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Familienalbum Schadenfreude, 1960

Für den Totalschaden unseres mintgrünen VW-Käfers war ein nervöses Kapuzineräffchen verantwortlich, sein Name war Fritzi.
Aufgezeichnet von Max Polonyi
aus DER SPIEGEL 10/2020

Friedemann Roeßler, 72:

Es war Ostern 1960, und mein Vater, der auf dem Foto vor dem kaputten Käfer steht, unternahm eine Spazierfahrt ins Lauenburgische mit meinem Bruder Gotthard, mir und dem Äffchen. Der Unfall passierte kurz nachdem wir an einem Krämerladen gehalten hatten, wo mein Vater uns Vanilleeis am Stiel spendierte. Eins für Gotthard, eins für mich und leider eins für Fritzi.

Mein Vater hatte das Äffchen geschenkt bekommen. Es schlief nachts in einem Käfig, tagsüber lief es bei uns im Haus herum. Mein Vater war Biologielehrer. Wenn Kinder im Wald verletzte Tiere fanden, brachten sie die zu uns, wo mein Vater sie aufpäppelte: einen kranken Fuchs, Igel, wir beherbergten auch Zwergziegen, Pfauen und Gänse – und Fritzi. Der hat viel Schaden im Haus angerichtet. Doch mein Vater liebte Fritzi trotzdem. Er liebte alle Tiere. Mein Vater schimpfte nie, er hatte ein großes Herz. Er war vom ersten bis zum letzten Tag im Krieg gewesen. Viele Männer kehrten jähzornig und bitter heim, aber nicht mein Vater. Ich weiß nicht, was er im Krieg gesehen hat. Er hat mit uns nie darüber gesprochen. Es schien aber, als hätte er sich dazu entschlossen, jeden Tag zu genießen. Man sieht es auf diesem Bild. Sein Auto ist Schrott, doch er lächelt.

Auf der Fahrt schleckten wir das Vanilleeis, Fritzi saß auf der Lehne des Beifahrersitzes. Da begann der Affe mit seinem Eis auf die Sitze zu schlabbern. Wir versuchten, es ihm wegzunehmen, doch Fritzi tobte im Innenraum des Wagens. Mein Vater schaute nach hinten, dann fuhr er in den Graben. Wir blieben unverletzt. Mein Vater starb viel später, an einem Novembertag 1990, nach einem erfüllten Leben. An diesem Tag fütterte er die Graugänse am Seeufer vor unserem Haus, wie üblich. Dann hörte sein Herz auf zu schlagen.

‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie uns Ihre Geschichte erzählen möchten? Schreiben Sie an: familienalbum@spiegel.de 

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