Orkan "Emma" ICE rast gegen Baum, Mann in Auto erschlagen
Hamburg/Frankfurt am Main - Feuerwehren und Polizei waren in der Nacht und am frühen Samstagmorgen vor allem im Westen Deutschlands im Einsatz: "Emma" hatte Häuser abgedeckt, Bauzäune und Schilder herausgerissen sowie zu Stromausfällen geführt. Im Westerwald wurde ein 58 Jahre alter Mann von einem umstürzenden Baum erschlagen. Der Mann saß auf der Rückbank des Wagens, als die über 30 Meter hohe Fichte durch das Orkantief "Emma" umgeknickt wurde und auf das Auto fiel, teilte die Polizei mit. Der Mann starb noch an der Unfallstelle. Der 20-jährige Autofahrer und zwei weitere Autoinsassen kamen mit dem Schrecken davon.
In Brühl bei Bonn fuhr ein ICE in einen umgestürzten Baum, dabei wurde der Lokführer verletzt. Ein Bahnsprecher hat inzwischen frühere Angaben korrigiert, nach denen angeblich auch Reisende zu Schaden gekommen sein sollen. Die Fahrgäste des verunglückten ICE seien mit Bussen weiter transportiert worden. Der Zug befand sich auf dem Weg von Köln nach Wien. In mehreren Bundesländern kam es wegen Ästen auf den Straßen und starken Windböen zu Verkehrsunfällen.
Insgesamt hat das Orkantief aber bislang geringere Schäden verursacht als befürchtet. Wind und Regen werden sich nach Ansicht von Meteorologen im Lauf des Tages aber verstärken. "Die derzeitigen Windgeschwindigkeiten sind erst der Anfang", warnte Martin Puchegger vom Wetterdienst meteomedia in Bochum. "Emma" sei nicht "so großflächig wie 'Kyrill'", sagte Jörg Kachelmann von meteomedia. Aber das örtliche Geschehen sei teilweise "dramatisch". "Wir haben den ersten Sturmteil für die Nacht überschätzt", erklärte Rüdiger Hartig vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Frankfurt.
Der Deutsche Wetterdienst warnt ausdrücklich vor weiteren Stürmen. Vor allem in Süd- und Norddeutschland sei weiterhin mit Orkanböen zu rechnen, sagte der Meteorologe Helmut Malewski der Nachrichtenagentur AP. Experten sagten auch eine Sturmflut für den Abend voraus.
In der Nacht wütete "Emma" den Angaben zufolge mit bis zu 150 Stundenkilometern und teils schweren Gewittern über Deutschland. Selbst in den Niederungen registrierten die Meteorologen Böen mit Geschwindigkeiten von 110 Stundenkilometern.
Das Sturmtief hat den Fahrplan der Deutschen Bahn gehörig durcheinandergewirbelt. Mehrere Bahnstrecken in Niedersachsen und Bayern sowie Regionalverbindungen in anderen Bundesländern mussten wegen Unwetterschäden gesperrt werden. Betroffen waren laut Bahn unter anderem die Strecken Gütersloh-Hamm, Münster-Osnabrück, Oberhausen-Emmerich, Gladbeck-Wuppertal, Köln-Gerolstein sowie Ansbach-Nürnberg. Verspätungen gab es vor allem in Nordrhein-Westfalen, im Raum Erfurt, zwischen Leipzig und Riesa sowie zwischen Aschaffenburg und Würzburg. Über Verspätungen informiert die Bahn unter der Telefonnummer 08000/ 996633 sowie auf dem Internetportal bahn.de.
