Pannenmeiler Fukushima In vier Reaktoren steht verstrahltes Wasser

Wasser mit massiv erhöhter Strahlung, offenbar beschädigte Brennstäbe, unterbrochene Kühlarbeiten: Die Lage im japanischen AKW Fukushima wird immer unübersichtlicher. Was ist der aktuelle Stand in den sechs Reaktoren, und was genau machen die Arbeiter? Ein Überblick.
Von Simone Utler
Pannenmeiler Fukushima: In vier Reaktoren steht verstrahltes Wasser

Pannenmeiler Fukushima: In vier Reaktoren steht verstrahltes Wasser

Foto: AP/ TEPCO via Kyodo News

Fukushima - Die atomare Gefahr des Kraftwerks Fukushima Daiichi ist noch lange nicht gebannt. Inzwischen steht in mehreren Reaktorblöcken verstrahltes Wasser, zum Teil ist die Radioaktivität massiv höher als der Grenzwert. "Das ist ein nach allen Maßstäben sehr schwerer Unfall", sagte der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Yukiya Amano, der "New York Times".

Die Radioaktivität in Reaktor 2 erreichte am Sonntag einen Wert, der tödlich sein kann. Die von der Betreibergesellschaft Tepco im Reaktor gemessenen mehr als 1000 Millisievert pro Stunde können nach Einschätzung der US-Umweltbehörde schwere Blutungen auslösen. Das Kraftwerk wurde am Sonntag umgehend evakuiert. Die Mitarbeiter, die die Messungen vornahmen, seien aus Reaktorblock zwei geflohen, bevor eine zweite Messung abgeschlossen war, hieß es.

Kabinettssekretär Yukio Edano sagte im japanischen Fernsehen, das extrem radioaktiv verseuchte Wasser stamme "nahezu sicher" aus einem Reaktorkern. Die genaue Ursache sei nicht bekannt. Befürchtet wurde ein Riss oder Bruch in einer der Schutzhüllen um einen Reaktorkern.

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Atomkatastrophe: Reaktor außer Kontrolle

Foto: AP/ Kyodo News

Die Furcht vor radioaktiver Verstrahlung unter den Menschen im Umkreis von Fukushima führt inzwischen zu extremen Vorsichtsmaßnahmen: Notunterkünfte nehmen nur Flüchtlinge aus der evakuierten Zone um das AKW auf, die sich einer Strahlenuntersuchung unterzogen haben. Viele internationale Reedereien meiden mit ihren Frachtern den Hafen von Tokio, weil auch das Meer immer stärker radioaktiv verseucht wird.

Die seit dem Erdbeben und dem Tsunami vor mehr als zwei Wochen laufenden Bemühungen, die Anlage rund 240 Kilometer nördlich von Tokio unter Kontrolle zu bringen, müssen immer wieder wegen Explosionen oder gefährlicher Strahlungswerte unterbrochen werden.

Die AKW-Betreiber bemühen sich, stets auch kleine Fortschritte und Erfolge zu vermelden. So betonte Tepco nun, dass das in dem Wasser gemessene radioaktive Jod eine Halbwertszeit von weniger als einer Stunde habe, also innerhalb eines Tages zerfällt. Kurz vor der Hiobsbotschaft von den extremen Strahlenwerten hatte das Unternehmen vermeldet, in Kontrollraum von Reaktor 2 gebe es wieder Licht. Und die Kühlung der Reaktoren könne von Salzwasser auf Süßwasser umgestellt werden.

Mit jeder neuen Meldung wird die Lage unübersichtlicher. In welchem Zustand sind die einzelnen Reaktoren tatsächlich? Wie geht es den Arbeitern vor Ort? Mit welchen Problemen haben sie zu kämpfen?

SPIEGEL ONLINE gibt eine Übersicht über den Zustand der verschiedenen Reaktoren. Sofern die Angaben nicht gesondert ausgewiesen werden, stammen die Informationen zum aktuellen Zustand der Reaktorblöcke vom Japanischen Atomindustrieforum (JAIF)  und wurden von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln übersetzt:

Wo die Gefahr am größten ist

Reaktorblock 1: Wo alles begann

12. März: die erste Wasserstoffexplosion in Fukushima Daiichi, Dach und Wände des Außengebäudes von Reaktor 1 wurden zerstört, das Gebäude ist schwer beschädigt.

Ergriffene Maßnahmen: Der Reaktor wurde von außen mit Meerwasser gekühlt, die Temperatur sank. Dennoch stieg der Druck, Dampf trat aus. Inzwischen wird der Reaktor mit Süßwasser gekühlt - wegen der hohen Strahlung aus weiterer Entfernung als bisher.

