Emeritierter Papst Benedikt XVI. bittet Missbrauchsopfer um Entschuldigung

Missbrauchstaten angeblich unbekannt, Einsatz in der Seelsorge auch: Mit einem eigenen Faktenabgleich versuchen Joseph Ratzingers Berater, die Unschuld von Papst Benedikt XVI. zu belegen. Er selbst weist zentrale Vorwürfe zurück.
Joseph Ratzinger, emeritierter Papst Benedikt XVI.

Joseph Ratzinger, emeritierter Papst Benedikt XVI.

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A1809 epa ansa Ettore Ferrari/ dpa/dpaweb

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat zentrale Vorwürfe im Münchner Missbrauchsskandal zurückgewiesen. In einem Brief richtete er zugleich eine »aufrichtige Bitte um Entschuldigung« an sämtliche Missbrauchsopfer.

Ratzinger erklärte, er habe große Verantwortung getragen in der katholischen Kirche. »Umso größer ist mein Schmerz über die Vergehen und Fehler, die in meinen Amtszeiten und an den betreffenden Orten geschehen sind«, schrieb er.

Ein echtes Fehlverhalten scheint er weiterhin nicht eingestehen zu wollen. »Bei der Riesenarbeit jener Tage – der Erarbeitung der Stellungnahme – ist ein Versehen erfolgt«, schreibt Ratzinger. Dieser Fehler sei nicht beabsichtigt gewesen »und ist, so hoffe ich, auch entschuldbar«. Das dieses Versehen »ausgenutzt wurde, um an meiner Wahrhaftigkeit zu zweifeln, ja, mich als Lügner darzustellen, hat mich tief getroffen«, schreibt der ehemalige Pontifex .

Die Kirchenrechtler Stefan Mückl, Stefan Korta und Helmuth Pree sowie der Kölner Rechtsanwalt Carsten Brennecke haben ebenfalls am Dienstag einen sogenannten Faktencheck veröffentlicht. Darin beziehen sie Stellung zu aus ihrer Ansicht nach strittigen Punkten aus dem Münchner Missbrauchsgutachten. Der rund 1900 Seiten lange Bericht hatte dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Fehlverhalten bei der Missbrauchsaufarbeitung in mindestens vier Fällen vorgeworfen.

In ihrer aktuellen Stellungnahme dementieren die Kirchenrechtler die Behauptung, Kardinal Joseph Ratzinger habe den später wegen Missbrauchs verurteilten Priester Peter H. Anfang 1980 in Kenntnis seiner kirchenintern bereits bekannten Sexualstraftaten in der Seelsorge eingesetzt und damit Vertuschung betrieben.

Sie erkennen an, dass Joseph Ratzinger – entgegen seiner Angabe in seiner Stellungnahme gegenüber den Gutachtern – in der Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980 anwesend war. In dieser Versammlung war über den aus dem Bistum Essen ins Erzbistum München und Freising überstellten Priester H. gesprochen worden.

Der Fall H.: Ratzinger wusste weder von Missbrauch noch Einsatz in Seelsorge

Benedikts Berater betonen aber, dass Ratzinger in seiner Eigenschaft als Erzbischof von München keine Kenntnis davon hatte, dass Priester H. ein Missbrauchstäter war. Auch sei ihm nicht bekannt gewesen, dass der Geistliche in der Seelsorge eingesetzt wurde.

Zudem sei den Akten zu entnehmen, dass in der betreffenden Ordinariatssitzung nicht über einen seelsorgerlichen Einsatz des Priesters X. entschieden wurde. Auch sei der sexuelle Missbrauch nicht thematisiert worden.

Die Anwesenden hätten lediglich die Unterbringung des jungen Priesters H. besprochen, der sich in München einer Therapie unterziehen sollte. Diesem Anliegen sei entsprochen worden. Warum H. eine Therapie beginnen sollte, sei »in der Sitzung nicht benannt« worden.

»Benedikt XVI. hat nicht gelogen«

Auch die Ansicht der Gutachter, Benedikt XVI. habe zu seiner Anwesenheit in der Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980 bewusst falsch ausgesagt, mithin gelogen, weisen die Kirchenrechtler zurück.

