Angeblich in Pakistan verhaftete Berliner "Wir sind nicht festgenommen worden"

Marcus und Benedict K. sorgten zu Wochenbeginn für Schlagzeilen aus Pakistan. Kampfbereite Extremisten seien die beiden Berliner, hieß es in einigen Medien. Im Interview sagen die Brüder, sie wollten nichts anderes, als mit dem Rucksack nach Afghanistan zu reisen.

In Pakistan: Rucksack-Reisende Benedict (l.) und Marcus K.
privat

In Pakistan: Rucksack-Reisende Benedict (l.) und Marcus K.


Die Schlagzeilen klangen dramatisch: "Zwei deutsche Extremisten in Pakistan gefasst!", titelte die "Bild"-Zeitung" am Montag auf Seite 1. Die beiden Brüder aus Berlin "sollen unterwegs nach Afghanistan gewesen sein", schrieb die "B.Z.", und der "Berliner Kurier" spekulierte: "Möglicherweise wollten sie auf Islamistenseite in den Krieg in Afghanistan ziehen". Waren den pakistanischen Ermittlern also zwei deutsche Dschihadisten ins Netz gegangen? SPIEGEL ONLINE sprach per Skype mit den Brüdern Marcus und Benedict K., 28 und 23 Jahre alt, in Pakistan.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen versucht haben, über die pakistanischen Stammesgebiete nach Afghanistan zu gelangen. Was wollten Sie dort?

Marcus K.: Mit Religion oder gar Extremismus haben wir nicht das Geringste zu tun. Mein Bruder und ich sind leidenschaftliche Rucksack-Reisende. Wir haben jeweils schon eine Weltreise hinter uns. Gerade habe ich in Berlin mein Master-Studium abgeschlossen - und es war ein Traum von uns, noch einmal gemeinsam Pakistan zu bereisen.

Und weil wir schon mal da waren, wollten wir auch für ein paar Tage nach Kabul in Afghanistan, weil es dort verhältnismäßig sicher sein soll. Die Touristen-Visa hatten wir uns schon vorher besorgt; allerdings war der Flug von Peschawar nach Kabul sehr teuer. Daher haben wir auf einem Markt in der Gegend von Peschawar gefragt, ob man auch auf dem Landweg dorthin kommen kann.

SPIEGEL ONLINE: Und dabei wurden Sie festgenommen?

Benedict K.: Nein, wir sind zu keinem Zeitpunkt festgenommen worden. Auf dem Markt sprach uns ein Polizist an und sagte, dass man für die Reise nach Afghanistan eine spezielle Genehmigung braucht. Seine Vorgesetzten versuchten daraufhin, uns dabei zu helfen, spontan eine Genehmigung zu organisieren und nahmen uns mit auf ihre Polizeistation. Die Beamten dort waren sehr freundlich und haben uns mit Essen und Limo versorgt. Die Reisegenehmigung zu bekommen, gestaltete sich jedoch schwierig. Wir wurden von einer Polizeistation zur nächsten geschickt und immer wieder zu unseren Reiseplänen befragt. Die Beamten haben bestimmt 30-mal unsere Pässe fotokopiert.

Marcus K.: Dann, später in Peschawar, begann sich zusätzlich der Geheimdienst für uns zu interessieren. Benedicts Rucksack wurde durchsucht, und wir wurden gefragt, wo in Pakistan wir schon gewesen waren, wo wir übernachtet haben und so weiter. Auch die Geheimdienstleute waren sehr nett - und haben uns am Ende sogar geholfen, den Rucksack wieder zu packen. Die Beamten haben uns dann ein sicheres Hotel besorgt, wo wir die Nacht verbrachten.

SPIEGEL ONLINE: Was passierte dann?

Marcus K.: Es ist uns klar geworden, dass wir den Afghanistan-Ausflug abhaken konnten. Am nächsten Tag sind wir dann zum Busbahnhof gebracht worden und zurück in die Hauptstadt, nach Islamabad, gefahren. Von dort sind wir in den Norden Pakistans gereist, zum Bergwandern.

SPIEGEL ONLINE: In den Medienberichten über Ihre angebliche Festnahme wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass die pakistanisch-afghanische Grenzregion als Durchgangsstation für militante Islamisten gilt.

