Opfer der Hexenverfolgung Im Namen des Praetorius

Dortmund, Münster und jetzt Köln: Viele Städte beschäftigen sich plötzlich mit den Opfern von Hexenverfolgungen. Vor allem Hartmut Hegeler ist dafür verantwortlich, der Pfarrer kämpft für die Ehre der Hingerichteten. Er folgt dem Beispiel eines Mannes, der vor 400 Jahren starb.

DPA

Von , Lippstadt


Hartmut Hegelers Stimme bebt. Er reißt seine Arme hoch, wenn er vom Teufel spricht, von all dem Irrsinn, der Zehntausenden Menschen das Leben kostete.

Es ist ein Donnerstagnachmittag Anfang Februar im Gemeindesaal der Christopheruskirche Lippstadt-Lipperbruch. Der evangelische Seniorenstammtisch hat den 65 Jahre alten Hegeler eingeladen, von der Hexenverfolgung zu erzählen und von einem, der gegen sie ankämpfte: Anton Praetorius.

Hartmut Hegeler und Anton Praetorius: Zwei Männer im Dienst des Herrn, der eine lebt in Unna, der andere starb vor fast 400 Jahren in Laudenbach südlich von Frankfurt am Main. Wie Praetorius ist Hegeler ein evangelischer Pfarrer, mittlerweile ist er pensioniert. Beide eint ihre Mission: Der Kampf für die Opfer der Hexenverfolgung.

Hegeler, schmale Lippen, hellblaue Augen, spricht nicht nur mit beschwörender Gestik von einer Zeit, in der Menschen andere dem Henker auslieferten, weil sie von Werwölfen hörten und von Zauberei. "Kennen wir das nicht?", fragt er die rund 25 Senioren und wirkt dabei, als stünde er auf einer Kanzel, nicht neben einem Beamer. Auch heute würden Gerüchte Menschen zerstören. Das ist Hegelers Botschaft, Mobbing treibe schließlich manchen Jugendlichen in den Selbstmord.

"Praetorius riskierte alles, der muss gebrannt haben"

Nicht nur hier im Gemeindesaal steht das Thema Hexenverfolgung auf der Agenda. Städte wie Dortmund und Münster beschäftigen sich in diesen Monaten mit Menschen, die wegen vermeintlicher Zauberei hingerichtet wurden, mit Bürgerinnen und Bürgern, die seit Jahrhunderten tot sind. Deren Schicksale waren lange nur Stadtarchivaren und Historikern bekannt, sie beschäftigten kaum einen und schon gar nicht politische Gremien. Und ohne Hartmut Hegeler wäre es meist auch dabei geblieben.

Es begann mit vier Mädchen einer 12. Klasse, Hegeler arbeitete als Religionslehrer in einem Berufskolleg. Sie wollten mehr über die Hexenverfolgung wissen, als er ihnen erzählen konnte. In einem Museum sah er sich eine Ausstellung an, im Katalog stieß er auf einen Namen: Anton Praetorius. "Ein Westfale gegen die Folter" stand dort, darunter zwei Absätze über sein Leben und Wirken. Warum so wenig?, fragte sich Hegeler und ging ans Werk.

Er recherchierte in Stadtarchiven und Bibliotheken, suchte nach Spuren von Praetorius, las Gerichtsakten, "da lief es mir eiskalt den Rücken herunter".

Hegeler kennt unzählige Hexenprozesse - doch von einem erzählt er, als könne er dessen Ausgang noch immer nicht glauben: In Birstein bei Frankfurt waren 1597 vier Frauen angeklagt, sie wurden beschuldigt, Menschen, Tiere und das Wetter verhext zu haben. Mitglied des Gerichts war Anton Praetorius.

Der Pfarrer, so viel lässt sich rekonstruieren, muss die Richter mit einer wütenden Rede bedrängt haben, von der Folter abzusehen und die Frauen leben zu lassen. Ein Vermerk der gräflichen Kanzlei hält schließlich fest: "Weil der Pfarrer alhie hefftig dawieder gewesen, das man die Weiber peinigte, alß ist es dißmahl deßhalben underlaßen worden."

"Das muss man sich mal vorstellen", sagt Hegeler, "Praetorius riskierte alles, der muss gebrannt haben." Der Prozess wurde abgebrochen, eine Sensation, entging doch sonst nur derjenige der Hinrichtung, der die Folter überstand, ohne zu gestehen. Daumen- und Beinschrauben quetschten freilich aus beinah jedem das heraus, was die Richter und Henker hören wollten. Und es sollte nicht die einzige Revolte des Praetorius bleiben.

Die Angst war größer als der Glaube

Hegeler sorgt dafür, dass Praetorius' Einsatz bis heute nachwirkt. Er ist es, der darauf drängte, dass sich nun auch Köln in diesen Tagen entscheiden muss, ob Opfer von Hexenverfolgungen sozial-ethisch rehabilitiert werden sollen. Eine juristische Rehabilitation ist nicht möglich, da die Urteile gemäß der damals geltenden Rechtsordnung fielen, ohnehin ist die Rechtsnachfolge schwer zu rekonstruieren. An diesem Montag wird der Ausschuss für Anregungen und Beschwerden der Stadt beraten.

