Beurlaubter Bischof Tebartz-van Elst Ein Bistum wendet sich ab

Der Papst schließt in seiner Entscheidung zu Franz-Peter Tebartz-van Elst eine Rückkehr nicht aus. Doch selbst Offizielle des Bistums lassen kaum einen Zweifel: Der Bischof hat keine Zukunft in Limburg.

Von , Limburg


Das Priesterseminar des Bistums Limburg ist kein Prachtbau, ganz im Gegenteil. Eher verströmt das nüchtern-graue Gemäuer den kühlen Charme eines katholischen Landschulheims. Die hohen Wände im Erdgeschoss etwa zieren ausschließlich schwarzweiße Porträts ehemaliger Bischöfe, wobei ganz rechts, am Ende des Flures, zwischen Franz Kamphaus und einem Feuerlöscher noch auffallend viel Platz ist.

Um diese derzeit wohl prominenteste Leerstelle in der Kirche geht es am Mittwochnachmittag in der Aula im ersten Stock des Gebäudes. Dort stellt sich das aus fünf Herren bestehende Domkapitel den Fragen der Journalisten. Ein Dutzend Fernsehkameras richtet sich auf die Männer, die nun erklären sollen, was Rom ihnen verordnet hat: Ihr umstrittener Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst muss eine Auszeit nehmen, deren Länge ebenso unbekannt ist wie die fernere berufliche Zukunft des Limburger Kirchenfürsten.

Dabei wird auf der Pressekonferenz schnell offensichtlich, dass auch die Funktionäre des Bistums an einer Rückkehr ihres Bischofs nicht sonderlich interessiert zu sein scheinen. Zwar wissen die Herren um den Domdekan Günther Geis nach eigenen Angaben nicht mehr als das, was der Vatikan am Mittag offiziell mitgeteilt hat, doch ihre Haltung zu Tebartz-van Elst ist eindeutig: "Das Vertrauensverhältnis ist nachhaltig zerstört", so Prälat Helmut Wanka. Geis wiederum sagt: "Neues Vertrauen müsste wachsen, wie das gehen soll, weiß ich nicht." Überhaupt kehrten ja auch Priester, die beurlaubt würden, üblicherweise nicht in ihre Heimatgemeinden zurück, erläutert Wanka, ohne dabei konkreter zu werden.

Furcht vor einem Ausnahmezustand

Spürbar wird in den Äußerungen der Domkapitulare aber auch, dass das päpstliche Votum das Bistum nicht befreit hat von der Krise, in der es sich befindet, sondern diese vielleicht sogar noch verschärfen könnte. "Es wird eine Hängepartie", kritisiert der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz. "Ohne einen Bischof befinden wir uns im Ausnahmezustand." Daher müsse nun so schnell wie möglich geklärt werden, wie es mit dem Bistum weitergehen solle.

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Tebartz-van Elst: Auszeit von den Amtsgeschäften

Doch ein Eilverfahren ist alles andere als wahrscheinlich. Der Papst hat sich mit seiner Entscheidung Zeit verschafft und wird nun abwarten wollen, zu welchem Ergebnis die Prüfungskommission der Deutschen Bischofskonferenz gelangt. Das Gremium soll die auf mindestens 31 Millionen Euro gestiegenen Kosten für die bischöfliche Residenz und das merkwürdige Finanzgebaren des Bistums Limburg genau untersuchen. Und das kann dauern.

Fakten allerdings hat der Vatikan in der Limburger Verwaltung geschaffen. So wird der bisherige Wiesbadener Stadtdekan Wolfgang Rösch mit sofortiger Wirkung die Geschäfte als Generalvikar übernehmen. Der 54-Jährige, der sich derzeit auf einer Pilgerreise in Spanien befindet, stand zwar bereits als Nachfolger des bisherigen Amtsinhabers Franz Josef Kaspar fest, allerdings sollte er seinen neuen Posten eigentlich erst zum 1. Januar 2014 antreten. "Immerhin ist niemand von außen ins Bistum gekommen", kommentiert Domdekan Geis die Personalie.

