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Ehepaar Sommer streitet über Organspenden "Meine Frau sagt: 'Ich würde widersprechen, wenn man deine Organe entnehmen will'"

Der frühere DGB-Chef Michael Sommer, 67, hat seiner Frau Ulrike, 61, eine Niere gespendet. Er ist für die postmortale Organspende - sie ist dagegen.
aus DER SPIEGEL 4/2019
Ehepaar Sommer

Ehepaar Sommer

Foto: Roman Pawlowski / Der Spiegel

SPIEGEL: Frau Sommer, Herr Sommer, würden Sie im Falle Ihres Todes Ihre Organe spenden?

Michael Sommer: Ja klar.

Ulrike Sommer: Nein.

SPIEGEL: Frau Sommer, Sie haben von Ihrem Mann eine Spenderniere angenommen, aber Sie sind nicht zur Organspende bereit. Wie passt das zusammen?

Ulrike Sommer: Ich lebe seit fünf Jahren mit der Niere, die mir mein Mann gespendet hat. Es ist ein Geschenk, das ich nur von ihm annehmen konnte. Ich habe zu ihm gesagt: "Von dir nehme ich gern eine Niere." Aber ich kann kein Organ eines Toten annehmen, weil ich nicht bereit bin, meine eigenen zu geben. Verstehen Sie das nicht falsch: Es ist ein großartiges Geschenk, wenn Menschen sich entscheiden, nach dem Tod ihre Organe zu spenden. Aber man darf solche Geschenke nicht erwarten, auch nicht als Nierenkranke.

SPIEGEL: Warum nicht?

Ulrike Sommer: Für die Organspende wird das Sterben verkürzt. Sterben ist ein Prozess. Die Organe werden aber herausoperiert, wenn das Herz noch schlägt. Früher hielt man Sterbenden einen Spiegel vor das Gesicht. Und wenn sich kein Atem mehr abzeichnete, waren sie tot.

SPIEGEL: Für die postmortale Organspende kommen in Deutschland nur Menschen infrage, bei denen Ärzte bereits den Hirntod festgestellt haben.

Ulrike Sommer: Ich finde diese Definition des Todes problematisch. Wir stellen den Hirntod mit menschengemachten Geräten und Methoden fest. Gibt es wirklich eine letzte Sicherheit, wenn der Doktor sagt: "Dieser Mensch ist tot, es gibt keine Gehirnaktivität mehr"? Mir reicht das als Definition nicht. Da wird jemand für tot erklärt, dessen Herz noch schlagen muss, weil man mit Organen, die nicht bis zuletzt durchblutet waren, nichts anfangen kann. Der Mensch hat aber nicht das Recht, vorzeitig zu entscheiden, ob ein anderer tot ist.

Michael Sommer: Für mich ist das menschenwerte Leben mit dem Hirntod vorbei. Ich habe da keine Zweifel, das ist der entscheidende Unterschied zur Haltung meiner Frau. Ob mich dann noch eine Maschine fünf Jahre am Leben hält oder nicht, ist mir nicht nur egal, mir wäre es sogar lieber, die Maschine würde irgendwann abgestellt. Meine Frau sagt manchmal zu mir: "Ich würde widersprechen, wenn man dir deine Organe entnehmen will." Und ich antworte dann: "Das wirst du nicht tun."

Ulrike Sommer: Selbstverständlich respektiere ich deinen Wunsch.

Michael Sommer: Aber wenn du ganz allein entscheiden könntest, würdest du Nein sagen.

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