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OST-KNIGGE Otto, benimm dich

aus DER SPIEGEL 6/1958

Zu der Ansicht, daß auch in der Ostzone gutbürgerliche Anstandsregeln und Konventionen künftig wieder beachtet werden sollten, bekannte sich kürzlich ein prominentes Mitglied der »Sozialistischen Einheitspartei« (SED): der evangelische Domprediger in Schwerin, Karl Kleinschmidt. Auch in der DDR sei man »der Anarchie im Umgang mit den Menschen müde, an der wir uns eine Zeitlang ergötzt haben«, so erklärte er. »Wir sind gründlich irre geworden an der Meinung, daß das Neue unserer Gesellschaftsordnung sich am besten durch völlige Formlosigkeit ausdrücken ließe.«

Dieses Eingeständnis findet sich in einem Anstandsbuch, das der Schweriner Pastor kürzlich unter dem Titel »Keine Angst vor guten Sitten"* herausgegeben hat und dessen erste Auflage von 10 000 Exemplaren gut verkauft wird. Das Buch soll den Bürgern der DDR die Regeln des guten Tones wieder schmackhaft machen.

Der 55jährige Pastor Kleinschmidt ist seit Jahren eifriger SED-Ideologe. Im Rundfunk, in Zeitungen und von der Kanzel aus plädierte er häufig für die politischen Ziele der Staatspartei, und er unternahm es zugleich, an Bibelzitaten die Verwandtschaft von Christentum und Kommunismus nachzuweisen. In seinen Predigten wie in seinen politischen Kommentaren hat der SED - Pastor Kleinschmidt allerdings zuweilen auch kein Hehl daraus gemacht, daß es seiner Meinung nach an der sozialistischen Gesellschaft manches auszusetzen gibt.

Den Schlüssel zu zahlreichen Mängeln in der DDR glaubt Pastor Kleinschmidt in der weitverbreiteten Mißachtung anständiger Manieren gefunden zu haben: »Unsere Umgangsformen sind ziemlich auf den Hund gekommen.« Wenn etwa Vorgesetzte sich über die Verfahrensregeln eines gesitteten Zusammenlebens hinwegsetzen, meint Kleinschmidt, so könne das verderbliche und weitreichende Folgen haben: »Es bildet sich eine Atmosphäre, in der jeder, auch jeder sachliche, begründete Einwand oder Widerspruch gegen eine Dienstanweisung als Majestätsbeleidigung,

als verwerflicher Einbruch in die Hoheitssphäre eines Höhergestellten erscheint und daher unterbleibt, ohne noch ausdrücklich verboten werden zu müssen: eine zutiefst menschenunwürdige Atmosphäre, in der sich ein demokratisches Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen auch dann nicht entwickeln kann, wenn der Vorgesetzte 'im Namen des Volkes' oder 'im Interesse der Werktätigen' zu entscheiden behauptet.«

In solcher Luft, argumentiert der SED -Pastor, gedeihen die »verantwortungsscheuen Bürokraten« als »Ergebnis eines Zentralismus, der alle Verantwortung an die Zentrale bindet, so daß für die unteren Stellen nur wenig Verantwortung übrigbleibt«. Kleinschmidt fordert daher: »Scheue die Verantwortung nicht ... Es gibt in unserer Welt keine Autoritäten, denen nicht widersprochen werden dürfte.«

Bei Reisen in die Bundesrepublik, so empfiehlt Pastor Kleinschmidt, sollten die Bürger der DDR auf politische Diskussionen am besten ganz verzichten, sich aber auf jeden Fall besonderer Zurückhaltung befleißigen: »So wie Sie als Bürger unserer Republik in der Bundesrepublik respektiert zu werden wünschen, so werden auch Sie die Bundesrepublik und ihre Organe und Gesetze respektieren, wenn Sie 'drüben' zu Gast sind. Es ist nicht Ihre Sache, sich in die inneren Angelegenheiten eines Staates einzumischen, dessen Bürger Sie nicht sind, und seine Einrichtungen zu schelten, nur weil diese Ihren politischen Geschmack nicht treffen.«

Viel Mühe verwendet Kleinschmidt darauf, seinen Lesern klarzumachen, daß seine Anstandsfibel andere Ziele verfolge als ähnliche Publikationen in der Bundesrepublik. Der Pastor behauptet, der bundesrepublikanische Kleinbürger lese Anstandsbücher vor allem in der Hoffnung, durch »Aneignung großbürgerlicher Umgangsformen Anschluß nach oben zu gewinnen und Karriere zu machen«. Der DDR-Bürger hingegen greife zu solcher Lektüre »aus dem Bedürfnis nach Wegweisung für den rechten Umgang mit Menschen«, aus dem Bedürfnis »nach mehr Rücksichtnahme, Freundlichkeit und Höflichkeit gleichgestellter und gleichgesinnter Menschen untereinander«.