Aktueller Zustand: Stufe 5 der siebenstufigen INES-Skala ("ernster Unfall"), die Brennstäbe liegen ganz oder teilweise frei, der Reaktorkern scheint beschädigt, über den Zustand des Reaktordruckbehälters ist nichts bekannt, der Sicherheitsbehälter ist unbeschädigt. Die Beleuchtung im Kontrollraum funktioniert wieder.

Akutes Problem: Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss des Turbinengebäudes, die Radioaktivität war 10.000-mal so stark wie üblich. Das verstrahlte Wasser enthält hohe Mengen von Cäsium 137, wie es auch nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in großen Mengen in die Umwelt gelangte. Laut Kyodo steht das radioaktiv verseuchte Wasser 40 Zentimeter hoch.

Reaktorblock 2: Wasser mit zehnmillionenfacher Strahlung

12. März: Kühlsystem ist beschädigt, zwei Tage später fällt es ganz aus.

15. März: die dritte Explosion im AKW Fukushima, das Reaktorgebäude wurde leicht beschädigt.

Ergriffene Maßnahmen: Der Reaktor wurde mit Meerwasser von außen gekühlt, Dampf trat aus.

Aktueller Zustand: Stufe 5 der INES-Skala ("ernster Unfall"), die Brennstäbe liegen ganz oder teilweise frei, der Reaktorkern scheint beschädigt, über den Zustand des Reaktordruckbehälters ist nichts bekannt, am Sicherheitsbehälter wird ein Schaden vermutet. Die Stromversorgung wurde wieder hergestellt, die Beleuchtung im Kontrollraum funktioniert.

Akutes Problem: Im Untergeschoss der Turbinenräume steht stark radioaktiv belastetes Wasser - die Strahlung ist laut Tepco zehn Millionen Mal höher als der Normalwert. Laut Kyodo steht das Wasser einen Meter hoch. Die Arbeiter mussten abgezogen werden. Bereits zuvor hatte die Reaktorsicherheitsagentur NISA in dem Wasser eine hohe Konzentration des Isotops Jod 134 festgestellt.

Reaktorblock 3: Der gefährliche Plutonium-Meiler

13. März: Die Kühlung fiel aus.

14. März: schwere Wasserstoffexplosion, bei der das Außengebäude stark beschädigt wurde

Ergriffene Maßnahmen: Hubschrauber schütteten zur Kühlung Wasser auf den Reaktor - erfolglos. Die Feuerwehr kühlte das Gebäude dann vom Boden aus. Die Arbeiten an dem Reaktor mussten immer wieder unterbrochen werden, erst stieg grauer, dann schwarzer Rauch auf. Seit Freitag wird der Reaktor mit Süßwasser gekühlt.

Aktueller Zustand: Stufe 5 der INES-Skala ("ernster Unfall"), die Brennstäbe liegen ganz oder teilweise frei, der Reaktorkern scheint beschädigt, am Reaktordruckbehälter wird ein Schaden vermutet, der Sicherheitsbehälter ist unbeschädigt. Auch eine Beschädigung des Abklingbeckens wird angenommen. Die Stromversorgung wurde wieder hergestellt, die Beleuchtung im Kontrollraum funktioniert.

Akutes Problem: Wegen MOX-Brennelementen mit Plutonium gilt dieser Reaktor als besonders gefährlich. Im Keller steht radioaktiv verstrahltes Wasser, laut Kyodo sogar 1,5 Meter hoch. Hier wurden am Donnerstag drei Arbeiter bei Kabelarbeiten verstrahlt.

Reaktorblock 4: beschädigt und verstrahlt

15. März: Wasserstoffexplosion und Brand, zwei große Löcher klaffen in der Außenwand, das Gebäude ist schwer beschädigt.

Ergriffene Maßnahmen: Kühlung mit Meerwasser in den nächsten Tagen geplant.

Aktueller Zustand: Stufe 3 der INES-Skala ("ernster Störfall"). Es gibt es keine Brennstäbe im Kern, dafür umso mehr im Abklingbecken, das eventuell beschädigt ist. Es gibt Hinweise auf eine Überhitzung des Beckens für abgebrannte Kernbrennstäbe. Die Stromversorgung wurde wieder hergestellt, die Beleuchtung im Kontrollraum funktioniert.

Akutes Problem: Am Samstag wurde Wasser gefunden, von dem das Unternehmen annimmt, dass es ebenfalls radioaktiv ist. Laut Kyodo steht es bis zu 80 Zentimeter hoch.

