeyer dem amerikanischen Konsumgüterkonzern Procter & Gamble (Pampers, Ariel, Meister Proper, Blendax) Valensina wieder ab. Dittmeyer kaufte keine Fruchtsaftfabrik, er kaufte nur den Namen - und bezahlte dafür 41 Millionen Mark, die er sich zum großen Teil von Banken geliehen und für die er eine Hypothek aufgenommen hatte. Dann stellte er eine Orangensaftfabrik in einen Schuppen im Bremer Europahafen, schuf 50 Arbeitsplätze und tat das, was er am besten kann. Saft machen. Damals glaubte er, das sei eine gute Idee.

Heute blickt er durchs Fenster auf einen einen frisch manikürten Rasen und sagt: »Ich habe damals zu emotional reagiert.« Pause. »Das war ein Fehler.« Noch eine Pause. »Ich war wirklich nicht mehr jung genug.« Dittmeyer sitzt sehr gerade, als er diese Sätze sagt. Er ist jetzt 80 Jahre alt. Am Dienstag vergangener Woche meldete die Rolf H. Dittmeyer KG ihre Zahlungsunfähigkeit.

Dittmeyer hat schon früher Niederlagen erlebt. Am Anfang seiner Karriere, in den Sechzigern, ging er fast Pleite, weil er den Deutschen getrockneten Saft in Tüten verkaufen wollte. Dann enteignete der marokkanische Staat eine Fabrik, und 1984, nach einem Hörsturz, war Dittmeyer gezwungen, Valensina und Punica, die beiden Säfte, die er erfunden hatte, an Procter & Gamble zu verkaufen. Keine dieser Niederlagen war so niederschmetternd wie das Bekanntgeben der Insolvenz in der vergangenen Woche. Denn in den vergangenen Jahrzehnten besaß Dittmeyer die Zeit und die Kraft, eine Niederlage doch noch in einen Erfolg zu verwandeln, aber das klappt jetzt nicht mehr. »Das ist das Allerschlimmste«, sagt er, »das mir so etwas am Ende meines Lebens passieren muss. Aber ich bin selbst schuld.« Dittmeyer spricht diese Sätze nicht weinerlich mit fadendünner Stimme, sondern sehr fest und sehr sachlich, und allein das verdient Respekt.

Dittmeyer ist ein altmodischer Unternehmer, der Menschen schätzt, die mit ihrem Vermögen haften für das, was sie tun. Er wuchs auf in einem Haus, in dem Anstand und Ordnung und Sparsamkeit heilig waren, und er hat es geschafft, das Arsenal deutscher Sekundärtugenden in das 21. Jahrhundert hinüberzuretten, weil ihm diese Werte die Koordinaten liefern, an denen er sein Leben ausrichtet. Die moderne Wirtschaft, die New Economy, der Aktienhype und seine Implosion sind ihm fremd, und er interessierte sich nicht mehr als nötig dafür, aber vor den Auswüchsen der globalisierten Wirtschaft, vor ihrem Markenfetischismus, schützte ihn das nicht. Er scheiterte mit Valensina nicht allein wegen seines Alters, sondern weil er gezwungen war, 41 Millionen Mark zu zahlen für das Recht, den Namen wieder zu benutzen, den er zur Marke gemacht hatte.

Dittmeyer wollte etwas Großes schaffen. Er wollte Deutschland einen Saft schenken. Den besten Orangensaft der Welt. Tagelang stand er in Supermärkten herum und sprach mit Kunden, er suchte bessere Orangen, bessere Verfahren, bessere Mitarbeiter, er kaufte Plantagen, weil er mit der Qualität der fremden Ware nicht zufrieden war. Mit einem Tunnelblick hetzte er über 40 Jahre um die Welt und blendete alles aus, was ihn von seinem Ziel ablenken könnte. Und natürlich warb für seinen Saft kein Schauspieler, sondern er selbst hielt die Flasche hoch, was ihn zur Kultfigur machte und zum Hassobjekt.

»Tötet Onkel Dittmeyer«, sangen drei Punks aus Osnabrück, machten ihn zum Päderasten und landeten einen Hit. Schlimmer waren die Drohungen, die er danach erhielt: »Leute wollten mich umbringen«, glaubt er. Und als bei seinem Nachbarn zwei Burschen mit einer Waffe in der Hand klingelten und sich verdrückten, als sie sahen, dass sie vor der falschen Tür standen, ließ Dittmeyer einen Wall um sein Haus aufschütten und einen doppelten Zaun ziehen.

Da steht er nun auf dem Rasen seines Grundstücks in Hamburg-Rissen mit einer Flasche Valensina in der Hand und fragt sich, wie er nun seine Zeit verbringen soll. Er wird nicht arm werden, er besitzt fünf Orangenplantagen in Andalusien. Dort wird er oft sein. Und er wird jetzt leben, sich um die Maulwürfe kümmern, die den Rasen aufwühlen. Er vertreibt sie mit vibrierenden Zylindern, die in der Erde stecken. Bald sieht der Rasen wieder ordentlich aus. UWE BUSE

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