Nur unter diesem Gesichtspunkt will Kleinschmidt alle seine detaillierten Ratschläge verstanden wissen. So soll ein »korrekter Anzug« dem Träger nicht etwa gesellschaftliches Prestige verschaffen, sondern die Mitmenschen erfreuen. Dabei müsse freilich beachtet werden, »daß zum Anzug ein Schlips gehört, dessen Farbe zu der des Hemdes passen muß wie dieses zum Anzug«. Das Zubehör zu Frack und Smoking, doziert Kleinschmidt, bestimmen »strenge Vorschriften, von denen nicht abgewichen werden darf ... Neuerdings werden zum Smoking gelegentlich auch weiße Weste und weiße Krawatte getragen«, doch gelte das »weder als seriös noch als besonders elegant«. Dagegen sei zum einfachen dunklen Abendanzug »ein einfarbig silbergrauer seidener Schlips immer korrekt und elegant«. Im übrigen prophezeit der Verfasser, daß Frack und Smoking »allmählich aus der Kategorie der Gesellschaftsanzüge in die der Berufskleidung für Kellner, Botschafter und Dirigenten« überwechseln würden. Ein Hosenträger gehöre »dann zum Anzug des Mannes, wenn er eine Weste trägt, muß aber wegfallen, wenn er beim Öffnen des Jacketts sichtbar werden kann. Ein Mann, dessen Hosenträger sichtbar werden, wirkt ebenso salopp angezogen wie ein Mann, der zur Frackhose keine Hosenträger trägt.«

DDR-Bürger, die solche Ratschläge beherzigen, haben Aussicht, auch auf westlichem Parkett zu bestehen. Weniger gesamtdeutsch wirkt eine andere Empfehlung des Autors: »Wer sich an einem HO-Kiosk eine Bockwurst kauft, hält sich so lange in dessen Nähe auf, bis er die Wurst verzehrt hat, denn da verzehrt er sie zusammen mit anderen Leuten (die natürlich nicht seine Bockwurst mitessen).«

Auch an die Schwierigkeiten, die sich vor einem DDR-Bürger auftun, wenn er einem »Helden der Arbeit« oder einem »Verdienten Lehrer des Volkes« einen Brief schreiben will, hat Kleinschmidt gedacht. Der Pastor verwirft Anreden wie »Lieber Held der Arbeit« oder »Sehr geehrter Verdienter Arzt des Volkes«, denn in einem Brief dürfe man die Träger derartiger Titel »gewiß nicht so anreden, wohl aber in der Anschrift solche Titel unter den Namen ... setzen«. Denn »es gibt eine Menge Titel auch in unserer Welt, aber nicht alle eignen sich für die briefliche Anrede«.

Kleinschmidt riskiert es sogar, an den Traditionen der Arbeiterbewegung zu rütteln: Er empfiehlt, die in der Partei übliche Anrede per Du abzuschaffen. Das »Du«, so argumentiert er, sei zwar einst »Ausdruck der Klassensolidarität der Ausgebeuteten gegenüber den Ausbeutern« gewesen. In der DDR aber gebe es keine Ausgebeuteten mehr. Das »Duzen« habe »den Klang von plumper, aufdringlicher Vertraulichkeit« angenommen und müsse wieder »privatisiert« werden.

Wie weit Pastor Kleinschmidts ostdeutsche Kollektion des guten Tones die Zustimmung anderer SED-Prominenter findet, ist nicht bekannt. Doch gibt es Indizien dafür, daß ein Feldzug für gute Sitten gegenwärtig allgemein für wünschenswert gehalten wird. Gleichzeitig mit Kleinschmidts Buch sind in der DDR drei weitere Anstandsfibeln herausgekommen: »Gutes Benehmen von A - Z«; »Guten Tag, Herr von Knigge« und - im parteieigenen Verlag der SED -Jugendorganisation, dem »FDJ-Verlag« eine Broschüre, die den Titel trägt: »Otto, benimm dich!«.

* Karl Kleinschmidt: »Keine Angst vor guten Sitten«; Verlag Das Neue Berlin, Berlin; 301 Seiten; 7,80 Mark.

Anstandslehrer Pastor Kleinschmidt

»Sehr geehrter Herr Held der Arbeit«

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