"Schlimmer noch waren für mich die Lügen"

Wie tief die Limburger Notlage aber die katholische Kirche in Wahrheit erschüttert hat, zeigen die Reaktionen der Gläubigen. "Es sind viele Wunden entstanden, viele Ungerechtigkeiten geschehen, das Bistum wurde an die Wand gefahren, Narben bleiben zurück", sagt Hubertus Janssen, ehemaliges Mitglied im Sprecherteam der Reformbewegung "Wir sind Kirche". Janssen ist einer der schärfsten Kritiker des Bischofs. "Ich persönlich kann es mir absolut nicht vorstellen, dass Tebartz-van Elst das verlorene Vertrauen jemals wieder zurückgewinnen kann."

Auch zwischen der Alten Vikarie und dem Dom, wo die sündhaft teuren Steine des Anstoßes verlegt wurden, herrscht am Mittwochnachmittag eine Mischung aus ratloser Skepsis und offener Ablehnung. "Die Leute sind enttäuscht und fühlen sich verraten", sagt eine Endfünfzigerin, die sich zusammen mit ihrer Mutter "den Protzbau endlich ansehen will". Dieser Skandal, so prognostiziert die ehemalige Mitarbeiterin eines katholischen Kindergartens, werde dazu führen, dass sich noch mehr Menschen von der Kirche abwendeten.

Eine andere Rentnerin empört sich über die öffentlich gewordenen Details des luxuriösen Baus: "Also eine Badewanne für 15.000 Euro hätte wirklich nicht sein müssen", sagt sie, "aber schlimmer noch waren für mich die Lügen."

In einem Seitenschiff des Doms erläutert derweil eine Fremdenführerin einer Gruppe betagter Besucher die architektonischen Schönheiten des Gotteshauses. So versinnbildliche dieses Fresko von 1235 - ihre ausgestreckte Hand wandert hinauf zu einer verblassten Darstellung des gekreuzigten Jesus - die "Verbundenheit mit Christus, die einen Neubeginn bewirken soll". Da beugt sich ein älterer Mann zu seiner Frau hinüber und raunt ihr ins Ohr: "Der Tebartz kann von mir aus auch neu beginnen - aber nicht hier."

insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
MaxSeelhofer 23.10.2013
1. "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit
"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude [wage es verständig zu sein]! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne Zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Immanuel Kant (Deutscher Philosoph, 1724 - 1804)
bürger_prollmann 23.10.2013
2. optional
Stellt sich die Frage, wozu Menschen überhaupt eine Kirche als Gehhilfe durchs Leben benötigen.
schweden65hro 23.10.2013
3.
und wer zahlt den ganzen Spass?
Meskiagkasher 23.10.2013
4.
Zitat von MaxSeelhofer"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude [wage es verständig zu sein]! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne Zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Immanuel Kant (Deutscher Philosoph, 1724 - 1804)
Eben. Es ist völlig gleich, welche Maßnahmen seitens der Kirche ergriffen werden, denn das Grundproblem bleibt: dass es Leute in diesem Land gibt, die nicht aufgeklärt genug sind, die Scharlatanerie der Religionisten um ihren erfundenen Gott zu durchschauen und zu erkennen, dass sich Funktionsträger der religiösen Institutionen auf Staatskosten ein schönes und einfaches Leben machen. Die ganze Glaubensindustrie gründet auf *nichts*. Kathedralen und Paläste zum Prunk eines nicht existierenden Gottes. Man stelle sich einfach vor, es gebe die Kirchen nicht, und erst jetzt käme einer auf die Idee. Was würde man mit dem machen? Genau: in die Geschlossene.
ChrisD 23.10.2013
5. Und wer wohnt
dann in einem Jahr in dem fertig gestelltem Bau? Wer auch immer. Derjenige muss sich wenigstens nicht rechtfertigen.
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