"Emma"-Windgeschwindigkeiten: Die Top 10
| Ort | Bundesland | Höhe (m) | Wind (km/h) |
|---|---|---|---|
| Wendelstein | Bayern | 1832 | 222 |
| Zugspitze | Bayern | 2960 | 191 |
| Wallberg | Bayern | 1620 | 191 |
| Nebelhorn | Bayern | 2070 | 163 |
| Feldberg/Schwarzwald | Bad.-Württ. | 1486 | 163 |
| Benediktbeuern (Kloster) | Bayern | 617 | 156 |
| Hornisgrinde | Bad.-Württ. | 1160 | 156 |
| Grosser Arber | Bayern | 1437 | 156 |
| Fichtelberg | Sachsen | 1213 | 156 |
| Chemnitz | Sachsen | 418 | 152 |
Ein heftiger Hagelsturm des Orkantiefs "Emma" hat am Samstagmorgen das Dach eines Flüchtlingsheims im hessischen Butzbach weggerissen. 30 Bewohner des Gebäudes mussten evakuiert und in einer Turnhalle untergebracht worden, wie die Polizei Butzbach der Nachrichtenagentur AP bestätigte. Ein Sprecher erklärte, das Wellblechdach sei auf einer Länge von 75 Metern rund 20 Meter weit durch die Luft geschleudert worden. Verletzt wurde offenbar niemand, den Schaden schätzt die Polizei auf etwa 200.000 Euro.
Feuerwehr gibt keine Entwarnung
Am Vormittag machte sich Tief "Emma" auf den Weg durch Süddeutschland, wie der Meteorologe Malewski berichtete. In den Höhen und besonders am Alpenrand sei mit Windgeschwindigkeiten bis zu 150 Stundenkilometern zu rechnen. Auch in Norddeutschland könne es im Laufe des Tages noch heftige Nachwirkungen geben. Eine Wetterberuhigung sei erst in der Nacht auf Sonntag zu erwarten.
Sturmschäden: Was Versicherer bezahlen
Gebäudeschäden, die etwa durch umgestürzte Bäume, Schornsteine oder Masten entstanden sind, ersetzt in der Regel die Wohngebäudeversicherung. Hat der Sturm das Dach abgedeckt oder Fensterscheiben eingeschlagen, sind Folgeschäden, z.B. durch eindringenden Regen ebenfalls versichert. Allerdings muss der Versicherte den Schaden möglichst weit begrenzen, etwa indem er eine Plane vor ein zerbrochenes Fenster klebt. Schäden durch Hochwasser oder Überschwemmungen sind dagegen nicht abgedeckt. Versicherungsschutz besteht nur dann, wenn der Kunde eine Zusatzversicherung gegen "Elementarschäden" abgeschlossen hat. Doch haben nur wenige Bürger eine solche Versicherung. Wer noch eine alte DDR-Police hat, die nach der Wende von der Allianz übernommen wurde, hat Glück: Darin sind Hochwasserschäden automatisch mitversichert.
Sturmschäden an der Wohnungseinrichtung werden von der Hausratversicherung abgedeckt. Nach Angaben von Verbraucherexperten gilt dies aber nur für Haushaltsgegenstände, die in einem Gebäude untergebracht waren, das ebenfalls vom Wind beschädigt wurde. Die Versicherung zahlt zum Beispiel, wenn ein Fenster zu Bruch geht und dabei eine Vase zerschlägt. Bruchschäden an Fenster- und Türscheiben einschließlich der Kosten für eine erforderliche Notverglasung dagegen deckt nur eine zusätzliche Glasversicherung ab, die meist zusammen mit der Hausratversicherung abgeschlossen werden kann.
Schleudert der Sturm Dachziegel, Äste oder Bäume auf ein parkendes Auto, ist in der Regel die Teil- oder Vollkasko des Autohalters in der Zahlungspflicht. Versichert ist nur der Zeitwert des Wagens, nicht der Neuwert. Bei einem durch Sturm bewirkten Fahrfehler steht nach Angaben von Verbraucherschützern nur die Vollkasko für den Schaden ein - vorausgesetzt, es liegt keine grobe Fahrlässigkeit vor.
Bei Verletzungen, die Betroffene durch Unwetter erleiden, kommt die Krankenversicherung zum Zuge. Bei dauerhaften Schäden springt nach Angaben der Verbraucherschützer die private Unfallversicherung ein.
