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28. Mai 2006, 20:07 Uhr

Papst Benedikt XVI

"Er ist streng wie früher"

Kritische Töne an der Theologie Benedikt XVI. von Mieczyslaw Malinski, langjähriger Freund Johannes Paul II. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE lobt der polnische Priester zwar die Amtsführung des neuen Papstes. Doch dessen Theologie sei nicht modern genug.

SPIEGEL ONLINE: Herr Malinski, nach dem Tod Ihres Freundes Johannes Paul II. und noch vor dem Konklave, in dem Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst gewählt wurde, haben Sie ihn sehr skeptisch beurteilt. Was haben Sie zu kritisieren?

Malinski: Ich muss gestehen, ich habe ihn unterschätzt. Joseph Ratzinger erfüllt sein Amt als Papst perfekt. Für mich ist es eine Überraschung, dass er ein so guter Papst sein kann. Er ist jetzt mehr ein Seelsorger als ein Theologe, der er als Vorsitzender der Glaubenskongregation war. Und das macht er ideal.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl er ganz anders ist als Johannes Paul II.?

Malinski: Es sind zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten. Es ist gut, dass er nicht versucht, seinen Vorgänger nachzuahmen. Er ist selbständig, natürlich, entspannt, herzlich, offen, er interessiert sich für die Leute. Das kann man ihm am Gesicht ablesen - und das Volk ist begeistert. Das zeigt sich darin, dass trotz des schlechten Wetters so viele Leute gekommen sind, um ihn hier in Polen zu sehen. Der Papst und das Volk verstehen sich, obwohl er nicht immer Polnisch spricht. Aber er versucht es, und das freut uns.

SPIEGEL ONLINE: Benedikt wirkt im Vergleich zum ehemaligen Schauspieler und Medienstar Johannes Paul II. eher zurückhaltend, schüchtern, unsicher. Wie erklären Sie sich, dass er trotzdem ähnlich populär ist wie sein Vorgänger?

Malinski: Ich würde nicht sagen, dass er unsicher ist. Er fühlt sich sehr wohl. Beide haben - wenn auch ganz unterschiedlich - die Gabe, bei den Menschen anzukommen. Ratzinger hatte natürlich in seinem Vorgänger einen guten Lehrer. Obwohl er ihn nicht nachahmt, hat er von ihm doch viel gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Hatte man von Kardinal Ratzinger, dem strengen Glaubenshüter, ein falsches Bild?

Malinski: Ich glaube nicht. Er ist auch jetzt streng wie früher. Er ist hart, theologisch, dogmatisch hart.

SPIEGEL ONLINE: Er zeigt sich zumindest dialogbereit. Zum Beispiel hat er seinen früheren Kollegen und scharfen Kritiker Hans Küng, der in Ungnade gefallen war, zu einem Gespräch nach Castelgandolfo eingeladen.

Malinski: Nun, er ist der Papst. Das Amt verleiht ihm eine Souveränität, die er vorher nicht hatte. Dabei hat er das Theologe-Sein nicht abgelegt. In seiner Enzyklika "Deus caritas est" zeigt er sich als guter Theologe. Was er da schreibt, ist kein Schmarren.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem haben Sie gesagt, Ratzinger habe von der Theologie nichts verstanden.

Malinski: Ich habe das so gemeint: Er hat von der modernen Theologie zu wenig aufgenommen. So hat er sich etwa von dem großen Theologen Karl Rahner entfernt, so wie auch von Johann-Baptist Metz und auch vom Rahner-Assistenten Kardinal Karl Lehmann.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das inhaltlich festmachen?

Malinski: Rahner hat die Existentialphilosophie - Martin Heidegger, Karl Jaspers - als Instrument seiner Theologie benutzt. Er wollte damit dem modernen, säkularen Menschen die Relevanz der Theologie und der christlichen Botschaft plausibel machen. Er lehrte, jeder Mensch habe ein übernatürliches Existential, das ihn auf die Transzendenz verweist. Ratzinger hat eine traditionelle Theologie getrieben. Tief zwar und konsequent, aber traditionell. Ratzinger trifft den modernen Intellektualisten nicht so tief wie Rahner. Aber er kann mit dem Mann auf der Straße gute Gespräche führen. Und das ist sehr wichtig.

Das Interview führte Alexander Schwabe

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