Jahrestag der Tötung in Abbottabad USA wollen Bin-Laden-Aufzeichnungen veröffentlichen

Was trieb Osama Bin Laden in seinem pakistanischen Versteck um, ehe US-Spezialkräfte ihn töteten? Aufzeichnungen aus den letzten Jahren des Terroristen sollen nun einen Einblick in seine Gedankenwelt gewähren. Bin Laden dachte sogar über eine Umbenennung al-Qaidas nach.

Osama Bin Laden: "Desaster nach Desaster"
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Osama Bin Laden: "Desaster nach Desaster"


Washington - Ein Jahr nach dem Tod von Osama Bin Laden wollen die USA noch in dieser Woche Aufzeichnungen veröffentlichen, die bei dem Einsatz im Versteck des Qaida-Chefs in Pakistan beschlagnahmt wurden. In den Dokumenten beklage Bin Laden unter anderem, dass seine Organisation "Desaster nach Desaster" erleide, sagte der wichtigste Anti-Terror-Berater der US-Regierung, John Brennan, am Montag bei einer Rede in Washington. Die Schriftstücke sollen in den kommenden Tagen auf der Website der US-Militärakademie von West Point veröffentlicht werden.

Vor seinem Tod habe der al-Qaida-Chef über einen neuen Namen für seine Gruppe nachgedacht, um sie wieder attraktiver zu machen, sagte Brennan. Bin Laden habe sich darüber beklagt, dass die USA inzwischen nicht mehr vom "Krieg gegen den Terrorismus" sprächen und sich dadurch weniger Muslime beleidigt fühlten. Seine Anhänger habe der Qaida-Chef aufgefordert, die pakistanischen Stammesgebiete zu meiden, wo sie US-Luftüberwachung und Bombardierungen zu befürchten hätten.

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Abbottabad: Schauplatz eines Showdowns
Ein Jahr nach Bin Ladens Tod zeichnete Brennan von al-Qaida das Bild einer geschwächten Organisation, die noch im Laufe dieses Jahrzehntes besiegt sein werde. Al-Qaida erleide unter anderem durch US-Drohnenangriffe "böse" Verluste und sei nur noch ein "Schatten ihrer selbst", so der Anti-Terror-Experte. Tatsächlich scheint al-Qaida, 1988 im pakistanischen Peschawar als al-Qaida al-Askarija ("die militärische Basis") gegründet, heute geschwächt.

Der Kern der Qaida-Führung werde bald "nicht mehr relevant" sein, sagte Brennan. Durch die anhaltende Verfolgung in den pakistanischen Stammesgebieten habe al-Qaida weniger Orte, um ihren Nachwuchs auszubilden. Auch die Rekrutierung neuer Mitglieder falle ihr zunehmend schwer. "Die Kampfmoral ist schlecht", bilanzierte der Anti-Terror-Spezialist.

Durch die Taktik der US-Regierung im Kampf gegen den Terrorismus sei es für die Organisation kaum noch möglich, großangelegte, potentiell katastrophale Anschläge zu planen und zu verüben. "Al-Qaida hat nur noch eine Handvoll fähiger Führer und Funktionäre und ist angesichts des andauernden Verfolgungsdrucks auf dem Wege zu ihrer Zerstörung." Gleichzeitig betonte Brennan, weltweit halte die Bedrohung durch Terroristen an. "Während der Kern der al-Qaida wankt, versucht er, seine mörderische Aufgabe an seine Filialen und Anhänger zu übertragen", warnte der Experte. Beunruhigend sei beispielsweise der Zusammenschluss von al-Qaida mit der islamistischen Shabab-Miliz in Somalia. Auch die Gruppe Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) stelle weiterhin eine Bedrohung dar.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington mit fast 3000 Toten war Bin Laden der Staatsfeind Nummer eins der USA gewesen. Fast ein Jahrzehnt konnte er sich verstecken, bis US-Geheimdienste ihn und seine Familie im pakistanischen Abbottabad aufspürten. Ein US-Spezialkommando stürmte das Anwesen in der Nacht zum 2. Mai 2011 und erschoss den Qaida-Chef.

cis/AFP



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