Dass tatsächlich der Sturm die Schäden verursacht hat, müssen die Betroffenen zwar in der Regel nicht aufwendig nachweisen. Um Probleme mit der Versicherung von vornherein zu vermeiden, empfiehlt etwa die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz dennoch, unmittelbar nach dem Schadensfall eine vollständige Liste aller zerstörten oder beschädigten Gegenstände zu erstellen. Falls vorhanden, sollte die Liste durch Einkaufsbelege ergänzt werden. Andernfalls sollte aus dem Gedächtnis der Zeitpunkt der Anschaffung und der ungefähre Neupreis notiert werden. Ist ein Gebäude beschädigt, raten die Verbraucherschützer, detaillierte Foto- oder Filmaufnahmen zu machen und auch zusammen mit Nachbarn Protokolle über die Schäden zu verfassen.
Quelle: AFP
Wegen des Sturms wurden bundesweit zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen nötig. Das ZDF hatte bereits am Freitag angekündigt, die für Samstagabend in Halle an der Saale geplante Stadtwette von "Wetten, dass..?" aus Sicherheitsgründen voraussichtlich ins Umfeld der Halle Messe zu verlegen. Ein für Samstagnachmittag geplantes Bundesligaspiel von Energie Cottbus gegen den VfB Stuttgart war ebenfalls abgesagt worden. Eine für Samstag geplante Demonstration in Dresden gegen die Waldschlösschenbrücke wurde aus Sicherheitsgründen auf Sonntag in einer Woche verlegt. Im Bistum Würzburg rief das Bischöfliche Bauamt alle Pfarrgemeinden auf, Kirchengebäude und nicht befestigte Figuren vor dem Sturm zu sichern.
Auch die Feuerwehren rieten den Bürgern weiter zur Vorsicht. Zwar sei der Sturm zunächst schwächer gewesen als erwartet, Entwarnung könne aber noch nicht gegeben werden, erklärte der Deutsche Feuerwehrverband (DFV). Angesichts der weiter bestehenden Unwetterwarnungen für weite Teile Deutschlands sollten Wälder an diesem Wochenende keinesfalls betreten werden. Bäume, abgeknickte Äste und lose Trümmerteile gefährdeten weiterhin Fußgänger und Autofahrer. Der DFV appellierte an Hausbesitzer und Unternehmen, ihre Liegenschaften nach Abflauen des Orkantiefs unverzüglich in Augenschein zu nehmen.
Der DFV rief die Bevölkerung auf, Fahrzeuge an sicheren Orten abzustellen und Keller frühzeitig vor möglichen Überflutungen zu schützen. Gefahrenstellen und Schäden sollten den Rettungskräften unter der Notrufnummer 112 mitgeteilt werden. Bestehe keine akute Gefahr, solle mit Anrufen jedoch bis zum Ende des Unwetters gewartet werden.
Autofahrer sollen aufpassen
Der Auto Club Europa (ACE) riet besonders Autofahrern zur Vorsicht. "Die Windgeschwindigkeit wird sich der auf Autobahnen empfohlenen Richtgeschwindigkeit von 130 Kilometer pro Stunde annähern. Das ist schon sehr heftig", sagte ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner. Bei orkanartigen Böen sollten selbst schwere Motorräder beim Parken gegen Umkippen gesichert und Fahrzeuge generell nicht in der Nähe von älteren Gebäuden, Baustellen und Bäumen abgestellt werden.
Am besten sei es, Fahrzeuge während des Sturms nicht zu benutzen, empfahl der ACE. Wer dennoch auf die Straße müsse, solle langsam und vorausschauend fahren. Die Gefahr heftiger Seitenwinde sei besonders beim Passieren von Lärmschutzwänden, Brücken, Waldschneisen, Tunnelausfahrten und Häuserschluchten groß. Autodachträger, Radträger oder Skiboxen sollten demontiert werden.
hda/AP/dpa/AFP