SPIEGEL ONLINE

Benedikt-Biograf Andreas Englisch "Er hört nicht auf, Papst zu sein"

Andreas Englisch wusste es schon länger: Der Papst-Biograf sagte bereits im vergangenen Jahr den Rücktritt Benedikts voraus. Im Interview erklärt er, was ihn so sicher sein ließ und warum dem Vatikan ein Krieg unter Kardinälen droht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Englisch, schon im vergangenen Jahr haben Sie vorausgesagt, dass der Papst demnächst zurücktritt. Wie kamen Sie darauf?

Englisch: Ich habe Joseph Ratzinger schon vor Ewigkeiten kennengelernt. Als sein Vorgänger Johannes Paul II. so krank war, hat er gesagt: Das darf ein Papst nicht machen! Wenn er nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte ist, dann muss er gehen.

SPIEGEL ONLINE: Und dieser Moment ist jetzt gekommen?

Englisch: Ein 85 Jahre alter Mann kann irgendwann diese Belastung nicht mehr stemmen. Sie müssen sich vorstellen, dass ein Papst an sieben Tagen in der Woche arbeitet. Die Frage, wer zum Bischof ernannt wird und wer nicht - das ist ein Hauen und Stechen. Dem muss ein Papst gewachsen sein. Diese Last wollte Benedikt einfach nicht mehr. Zumal er ja eigentlich nie Papst werden wollte.

SPIEGEL ONLINE: Man fragt sich, was an diesem Amt so schlimm ist. Hat er das alles wirklich so ungern gemacht?

Englisch: Oh ja! Benedikt hat seine Wahl zum Papst mal mit einer Exekution verglichen. Das war eine dramatische Erfahrung für ihn. Alle, die ihm nahestehen, sagen: Der Mann steht nicht gern im Mittelpunkt. Als Papst stehen Sie aber immer im Mittelpunkt, grundsätzlich. Benedikt hat sich sicher bemüht. Aber er hat das nicht gern gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben angedeutet, dass ein Rücktritt Benedikts ein riesiges Problem für die Kirche wäre. Warum?

Englisch: Weil der Papst auf Lebenszeit gewählt wird. Sie können nicht aufhören, Papst zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Aber genau das ist doch im Kirchenrecht geregelt. Päpste haben das Recht, von ihrem Amt zurückzutreten.

Englisch: Richtig. In Kanon 332, Absatz zwei des Kirchenrechts steht drin, dass der Papst zurücktreten kann. Da steht aber nicht, was er nach diesem Rücktritt ist: Papst? Ex-Papst? Weil das nicht klar ist, hat man immer versucht, diese Situation zu vermeiden. Nehmen Sie nur den Siegelring: Den bekommt man traditionell als Kirchenoberhaupt, er wird mit dem Tod des Papstes zerschlagen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ratzinger jetzt seinen Ring zurückgeben kann. Den wird er behalten müssen. Ein Papst hat nach seinem Rücktritt keine Ämter mehr. Aber er hört nicht auf, Papst zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Das ist zumindest sehr verwirrend. Aber ist es in der Praxis ein Problem?

Englisch: Es könnte doch zum Beispiel die Situation eintreten, dass der Nachfolger einen ganz anderen Kurs einschlägt als Benedikt. Dieser Nachfolger könnte zum Beispiel postulieren, dass Homosexualität keine Sünde ist. Was passiert, wenn sich Ratzinger jetzt als Ruheständler einschaltet und sagt: Ich bin immer noch Papst, und ich sehe das ganz anders?

SPIEGEL ONLINE: Sie befürchten eine Kirchenspaltung.

Englisch: Richtig. Der schlimmste Fall wäre, dass sich ein Teil der Kirche abspaltet. Etwa weil Ratzinger findet, dass sein Nachfolger ihr massiv schadet. Aber ganz im Ernst: Ich glaube, Ratzinger wird froh sein, diese Bürde los zu sein. Der wird sich nicht mehr einmischen.

SPIEGEL ONLINE: In seiner Rücktrittserklärung sagte Benedikt, die "Kraft des Körpers und des Geistes" habe in ihm abgenommen. Wie krank ist der Mann wirklich?

Englisch: Ich glaube nicht, dass er krank ist. Er wird sehr erschöpft sein und auch enttäuscht.

SPIEGEL ONLINE: Enttäuscht wovon?

Englisch: Er hat sich doch immer wieder beschwert, dass er sich von Kardinälen angegriffen fühlt. Sogar sein Kammerdiener hat ihn beklaut…

SPIEGEL ONLINE: …in der Vatileaks-Affäre.

Englisch: Ich glaube, Spaß gemacht hat es ihm schon lange nicht mehr. Hat es wohl noch nie. Benedikt hat sich der Bürde gebeugt.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland steht die katholische Kirche seit Jahren massiv in der Kritik. Hat das womöglich zu seiner Enttäuschung beigetragen?

Englisch: Ja, ich schätze schon. Benedikt hat sich ja beschwert, dass gerade die deutschen Bischöfe immer wieder auf ihn einhacken, etwa im Williamson-Skandal,…

SPIEGEL ONLINE: …als Benedikt die Exkommunikation des umstrittenen Bischofs Richard Williamson rückgängig machte. Aber waren sie denn im Unrecht?

Englisch: Ich finde es unverzeihlich, dass ein deutscher Papst einen Holocaust-Leugner rehabilitiert. Das ist einfach furchtbar. Was mir als Benedikt-Biograf am meisten wehtut: Ich hatte von ihm eine große Geste erwartet. Dass er sich klar äußert zum Versagen der katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg. Er hätte den Mut aufbringen müssen zu sagen: Die Kirche trägt eine ganz große Schuld. Das wäre seine historische Rolle gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen schlug sich Benedikt mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche herum.

Englisch: Dafür konnte er nichts, und er musste das auslöffeln. Das hat er meiner Meinung nach sehr gut gemacht, er war demütig.

SPIEGEL ONLINE: Davon abgesehen - wie würden Sie Benedikts Amtszeit bilanzieren? War er ein guter Papst?

Englisch: Sagen wir es so: Er war der Papst, der keine Chance hatte. Sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. war ja wahnsinnig erfolgreich - der Papst, der zum Fall der Mauer beitrug und Galileo Galilei rehabilitierte. Jeder, der diesen Jahrtausendmann beerbte, hatte schlechte Karten. Und wenn dann noch jemand kommt, der so wenig Lust auf das Amt hat - dann wird es schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Was schätzen Sie, wer Benedikt im Amt beerben könnte?

Englisch: Ich denke, es wird einen Krieg geben. Auf der einen Seite sind die Italiener, die das Amt für sich zurückhaben wollen. Auf der anderen Seite steht die Globalisierungsfraktion, die sagt: Nach einem Polen und einem Deutschen muss es ebenso global weitergehen.

SPIEGEL ONLINE: Wird es einen liberaleren Papst geben nach dem eher konservativen Dogmatiker Benedikt?

Englisch: Darum geht es gar nicht so sehr. Entscheidend ist eher die Frage: Will man einen starken Papst wie Johannes Paul II., der viele Entscheidungen im Vatikan an sich reißt? Oder eher einen schwächeren wie Benedikt, der lieber delegiert? Und da ist das Experiment mit Benedikt wohl gescheitert.

Das Interview führte Rainer Leurs

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.