Organisiertes Verbrechen in der EU Kriminelle Netzwerke profitieren von der Pandemie

Gefälschte Impfstoffe, Kokain, Geldwäsche: Die Polizeibehörde Europol warnt vor einem Erstarken der organisierten Kriminalität in der Coronazeit.
Foto: Yuriko Nakao / Getty Images

Das organisierte Verbrechen breitet sich laut einem Bericht von Europol immer weiter in der Europäischen Union aus. Noch nie sei die EU und seine Bürger so bedroht gewesen, warnte die europäische Polizeibehörde in einer in Lissabon vorgelegten Analyse .

Die Gefahr sei groß, dass Kriminelle die Coronakrise mit der wirtschaftlichen Rezession sowie die Ängste der Menschen ausnutzen würden. Dies könnten »ideale Bedingungen« für Verbrecher sein, Bürger, Unternehmen und öffentliche Instanzen ins Visier zu nehmen, heißt es in dem 87 Seiten langen Bericht.

Zunächst habe sich dies im Handel mit gefälschten Masken und Desinfektionsmitteln gezeigt. »Nun nimmt der Handel mit gefälschten Impfstoffen und Tests zu«, sagte Europol-Direktorin Catherine De Bolle. Gefälschte Vakzine stellten eine Gefahr für die Gesundheit dar und dürften auf keinen Fall in den Umlauf kommen.

Mit der Coronapandemie nahm laut Europol auch die Cyberkriminalität zu. Im Januar sei die Malware Emotet stillgelegt worden, durch die die bislang »gefährlichste« Cyberattacke der Welt durchgeführt worden war.

Milliardengewinne im Kokainhandel

Die umfassende Analyse basiert auf Tausenden Fällen und Daten, die Ermittler und Sicherheitsdienste in der EU erhoben haben. 70 Prozent der Banden und Netzwerke seien in mindestens drei EU-Staaten aktiv, heißt es in dem Bericht. Gut 40 Prozent der Banden sind demnach im Drogenhandel aktiv, das weitaus größte kriminelle Geschäft in der EU.

Dem Bericht zufolge wurde eine »noch nie dagewesene Mengen von Kokain« aus Lateinamerika in die EU geschmuggelt. Daraus erlösten Kriminelle in Europa und Südamerika Milliardenbeträge.

Die Reinheit des nach Europa geschmuggelten Kokains sei auf dem »höchsten jemals festgestellten Niveau«, heißt es bei Europol weiter. Die Behörde wies zudem darauf hin, dass allein bei einer Razzia der niederländischen und deutschen Polizei Ende Februar 23 Tonnen Kokain beschlagnahmt worden seien.

Kriminelle Netzwerke infiltrieren legale Wirtschaft

Die Analyse legt offen, wie sehr die Unterwelt mit der legalen Welt verwoben ist. Mehr als 80 Prozent der kriminellen Netzwerke nutzen demnach legale Geschäftsstrukturen und sind selbst wie Wirtschaftsunternehmen organisiert, mit verschiedenen Managementebenen.

Die organisierte Kriminalität kontrolliert direkt legale Geschäftsstrukturen oder infiltriert sie. Dem Bericht zufolge sind alle legalen Wirtschaftsstrukturen potenziell anfällig dafür, durch kriminelle Organisationen übernommen zu werden. Mehr als 60 Prozent der Banden nutzten auch Korruption als Mittel.

»Paralleles Untergrund-Finanzsystem«

Die organisierte Kriminalität unterwandert gezielt europäische Volkswirtschaften. »Das Ausmaß und die Komplexität der Geldwäsche-Aktivitäten in der EU sind unterschätzt worden«, heißt es in dem Bericht. Professionelle Geldwäscher hätten ein »paralleles Untergrund-Finanzsystem« geschaffen, um Transaktionen und Zahlungen fernab des legalen Finanzsystems und damit jeder Kontrolle und Nachverfolgbarkeit durchzuführen.

Das organisierte Verbrechen macht innerhalb der EU und pro Jahr laut Schätzungen von Europol einen Profit von 140 Milliarden Euro. Nur ein Prozent der Vermögenswerte aus kriminellen Handlungen würde von Ermittlern aufgespürt und konfisziert.

Brutale und willkürliche Gewalt

Besorgniserregend für alle Bürger in der EU: Gewaltsame Übergriffe scheinen häufiger vorzukommen – und sie werden dem Bericht zufolge auch immer brutaler. Immer häufiger kämen Waffen oder Sprengstoff in der Öffentlichkeit zur Anwendung: »Kriminelle wenden wahllos Gewalt an und nehmen Opfer unabhängig von ihrer Bedeutung oder eine mögliche Verwicklung ins Visier. Dabei nehmen sie oft in Kauf, dass unbeteiligte Zuschauer Schaden erleiden.«

ala/dpa/AFP