"Du bist mir zu dick!": Wie diskriminierend ist das schwule Online-Dating?

Dieser Beitrag wurde am 12.08.2020 auf bento.de veröffentlicht.

"Keine Schwarzen, keine Asiaten" – immer wieder kann man auf Profilen in schwulen Dating-Portalen solche Slogans lesen, mit denen Nutzer deutlich mitteilen, dass sie bitte nur von Weißen angeschrieben werden wollen. Bis vor kurzem gab es auf den meisten Portalen noch Filter, mit denen man Schwarze oder Asiaten gar einfach ausblenden konnte – genauso wie etwa dicke oder ältere Menschen. 

Lange wurden die Ethnien-Filter als rassistisch kritisiert, doch erst mit der "Black Lives Matter"-Bewegung schaffte die internationale schwule Online-App Grindr diese Option ab. Das europäische Portal "Planetromeo", mit laut eigenen Angaben etwa zwei Millionen Nutzern, hält an seinem Filter fest, will ihn stattdessen aber lieber "Suche" nennen. "Europäer" und "Asiate", "Südländer" oder "Araber" sind die Kategorien, in die Nutzer sich hier einteilen können. Laut Planetromeo werde der Filter eher benutzt, um speziell nach einer präferierten Ethnie zu suchen – weniger, um bestimmte Ethnien auszuschließen (Planetromeo ). 

Wie diskriminierend ist das schwule Online-Dating? Das fragen wir Richard Lemke, 35, Experte für Internetsexualität und Online-Dating, der auch speziell zu schwulem Dating-Verhalten forscht. 

bento: Ist es diskriminierend, ganze Ethnien beim Online-Dating wegzufiltern – oder lässt sich das noch mit "Vorlieben" rechtfertigen?

Richard: Natürlich haben diese Filter etwas Ausgrenzendes: Sie klammern ganze Personengruppen anhand eines Merkmals aus. Aber das ist etwas, was im Offline-Dating auch stattfindet. Diskriminierung geht für mich aber über die Frage nach der erotischen Anziehung hinaus: Es ist etwas anderes, ob man bei seiner Suche bestimmte Menschen rausfiltert – da müssen wir gar nicht bei Ethnien bleiben, manche nutzen ja auch Alters- oder Gewichtsfilter – oder ob ich das auch laut auf meinem Profil kommunizieren muss: Nach dem Motto "Nur Heterolike!" Denn da wird aus einer erotischen Vorliebe schon eine Entwertung, nur aufgrund eines Merkmals. Diese Entwertung verdient dann durchaus das Label eines der verschiedenen -Ismen: Rassismus, Ageismus und so weiter.

Fällt es Menschen leichter das online auszusprechen statt offline?

Na klar. Es ist viel einfacher, das auf sein Profil zu schreiben, als in eine Bar zu treten und rumzuschreien: "Übrigens, Dicke und Alte sprechen mich gar nicht an!" Natürlich passiert es auch in einer Bar, dass man einem Verehrer einen Korb gibt – aber in den seltensten Fällen würde man sagen: "Ich stehe leider nicht auf Alte" oder "Du bist mir zu dick". Im individuellen Gespräch würde man einfach "Nein, danke" sagen und das nicht weiter erklären. Online scheint es für manche Menschen schon zu viel zu sein, überhaupt von einer älteren oder dickeren Person angeschrieben zu werden.

Neben Rassismus gibt es online also auch noch andere Formen der Diskriminierung – du hast Alters- und Körperdiskriminierung angesprochen. Wenn Grindr den Ethnien-Filter abschafft, müssten dann nicht auch die anderen Filter weg?

Sexualwissenschaftlich bringt uns das zu einer Frage, die schon durch MeToo erneut aufkam: Wie korrekt ist sexuelles Begehren? Das ist es nämlich in den seltensten Fällen. Wenn man diese Diskussion führen will und sagt: Unsere Suchoptionen sind ausgrenzend und unser Ideal ist es, dass Menschen ihre Erotik am Gesamteindruck festmachen, dann müsste man tatsächlich alle Kategorien abschaffen. Das wäre das Prinzip von Tinder: Kaum Angaben, bis auf das Alter. Und es gibt nur fünf oder sechs Bilder. Damit wäre das Problem des Bodyshamings oder die Fixierung aufs Äußere noch immer nicht gelöst. Ich weiß aber nicht, ob das funktioniert. 

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Wenn du die Filterlosigkeit bei Tinder ansprichst, fällt auf: Die Portale, die Filter haben oder hatten, scheinen eher die schwulen Portale zu sein. Ist die Diskriminierung im Online-Dating also ein speziell schwules Problem? 

Man darf die Frage der Diskriminierung nicht nur unter der Perspektive des "Wegsortierens" betrachten, sondern auch unter der Perspektive "aktiv suchen". Dahinter steckt eine Fetischisierung von bestimmten Merkmalen, die in der schwulen Community tatsächlich weit verbreitet ist – etwa bei der Variable Alter, wenn man bedenkt, wie hoch erotisch besetzt und fetischistisch aufgeladen diese Sohn-Daddy-Konstellation ist. Auch dahinter kann ja ein Ageismus stecken, der in dieser Form sexuell umgeformt und ausgelebt wird.

Eigentlich ist die schwule Community als gesellschaftliche Minderheit selbst auf die Toleranz anderer angewiesen. Wie kann es also sein, dass Diskriminierung innerhalb der Community trotzdem so verbreitet scheint?

Diese Erwartung ist natürlich romantisch: Dass Menschen, die eigentlich auf die Akzeptanz einer Mehrheitsgesellschaft angewiesen sind, gerade selbst tolerant eingestellt sein müssten. Das trifft aber bei weitem nicht auf alle zu – es gibt ja einige Beispiele von sehr wenig toleranten Schwulen und Lesben etwa aus dem rechten Milieu. Da muss man aber differenzieren zwischen Dating und dem sonstigen Verhalten: Wenn jemand beim Dating bestimmte Ethnien als Sexualpartner ausschließt, lässt sich daraus nicht zwangsweise schließen, dass er sich im sonstigen Leben diesen gegenüber auch abgrenzend und ausgrenzend verhält. 

Was lässt sich gegen diese Diskriminierung auf Dating-Profilen tun? 

Einerseits braucht es da immer weiter Aufklärungsarbeit und Gegenstimmen in der Community: Menschen, die so diskriminierende Zeilen im Profil stehen haben, muss klar sein, dass das ein Klima der Ausgrenzung schafft, das wir in der Community nicht haben wollen. Andererseits sind natürlich Offline-Events wie CSD-Veranstaltungen weiterhin wichtig. Da kommt es auch manchmal zu Lusterfahrungen, die man online nie gemacht hätte, einfach weil das Profil durch den Altersfilter gefallen wäre. Da versperrt das Online-Dating so manche überraschende Erotik.

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