Benedict K.: Freunde aus Deutschland haben uns die Berichte geschickt - und wir haben uns ziemlich darüber aufgeregt. Selbst in den vielen Gesprächen mit den pakistanischen Behörden hat uns nie jemand mit irgendwelchem religiösen Extremismus in Verbindung gebracht. Ich hatte eher den Eindruck, dass einige Beamte den Verdacht hatten, wir könnten womöglich deutsche Spione sein - was natürlich totaler Quatsch ist. Wir reisen einfach nur leidenschaftlich gern.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum ausgerechnet ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet? Die Region gilt als extrem gefährlich.

Marcus K.: Wissen Sie, mit der Gefahr ist es so eine Sache. Wir haben gelernt, dass es gut ist, sich selbst ein Bild von einem Land zu machen.

In Bulgarien zum Beispiel warnte man uns vor der Türkei - und am Ende trafen wir dort die freundlichsten Menschen. In der Türkei dann warnte man uns vor dem Iran - und auch dort wurden wir aufs Freundlichste aufgenommen. Für Pakistan gilt dasselbe: Die Gastfreundschaft hier ist so enorm, wir bekommen so viele Einladungen, dass wir sie gar nicht alle annehmen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es jetzt bei Ihnen weiter?

Benedict K.: Leider muss ich in ein paar Tagen wieder zurück nach Deutschland - zum Arbeiten.

Marcus K.: Ich will gerne noch etwas hier bleiben und mit einem anderen Reisenden Bergwandern gehen. Danach geht es zurück nach Berlin.

Das Interview führte Maik Baumgärtner



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
woodeye 01.05.2014
1. Wenn einer eine Reise macht,
dann kann er was erleben. Story klingt glaubwuerdig. Dass es auch anders (speziell in Pakistan) haette sein koennen, darf den Ueberreagierenden nicht angelastet werden. Die Brueder haben, besonders mit ihrem Outfit, manches provoziert.
raber 01.05.2014
2. Gefährliche Presse
Da sind 2 unschuldige Rucksackreisende fast zu Terroristen abgestempelt worden was nachträglich für sie grosse Schwierigkeiten hätte bedeuten können. Das ist ja sensationslustige gefährliche Presse die man dafür eigentlich verklagen sollte. CIh würde nicht solche gefährlichen Gebiete freiwillig als Ausflugsziel wählen. Verstehe aber trotzdem die Einstellung gegenüber sehr gefährlichen Regionen. Berufshalber kann man auch in sehr gefährlichen Regionen leben und trotzdem einem nie etwas passieren. Viel Expats können dies bestätigen.
langenscheidt 01.05.2014
3. Bitte verschont uns mit schwachsinnigen Deutschen
Ich fahre demnächst als Rucksacktourist in die Ostukraine, weil ich das Land bereisen will und gehört habe in Charkiw sei es relativ sicher als EU-Bürger. Falls ich dort als Spion festgenommen werde, bitte dann keine Bemühungen um meine Freilassung. Ich bin selbst für meine Blödheit verantwortlich.
kumi-ori 01.05.2014
4. optional
Ist ja schön, dass das alles glimpflich abgelaufen ist, abeer das hätte auch bös ins Auge gehen können. Vor allem, wenn die zwei tatsächlich nach Afghanistan eingereist wären. Vor einem Vierteljahrhundert war Afghanistan ein wunderbares Reiseziel, tolerant und weltoffen, heute treiben da alle Arten von religiösen Spinnern ihr Unwesen.
wahnsinnpur 01.05.2014
5. Wahnsinn
Nur weil deutsche nach Pakistan fliegen, heißt es nicht gleich dass sie Terroristen sind! Dumme Menschen sollten nicht alle in einen Topf schmeißen, überall gibt es gute und schlechte Menschen. Dann sollten doch ausländische Touristen auch nicht nach Deutschland reisen, da es hier die Nazimordserie vor kurzem gegeben hat und Deutschland somit ja wahnsinnig gefährlich für Menschen ist, die anders oder nicht Deutsch aussehen !!! Pakistan ist außerdem ein schönes Land !!!
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