Der Pfarrer hatte den Antrag selbst gestellt, eine Ausnahme, sonst vertraut er auf die aufklärende Wirkung seiner Vorträge. "Das Saatgut vorbereiten und gut zerstreuen", so pastoral nennt Hegeler das. Für gewöhnlich sorgt er aber auch noch für die Bewässerung: Als es hinter den Fenstern des Gemeindesaals in Lippstadt-Lipperbruch dunkel geworden ist, übergibt Hegeler einen Brief, adressiert an den Bürgermeister, nur die Unterschrift fehlt noch.

"Bürgerantrag nach § 24 Gemeindeordnung NRW zur Rehabilitation der Opfer der Hexenprozesse in Lippstadt" steht darüber, es folgt eine Auflistung von Hexenprozessen in Lippstadt verbunden mit der Bitte, die Ehre der Verurteilten wiederherzustellen. Gut möglich, dass der Bürgermeister demnächst Post bekommt.

Hegeler sagt, er habe inzwischen mehr als hundert Vorträge gehalten, manchmal sei er danach als "Herr Praetorius" angesprochen worden, er sagt das, als habe er etwas erreicht.



insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
Simax 13.02.2012
1. Ein wirklich dringendes Problem angepackt !
Zitat von sysopDPADortmund, Münster und jetzt Köln: Viele Städte beschäftigen sich plötzlich mit den Opfern von Hexenverfolgungen. Vor allem Hartmut Hegeler ist dafür verantwortlich, der Pfarrer kämpft für die Ehre der Hingerichteten. Er folgt dem Beispiel eines Mannes, der vor 400 Jahren starb. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,814460,00.html
Bravo ! Darüber läßt sich als Evangele dann auch prächtig wettern.! Ohne Risiko. Wie wär`s denn mit den 30% der deutschen Bevölkerung die während des 30- jährigen Krieges abgeschlachtet wurden ? Garniert mit etwas Schwedentrunk ? Was für ein Betroffenheitstheater. Die bebende Empörung sollte sich z.B. mal nach Saudi - Arabien richten. Dort werden sie in Kürze einen Mann hinrichten der per Twitter an der Allmacht Gottes zweifelte. Ausgeliefert mit Hilfe von Interpol. Da kann man sich ganz gegenwärtig und akut drüber aufregen !
muwe6161 13.02.2012
2. Selig sprechen...
Trotz, oder gerade wegen der Tatsache das die meisten Hexen und Ketzer von weltlichen Gerichten ermordet wurden sollten die Opfer im Zuge einer Messe vom Vatikan seelig gesprochen werden.
gugugy 13.02.2012
3. Selbstbeweihräucherung
Zitat von sysopDPADortmund, Münster und jetzt Köln: Viele Städte beschäftigen sich plötzlich mit den Opfern von Hexenverfolgungen. Vor allem Hartmut Hegeler ist dafür verantwortlich, der Pfarrer kämpft für die Ehre der Hingerichteten. Er folgt dem Beispiel eines Mannes, der vor 400 Jahren starb. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,814460,00.html
Für mein Verständnis ist das Selbstbeweihräucherung, basierend auf dem kollektiv schlechten Gewissen von einigen wenigen Christen - vorbei an der Not heute lebender, fälschlicherweise Angeklagter. Was folgt nun nach der Rehabilitierung der vor 400 Jahren Hingerichteten? Wahrscheinlich nichts, wenn sich die Gläubigen hinreichend reingewaschen haben, außer, dass sie sich dann ungestört und scheinheilig ihrem Glauben hingeben können.
kl1678 13.02.2012
4.
Schön und gut die Arbeit der Herren Praetorius und Hegeler. Aber trotzdem hätte die Vanessa Kessler das über die angeblich einseitige Berichterstattung über die Gadaffis nicht sagen dürfen.
Schlumperli 13.02.2012
5. Gut
Zitat von sysopDPADortmund, Münster und jetzt Köln: Viele Städte beschäftigen sich plötzlich mit den Opfern von Hexenverfolgungen. Vor allem Hartmut Hegeler ist dafür verantwortlich, der Pfarrer kämpft für die Ehre der Hingerichteten. Er folgt dem Beispiel eines Mannes, der vor 400 Jahren starb. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,814460,00.html
Gut, wichtig und überfällig, daß dieses dunkle Kapitel des Christentums aufgearbeitet wird. Wäre schön, wenn andere Religionen die Verbrechen der Vergangenheit genauso aufarbeiten würden - und auch die der Gegenwart. Nur ein paar Artikel darüber lesen wir, daß ein Mohammed-kritischer Journalist als "Terrorist" und "Blasphemiker" hingerichtet werden soll. Warum ist dort (Verbechen des Islam) keine Kommentarfunktion freigeschaltet, aber hier (Verbrechen des Christentums) schon ?
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