Block 5 und 6: gelten als stabil

Keine Explosionen, keine Beschädigungen

Ergriffene Maßnahmen: im Dachbereich wurden Lüftungslöcher geschaffen, um Wasserstoffexplosionen zu vermeiden

Aktueller Zustand: Die beiden Reaktoren sind unbeschädigt und funktionsfähig, sie wurden nicht auf der INES-Skala eingestuft. Wassereinspeisung in den Reaktorkern oder den Sicherheitsbehälter sind nicht notwendig, Wasserstand und Druck sind sicher. Das Kühlsystem wurde wieder hergestellt.

Wie die Arbeiter gegen den Gau kämpfen

Nach Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde sind noch viele Vorarbeiten nötig, bevor Ingenieure die vermuteten Lecks in den Reaktoren 1, 2 und 3 untersuchen und eventuell abdichten können. Der IAEA-Sicherheitssprecher Denis Flory erklärte, zunächst müssten die Reaktoren weiter gekühlt werden, um überhaupt erst eine Umgebung zu schaffen, in der Menschen innerhalb des Reaktors arbeiten und den Schaden beurteilen könnten. "In dieser Phase sind wir noch lange nicht", sagte Flory.

Seit Beginn der Krise im Atomkraftwerk Fukushima wurden nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo vom Samstag 17 Arbeiter verstrahlt. Dabei wurden nur diejenigen Unfälle berücksichtigt, bei denen eine Radioaktivität von mehr als 100 Millisievert gemessen wurde. Das ist normalerweise die maximale Belastung für AKW-Arbeiter über ein ganzes Jahr hinweg - allerdings hat das Arbeitsministerium diesen Grenzwert für Arbeiter in Fukushima auf 250 Millisievert heraufgesetzt.

Bei dem Unfall im Turbinengebäude von Block 3 wurden zwei Arbeiter ohne Schutzstiefel einer Strahlenbelastung von 2000 bis 6000 Millisievert ausgesetzt, wie die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) am Sonntag mitteilte. Nach amtlichen Angaben kann diese Strahlenbelastung bei Personen, die ihr mit ganzem Körper ausgesetzt sind, innerhalb kurzer Zeit zu Strahlenkrankheit und Tod führen.

"Dürften sich ihrer Mission bewusst gewesen sein"

Die Leitung von Tepco erklärte, jeder Beschäftigte könne selbst entscheiden, ob er unter den jetzigen Bedingungen in dem havarierten Kraftwerk weiter arbeiten wolle. Einem Experten zufolge gibt es diese Wahlfreiheit kaum für Beschäftigte von Drittfirmen, die von Tepco mit der Arbeit in der Anlage beauftragt wurden.

Auch die in Block 3 verstrahlten Arbeiter waren bei einer Drittfirma beschäftigt. Bei den Verletzten handelt es um zwei Mitarbeiter der Firma Kandenko, die für elektrische Anlagen im AKW Fukushima zuständig ist, sowie einen Angestellten eines Unterlieferanten.

Kandenko erklärte laut der japanischen Zeitung "Sankei" am Freitag, einer der verstrahlten Mitarbeiter sei 25 bis 30 Jahre alt und arbeite seit drei Jahren bei dem Unternehmen, der andere sei 30 bis 35 Jahre alt und seit elf Jahren angestellt. Der stellvertretende Kandenko-Verwaltungschef und Firmensprecher Katuya Maeda zeigte sich besorgt um die Arbeiter: "Sie dürften einerseits Angst gehabt haben, andererseits waren sie sich sicherlich ihrer Mission bewusst, die Stromversorgung in der Hauptstadtregion zu sichern." Maeda will die Unfallumstände schnell aufklären - vor allem, ob die Ausrüstung angemessen war. "Es ist selbstverständlich, für die Sicherheit am Arbeitsplatz zu sorgen", so Maeda.

Die Männer werden zurzeit im Strahleninstitut in Chiba behandelt. Laut Nippon TV sollen sie dort zunächst entseucht und dann darauf untersucht werden, ob innere Organ bestrahlt wurden. Die Männer seien bei Bewusstsein und könnten laufen.

Ein Tepco-Sprecher hatte am Donnerstagabend Ortzeit erklärt, die beiden Männer hätten weder Schmerzen noch Übelkeit. Möglicherweise hätten durch die Betastrahlen Verbrennungen und durch die Gammastrahlen Verstrahlung erlitten. Ein Facharzt habe die beiden untersucht, ihre körperliche Kondition "sei gut".

Mitarbeit: Yasuko Mimuro

mit Material von dpa und dapd
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