Opfer eines Atomtests Fluch der Strahlen

Seine Haut schlug Blasen, Haare fielen büschelweise aus: Wovor Japaner sich jetzt fürchten, hat Matashichi Oishi erlebt. "Todesasche" fiel nach der Zündung einer Wasserstoffbombe im Bikini-Atoll auf sein Fischerboot. Fortan wurde er wie ein Aussätziger behandelt.
Matashichi Oishi: "Ich, der bislang weggelaufen ist, muss jetzt reden"

Matashichi Oishi: "Ich, der bislang weggelaufen ist, muss jetzt reden"

Wenn es um den Wind geht, hört Matashichi Oishi genau zu. Drei Stunden jeden Tag sitzt er vor dem Fernseher in seiner Wohnung in Tokio und schaut Nachrichten, mindestens. Er fühle mit den Opfern, sagt er. Er war selbst ein Opfer vor mehr als 50 Jahren. Auch vom Wind hängt es jetzt ab, ob Matashichi Oishi, 77, ein zweites Mal in seinem Leben verstrahlt wird.

Oishi sagt, er habe die Katastrophe erwartet, seit sie das erste Kernkraftwerk in seinem Land bauten, dem Erdbebenland. Oishi sagt, er habe gewarnt.

Zu Hause hängt sein Leitspruch an der Wand: "Ich, der bislang weggelaufen ist, muss jetzt reden." Also redet Oishi, ein älterer Herr mit sorgsam aus der Stirn gekämmtem Haar, vor Schulklassen, er redet über Atomenergie, über Radioaktivität, und über jenen Tag im Jahr 1954, als die "Todesasche" auf ihn regnete. Oishi arbeitete auf dem japanischen Fischerboot "Glücklicher Drache", als 160 Kilometer weiter, beim Bikini-Atoll, eine amerikanische Wasserstoffbombe namens "Bravo" explodierte.

20 Jahre war Oishi damals alt, Gefriergeselle nannte sich sein Job auf der "Fukuryu Maru". Er musste dafür sorgen, dass der Fang nicht verdarb. Oishi machte seinen Job gut, selbst als dieses weiße Zeug vom Himmel fiel, das bald die Schiffsplanken bedeckte, das er auf der Haut, an den Lippen, auf der Zunge spürte. Er arbeitete weiter, als seine Augen anfingen zu jucken, als die anderen über Schwindel, Kopfschmerz, Durchfall klagten. Er hielt den Fisch kühl, als er die Blasen an den Handgelenken, den Knöcheln und der Hüfte entdeckte, und auch, als ihm das Haar büschelweise ausfiel.

Er wusste nicht, noch nicht, weshalb sich am 1. März 1954 plötzlich das Meer und der Himmel orangerot gefärbt hatten. Dass es ein teuflischer Test im Pazifik war. Nach seiner Heimkehr in die japanische Hafenstadt Yaizu gab er einen Teil des Thunfisches seinen Nachbarn.

Öffentliche Anteilnahme, private Ausgrenzung

Jedes Mal, wenn sie jetzt über verstrahlten Spinat und kontaminiertes Meerwasser im Fernsehen reden, muss Oishi an damals denken, als japanische Wissenschaftler mit dem Geigerzähler über die Fischmärkte gingen und es bei jedem Geräusch hieß: Der Fisch weint. Oishi isst noch Fisch, aber nur den von der südlichen Nachbarinsel Kyushu, Milch trinkt er keine mehr. Er hält sich an die Anweisung der Regierung, nicht aus Panik die Regale leerzukaufen. Nur ein paar zusätzliche Fleisch- und Mandarinenkonserven hat er besorgt und etwas Brot, Vorrat für zwei Tage. Er sagt, wenn er zu viel kaufe, hätten die anderen nichts mehr. Und er sagt: "Ich bin schon alt. Es kommt nicht wirklich darauf an, wann ich sterbe."

Viele der 23 Crewmitglieder der "Fukuryu Maru" sind heute tot, der Funker starb noch damals im Krankenhaus. Oishi erlebte, was schon die Atombombenopfer von Hiroshima und Nagasaki erlebt hatten: öffentliche Anteilnahme und private Ausgrenzung. Dutzende Genesungswünsche trafen aus ganz Japan in der Klinik ein, aber Oishi weiß noch, wie zu der eigenen Angst vor der Strahlenkrankheit die Scham und die Demütigung kamen. Sie, die als junge, gesunde Männer in See gestochen waren, wurden nach ihrer Rückkehr in die Heimat wie Aussätzige behandelt.

Niemand ging mehr in das Badehaus, das sie besucht hatten. Die Kellnerinnen des Restaurants, in dem sie gegessen hatten, bekamen Angst und vor allem die Prostituierten, die mit den Fischern von der "Fukuryu Maru" zusammengewesen waren.

Oishi glaubt, dass mögliche Strahlenopfer es heute leichter hätten als er selbst. Die Menschen wüssten einfach besser über das Thema Bescheid; damals dachten sie noch, die Strahlenkrankheit sei ansteckend. Aber Oishi sagt auch: "Jetzt haben die Leute noch Mitleid, aber sie werden Distanz halten zu den Menschen aus Fukushima."

Freundinnen verließen Oishi

Drei Jahre lang dauerte es damals, bis Oishi eine Frau fand, die ihn heiratete. Wieder und wieder hatten ihn seine Freundinnen verlassen, als sie erfuhren, dass sie mit einem Verstrahlten ausgingen. Seine jetzige Ehefrau hatten ihm Verwandte vorgestellt. Sie wusste wenig über Radioaktivität, sagt Oishi. Sie habe erst in den Medien etwas darüber gelernt. Ob sie jemals an Scheidung dachte? Vielleicht, sagt Oishi. Aber sie habe nie davon gesprochen. Oishis erster Sohn wurde tot geboren.

Heute ist Oishi sogar Großvater, doch der Fluch der Strahlung wirkt über Generationen, dreimal platzte die Hochzeit der Tochter, als die Familie des Bräutigams von Oishis Vergangenheit erfuhr. Niemand wollte das Risiko eingehen, die Kinder mit Erbschäden zu belasten.

Würde er selbst denn anders reagieren, wenn sich seine Tochter heute in einen Mann aus Fukushima verlieben würde? Das sei ihre Privatsache, sagt Oishi. Er würde sie nicht daran hindern.

Gespendet hat er noch nichts für die Opfer, auch keine Trostbriefe verfasst. Man könne auch nicht einfach als Freiwilliger losziehen, um im Katastrophengebiet Gutes zu tun, sagt er. Ohne Ausbildung, glaubt er, würde man da noch mehr Unheil anrichten.

Aber Oishi wird weiter reden über die atomare Verseuchung. Oishis Trauma kennt keine Halbwertszeit.

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