»Die Darstellung in der Stellungnahme von Benedikt XVI., er habe an der Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980 nicht teilgenommen, war zwar falsch. Dennoch hat Benedikt XVI. nicht gelogen oder bewusst falsch ausgesagt«, heißt es.

Zur Begründung führen die Unterzeichner der Stellungnahme an, sie hätten Benedikt bei der Beantwortung des umfangreichen Fragenkatalogs für das Gutachten unterstützt – auch, weil es kirchenrechtliche Bezüge gegeben habe.

Ausschließlich Stefan Mückl sei die elektronische Akteneinsicht gewährt worden, »ohne dass die Möglichkeit bestand, Dokumente zu speichern, auszudrucken oder zu kopieren«. Kein anderer Mitarbeiter habe die Akten einsehen können.

»Nicht aktiv nachgefragt«

Mückl habe die etwa 8000 Seiten der Akteneinsicht aufbereitet. Stefan Korta sei dann im nächsten Schritt unbemerkt ein Übertragungsfehler unterlaufen. »Korta hielt irrtümlich fest, dass Joseph Ratzinger bei der Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980 abwesend war.« Dieser Fehler sei auch später nicht bemerkt worden.

Man habe sich also auf »die irrtümlich fehlerhafte Angabe verlassen« und nicht noch einmal »aktiv nachgefragt«. Benedikt XVI. habe den Fehler aufgrund des hohen Zeitdrucks nicht erkannt, »sondern sich auf die vermeintliche schriftliche Protokollierung seiner Abwesenheit verlassen«.

Diesen Übertragungsfehler könne man Benedikt XVI. nicht als bewusste Falschaussage oder gar Lüge anlasten, so die Unterzeichner. Seine Anwesenheit zu leugnen, habe auch gar keinen Sinn gemacht, weil im Protokoll der Sitzung Äußerungen von Joseph Ratzinger protokolliert waren. »Die Anwesenheit von Joseph Ratzinger war damit offensichtlich.«

Auch in Peter Seewalds Biografie über Benedikt XVI. sowie in Medienberichten aus dem Jahr 2010 werde die Anwesenheit benannt.

»Das Gutachten präsentiert keine Beweise dafür, dass es sich anders verhält.«

Auch in den drei weiteren Fällen von mutmaßlichem Fehlverhalten des emeritierten Papstes sehen Ratzingers Mitarbeiter kein Verschulden. Auch in diesen Fällen habe er keine Kenntnis davon gehabt, dass die Priester Missbrauchstäter seien. »Das Gutachten präsentiert keine Beweise dafür, dass es sich anders verhält.«

Selbst einer der Gutachter habe bei der Präsentation des Missbrauchsgutachtens am 20. Januar gesagt, dass es keinen Beweis gebe. Es sei jedoch nach seiner subjektiven Meinung »überwiegend wahrscheinlich«.

»Aus dem Zusammenhang gerissen«

Ebenfalls Stellung beziehen die Unterzeichner zu einer äußerst umstrittenen Einlassung Benedikts: »Pfarrer X ist als Exhibitionist aufgefallen, aber nicht als Missbrauchstäter im eigentlichen Sinn.« Er banalisiere sexuellen Missbrauch, indem er zwischen Hands-On- und Hands-Off-Delikten differenziere, lautete der Vorwurf.

Seine Unterstützer sagen dazu: »Benedikt XVI. hat in der Stellungnahme Exhibitionismus nicht verharmlost, sondern ausdrücklich verurteilt. Der Satz, der als vermeintlicher Beleg für eine Verharmlosung des Exhibitionismus dient, ist aus dem Zusammenhang gerissen.«

Benedikt XVI. bezeichne Missbrauchstaten explizit als »furchtbar«, »sündhaft«, »moralisch verwerflich« und »nicht wiedergutzumachen«. Es wurde lediglich in der kirchenrechtlichen Bewertung geäußert, dass es sich nach dem damals geltenden Recht nach Einschätzung der kirchenrechtlichen Mitarbeiter bei Exhibitionismus nicht um eine kirchenrechtliche Straftat handelte, da die einschlägige Strafvorschrift derartige Verhaltensweisen tatbestandlich nicht erfasste.

ala
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